Sowjetische Panzer und Sturmgeschütze vor der Ruine des Königsberger Schlosses im April 1945.
Sowjetische Panzer und Sturmgeschütze vor der Ruine des Königsberger Schlosses im April 1945.

Dem Historiker Christian Hardinghaus gelingt es immer wieder, eindringliche Erlebnisse aus der Zeit ab 1939 mittels Zeitzeugenberichten zur Sprache zu bringen und sie vor dem Vergessen zu bewahren. Mit seinen Büchern reisst er Erinnerungsmauern ein und betritt Tabubereiche. Hardinghaus ist dabei unverdächtig, er fungiert als Vermittler. Immerhin wurde er in der Rubrik „Antisemitismusforschung“ promoviert.

Im Opfer/Täter-Diskurs nach 1945 war die Verteilung der Schuld ziemlich klar. Es gab die Bösen (Deutsche) und die Guten (Alliierte). Die Diskussion ließ jegliche Ambivalenz vermissen. Hardinghaus hatte damit aufgeräumt, indem er den Mitläufern und Gedungenen eine Stimme gab. Wie lobenswert!

In seinem neuen Buch widmet sich Hardinghaus einem ganz konkreten Opfer aus dem „Tätervolk“: Erzählt wird die Geschichte von Ursula Dorn, geborene Buttgereit, 1935 in Königsberg zur Welt gekommen. Ihre ihm anvertraute Geschichte wandelt Hardinghaus, ohne zu übertreiben oder etwas hinzuzufügen, in eine Horrorgeschichte.

Dem Impuls, dieses Buch Kindern oder Enkeln zum Lesen zu geben (weil sie von den hier beschriebenen Geschehnissen garantiert nichts wußten und es in der Schule auch nie erfahren werden), darf man nicht nachgeben. Diese Nacherzählung eignet sich weder für Kinder noch für sensible Gemüter.

In aller Kürze: Ursula hat als Älteste vier jüngere Geschwister. Der jüngste Bruder ist ein uneheliches Kind, weshalb der über alles geliebte Vater bei einem Fronturlaub gegen Neujahr 1944/45 die Familie verläßt.

Am 13. Januar 1945 beginnt die sowjetische Großoffensive auf Ostpreußen. Bis dahin waren etwa 120.000 Deutsche in Königsberg und insgesamt rund 250.000 in ganz Ostpreußen eingeschlossen. Endlich erlaubt der berüchtigte NS-Gauleiter Erich Koch (der sich später rasch absetzte und kurzzeitig eine neue Existenz in Dänemark aufbaue konnte) die Flucht, nachdem er über Wochen die Stadt zur Festung erklärt hatte.

Ursulas Mutter will nicht fliehen. Sie ist politisch links – vielleicht erhofft sie sich dadurch ein passables Durchkommen bei den neuen Herren. Ein entscheidender Fehler, den Ursula ihrer Mutter lange nachtragen wird.

Was Ursula dann zwischen Anfang 1945 und Herbst 1948 erlebt, spottet jeder Beschreibung. Am 9. April 1945 attackieren 1500 (!) sowjetische Flugzeuge das Stadtzentrum Königsbergs. Es bleiben nur Ruinen.

Die zehnjährige Ursula erlebt das alles: Die wochenlangen, ziellosen Todesmärsche hin und her. Dabei sterben viele, (es sind ja fast ausschließlich Frauen und Kinder) werden erschlagen, versinken im Moor, verhungern. Ursula erlebt dutzende Vergewaltigungen mit. Durch ein Wunder überlebt die Familie bis auf den Kleinsten – halbverhungert. Irgendwann (bei extremem Untergewicht setzt das Hirn aus) reißt Ursula aus und fährt mit einem Güterwagen nach Kaunas, Litauen. 

