WELTWOCHE: die Ethik- und Moralseuche

„Eine Seuche ist tief in alle Verästelungen der westlichen Gesellschaften eingedrungen: die Ethik.“ So beginnt ein Artikel in der aktuellen WELTWOCHE 20/11, der den Nagel auf den Kopf trifft. Der Teufel soll diese verlogenen Ethiker holen. Wie soll denn ein „Ethiker“ festlegen, in welchem Jahr man den Atomausstieg geschafft haben sollte? Wir leben in einem Irrenhaus! Anbei folgt ein Ausschnitt des Textes, aber zuvor der Hinweis, daß man die WELTWOCHE auch an jedem deutschen Kiosk kaufen kann. Meistens rentieren sich die € 4,40!

Hohepriester der Anmaßung

Nach Fukushima strahlen über allem die Moralprediger und besonders die Energieethiker. Ihr Wirken ist für Individuum und Gesellschaft gefährlicher als jegliche Form der Stromproduktion. Von Urs Paul Engeler

Eine Seuche ist tief in alle Verästelungen der westlichen Gesellschaften eingedrungen: die Ethik. Die sichtbaren Beulen der fortgeschrittenen Infiltration sind Ethiklehrstühle mit Ethikprofessoren sonder Zahl, Ethikforen, Ethikinstitute, Ethikkommissionen, Ethikzentren, Ethikbanken, Ethik(bei)Räte, Ethikkodizes, Ethikfonds, Ethikparteien (www.ethikpartei.ch), Ethikvereine, