Deutschlands neue Lichtgestalt

Mesut ÖzilAb und an wünschte man sich, man wäre vom anderen Ufer, dann könnte man seiner Zuneigung zu dem kleinen Hasen erst recht freien Lauf lassen. Nebenbei hätte es den Vorteil, dass man endlich auch mal einer geachteten Minderheit angehörte statt nur der drögen Mehrheit, von der die deutsche Intelligenzia (aber auch Grüne und Linke) sich immer so abgestoßen gibt – man hat ja schließlich sonst nichts, was einen vom Gewöhnlichen unterscheidet.

(Von Schalk Golodkowksi)

Bei gesellschaftlichen Anlässen könnte man auf die Frage nach der eigenen Randgruppenzugehörigkeit frei heraus antworten und müsste nicht mehr verschämt die Augen zu Boden richten, herumdrucksen und schließlich „Steuerzahler“ murmeln. Aber jetzt ist es zu spät für eine Neuorientierung, und das Normale macht ja bisweilen auch Spaß, auch wenn ihm ein wenig der Geruch des Spießigen anhaftet.

„Er trickst wie ein Hase“, schrieb die spanische Presse schon im September über den Neuzugang bei Real Madrid, der die Herzen der Fans im Sturm eroberte. Inzwischen ist das Lobkonzert so angeschwollen, dass Mesut Özil abblockt, wenn man ihn mit Zidane vergleicht. Aber man sieht ihm an, dass er stolz und glücklich ist.

Als Real Madrid kürzlich ohne den verletzten Ronaldo souverän gewann und Özil wieder einmal virtuos aufspielte, feierten ihn die spanischen Medien als „deutschen Mozart“. Ein Blatt meinte gar, Özil könne wie einst Jesus übers Wasser laufen. Mohammed besaß diese Fähigkeit bekanntlich nicht, was übrigens der Grund sein dürfte, warum das Abendland dem Orient technisch so weit enteilt ist.

Zwar sind spanische Journalisten mit Lob so schnell zur Hand wie mit Verdammnis, aber die Begeisterung über Özil hält sich schon seit Monaten auf höchstem Niveau, von zwei, drei schwächeren Spielen abgesehen. Vor allem aber hat er die Zuschauer auf seiner Seite, sie verzeihen ihm auch mal einen schwachen Tag. Man kann ohne Übertreibung sagen, dass sie lieber ihn spielen sehen als Cristiano Ronaldo. Wenn er zur Belohnung kurz vor Schluss ausgewechselt wird, stehen sie im Stadion von den Sitzen auf und applaudieren, auch die Ischiaskranken.

Die spanische Presse hebt selten auf seine türkische Abstammung ab, es ist fast immer nur vom „alemán“ die Rede, ebenso wie bei seinem Mannschaftskameraden Sami Khedira. Wenn die deutsche Nationalelf ein Spiel austrägt, wird stolz über die Teilnahme der beiden berichtet. Und sollte doch einmal, wie vor ein paar Tagen auf einer Pressekonferenz, ein Reporter Özil fragen, ob sein Spiel mehr deutsch oder mehr türkisch geprägt ist, dann übergeht er das inzwischen in der Antwort einfach. Hier ist er manchem Journalisten weit voraus, der es nicht fassen mag, dass ein Deutscher so herrlich Fußball spielen kann und daher nach den Genen sucht, was man ja bekanntlich nicht tun sollte.

Trainer José Mourinho hat ihn als unersetzlich und unverkäuflich bezeichnet. Sportdirektor Valdano prophezeit, Özil werde den Verein in der kommenden Dekade prägen. Die Sportzeitung „Marca“ stellte ihn vor wenigen Tagen in einem Videokommentar als „zukünftigen besten Spieler der Welt“ vor.

Mesut Özil ist 1988 in Gelsenkirchen geboren, vor dem Fall der Mauer, ein astreiner Wessi also. Sein Vater wanderte mit den Großeltern vor vier Jahrzehnten als Zweijähriger nach Deutschland ein, er besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft. Im Jahr 2007 beantragte Mesut Özil seine Entlassung aus der türkischen Staatsbürgerschaft – „aus Überzeugung“, wie sein Manager Reza Fazeli sagte. Im Jahr 2006 lief er für die deutsche Jugendnationalmannschaft auf, 2009 kam es dann zum Showdown zwischen dem türkischen Fußballverband und dem DFB und zur Entscheidung, für die deutsche Nationalelf zu spielen.