Dort wird sie von mitleidigen Leuten aufgepäppelt. Sie reist mit gefülltem Rucksack zurück nach Königsberg. Dort findet sie ihre Geschwister im Sterben – vor Hunger. Ursula möchte sie alle mitnehmen, erneut nach Kaunas – aber sie können nicht mehr. Sie sind zu schwach. Nur die Mutter bricht mit auf und lässt ihre Kinder bei einer Nachbarin – was nie wieder gutzumachen sein wird.

An dieser Stelle beginnt das wahre Elend erst. Ursula wird zum Wolfskind. Nicht alle der damals Betroffenen fühlen sich mit dieser Benennung wohl. Ursula sagt, es passt. Sie waren völlig verwildert und gefühlstaub. Ursula zieht mit ihrer ungeliebten Mutter durch Litauen. Läuse, Krätze, Ruhr – was für ein entsetzliches Dokument. Aber wir dürfen die Augen nicht verschließen. Es ist eine deutsche Geschichte.

Bestellempfehlung:

» Christian Hardinghaus: Das Wolfsmädchen. Flucht aus der Königsberger Kriegshölle 1946 – hier bestellen.

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12 KOMMENTARE

  1. Nein, einen Literaturpreis wird so ein Buch leider nie erhalten, jedenfalls nicht in Deutschland, und darum werden die, die solche Bücher unbedingt mal lesen sollten, auch dieses Buch nie lesen.
    Es steckt ja schliesslich voller bösem Revisionismus und eine Neu-Betrachtung gewisser Ereignisse in unserer Geschichte, nicht nur während der ersten sozialistischen Diktatur in Deutschland, scheuen unsere „Eliten“ wie der Teufel das Weihwasser.

    Warum eigentlich? Denn egal, wie oft man beispielsweise das Ergebnis von Eins plus Eins auch neu betrachtet, das Ergebnis lautet immer Zwei.

  2. Das „Wolfsmädchen“ werde ich mir kaufen und weiter empfehlen.
    passend dazu:
    der Film Wolfskinder
    Ostpreußen im Sommer 1946. Tausende elternlose Kinder kämpfen nach dem Zweiten Weltkrieg um ihr Überleben und versuchen, in kleinen Gruppen in die Wälder Litauens zu fliehen. Unter ihnen befindet sich auch der 14-jährige Hans (Levin Liam), der von seiner Mutter (Jördis Triebel) am Sterbebett noch eine letzte Aufgabe mit auf den Weg gegeben bekommen hat: Er soll sich um seinen kleinen Bruder Fritzchen (Patrick Lorenczat) kümmern und sich mit ihm nach Litauen durchschlagen. Schließlich soll es dort noch Bauern geben, die deutsche Kinder bei sich aufnehmen. Aber die Reise ist kräftezehrend und als die Brüder in der Wildnis zwischen die Fronten geraten, verlieren sie sich aus den Augen. Nun muss Hans alles daran setzen, seinen kleinen Bruder in dem fremden Land wiederzufinden, um den Wunsch der Mutter zu erfüllen. Der Hunger, die Kälte und die Unbarmherzigkeit der Natur werden ihm schnell zur Qual.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Wolfskinder_(Film)

  3. Auch sehr zu empfehlen, die super interessante Doku von Eberhardt Fechner,
    welche das Schicksal einer Familie erzählt,
    gibt es sicher noch irgendwo im Netz.

    „Wolfskinder
    Film von Eberhard Fechner

    Der Film erzählt die Geschichte einer ostpreußischen Flüchtlingsfamilie, die sich auf den Trecks aus ihrer Heimat verloren hatten und auf wundersame Weise wieder zusammenfanden. Mit seinem Film „Wolfskinder“, dem letzten vor seinem Tod am 7. August 1992, schuf Eberhard Fechner sein filmisches Meisterwerk, ein bleibendes Dokument der verlorenen Heimat im Osten, ein Zeugnis auch für die Opfer der Kriegs- und Nachkriegszeit. Vor allem aber bekundet es die Hilfsbereitschaft der litauischen Bauern. Ihnen hat Fechner seinen Film gewidmet.
    https://www.phoenix.de/sendungen/dokumentationen/wolfskinder-a-95150.html

  4. Dieses Buch müsste sich die heutige Jugend besonders
    gut anschauen. Das ist die Lektüre, für Neubauer, Greta und
    Millionen von jungen deutschen Ferkeln, um zu verstehen
    welche verwahrloste Subjekte aus ihnen entstanden sind.

  5. Dieses Geschehen wird uns als Befreiung verkauft. Natürlich würde ich die wahrheitsgetreue Darstellung der Sieger niemals anzweifeln, denn nie und nimmer würden uns die Alliierten belügen – das ist doch allen klar.

  6. „Bis dahin waren etwa 120.000 Deutsche in Königsberg und insgesamt rund 250.000 in ganz Ostpreußen eingeschlossen.“

    Hm, hängt noch eine 0 dran, dann liegt Ihr richtig: 2.500.000 Deutsche lebten vor der Flucht in Ostpreußen.

    S A N T I A G O

  7. Ja, weint mit mir. Wer die gesetzlich festgezurrten Rollen umkehrt, kommt der Wahrheit etwas näher.

  8. Meine Vorfahren kommen aus der Gegend Ragnit/Tilsit. In einem Bücherschrank fand ich das leider total zerfledderte Taschenbuch

    Ich sah Königsberg sterben: Hans Deichelmann

    Hier berichtet ein deutscher Arzt von den letzten Tagen der Belagerung Königsbergs und den ersten Wochen und Monaten unter sowjetischer Besatzung. Ich konnte leider nur die übriggebliebenen Ausschnitte aus diesem Buch lesen aber die haben es in ihrer eindringlichen und erzählerisch guten Schilderung in sich. So in etwa muss die Apokalypse aussehen. Menschen, die in den Ruinen von Königsberg versuchen zu überleben und eine außer Rand und Band geratene Soldateska, die in der Stadt säuft, prügelt, mordet, quält und vergewaltigt.

    Wer sich anschaut, was von dem blühenden Ostpreußen (sinnigerweise ehemals die Kornkammer des deutschen Reiches) übriggeblieben ist und das über 70 Jahre nach diesen Ereignissen an die Stelle des einstmals schönen und friedlichen Ostpreußens nur ein Kriegshafen mit etwas Hinterland getreten ist, der fragt sich, was solche Eroberungen bringen. Daran musste ich auch gerade angesichts der aktuellen Ereignisse und Parallelen denken.

  9. Nach Aussagen des ehemaligen Gorbaschow Beraters, könnte man heute, die Vertreibung,oder sagen wir besser Deportartion ,infolge einer ethnischen Bereinigung, von rund 3,6 Millionen Deutchen aus dem Königsbergergebiet ,Familien die dort seid Jahrhunderten lebten, mit Fug und Recht ,Kriegsverbrechen nennen.Auch die Tatasache das noch jeden Menge Deutsche bis 1947 den Russen im Gebiet als deutsche Zwangsarbeiter dienten, steht nicht uns unseren Schulbüchern.In unseren Schulbüchern steht nur die Wahrheit der Sieger.

  10. Hitler und seine Nationalsozialisten haben unvorstellbares Leid erzeugt

    Aber wer hat diese Irren aufgebaut und warum sind diese Leute dann aufgestiegen?

    Wie beim heutigen Dritten Weltkrieg der USA gegen Russland (bei dem die USA Deutschland und die EU reingezogen hat) hatte auch der zweite Weltkrieg seine Vorgeschichte.

    Und besonders die USA und GB spielten eine entschiedene Rolle.

  11. Solche Geschichten gibt es auch in Vietnam, in Syrien, in Libyen, im Irak und überall sonst, wo die so genannten Eliten meinen, in die Geschichte einzugreifen um etwas mehr Geld zu verdienen

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