Das Drängen des türkischen Verbandes wehrte Fazelli mit der Aussage ab: „Für uns ist nicht das Thema, wer schneller ist. Von unserer Seite ist die Sache ohnehin erledigt.“ Zu diesem Zeitpunkt hatte Özil von Joachim Löw noch keine Einladung für die A-Elf erhalten und jener machte auch deutlich, dass er ihn nicht aus sportpolitischen Gründen berufen würde, sondern wenn die Zeit dafür reif sei. Özil ging das Risiko ein. Er hat immer betont, dass er dem deutschen Verband alles verdankt und für ihn nichts anderes in Frage kam.

Die türkischen Fans zahlten es ihm beim EM-Qualifikationsspiel gegen die Türkei im Oktober in Berlin mit einem gellenden Pfeifkonzert bei jeder Ballberührung heim. Die Grünen und Linken schwiegen, sie sind ja nicht grundsätzlich gegen Nationalismus, sondern nur bei dem Volk, dem sie so ungern angehören, auf das sie aber leider wegen der vermaledeiten Lebensunterhaltsfrage angewiesen sind. Und weil sie sonst auch keiner nähme.

Özil, das Schlitzohr, bedankte sich beim Land seiner Vorfahren artig mit einem Tor und hielt sich beim Jubeln zurück. Äußerlich. Sein schüchternes Lächeln hat ihm auch in Madrid die Sympathien zufliegen lassen, erst jetzt allmählich wird er freier und strahlt wie ein Maikäfer, wenn er dem Gegner mit zwei, drei Haken entwischt und dann dem Mitspieler den Ball uneigennützig so vorlegt, dass dieser ihn nur noch einschieben muss. Selbst Cristiano Ronaldo trifft inzwischen wieder das Tor.

Dass Mesut Özil Respekt und Gefühle für das Land hat, in dem seine Großeltern aufgewachsen sind, ist eine Selbstverständlichkeit. Andere Auswanderer geben dies ihren Kindern und Enkeln auch mit. Im „deutschen Athen“ Milwaukee in Wisconsin veranstaltet die Stadt jedes Jahr das „German Fest“. Man kann assimiliert sein und trotzdem die Traditionen seiner Vorfahren wahren und stolz auf seine Abstammung sein. Wichtig ist, dass man assimiliert ist, und je eher man das Erdogan und seinen Statthaltern unzweideutig klar macht, desto besser für die Entwicklung.

Auf dem Gipfel der Sarrazin-Debatte erhielt Özil im November 2010 einen „Bambi für Integration“. Roberto Blanco wird es sicher stirnrunzelnd zur Kenntnis genommen haben. Seit fünfzig Jahren singt er Deutschland in Grund und Boden, und nun kommt so ein Bleichgesicht und schnappt ihm den Preis weg. Dass es überhaupt einen solchen braucht und man einen in dritter Generation hier lebenden millionenschweren Spitzensportler dafür auswählte, sagt alles über den Stand der Integration und den Realitätsverlust mancher Kreise aus. Mesut Özil sei die Ehrung trotzdem gegönnt, aber dafür wollen wir bei der nächsten Euro dann auch den Titel haben, claro?

Dass einige Spieler die Nationalhymne nicht mitsingen, ist geschenkt. Nach meiner Erinnerung kam das erst um das Jahr 1990 so richtig in Mode, als man sich auch zu trauen begann, Deutschlandflaggen zu schwenken und selbst die Klemmis beim SPIEGEL es nicht mehr aufhalten konnten. Wer aber einmal Andy Brehme hat trällern hören, dem wird der Verzicht darauf nicht schwer fallen. Ein Fußballer muss in der Lage sein, einen Gegner mit einer Blutgrätsche auf die Bahre zu schicken, nicht ihn in Schlaf zu singen. Franz Beckenbauer, letzter deutscher Kaiser und nachweislich praktizierender Hetero, hat es zwar kürzlich wieder eingefordert. Aber selbst wenn er bei dieser Ansicht länger als die üblichen drei Tage bleibt, ist fraglich, ob er sich durchsetzen kann. Denn jetzt haben wir eine neue deutsche Lichtgestalt, die zwar nicht singen mag, aber dafür auch nicht am laufenden Band Eigentore schießt.


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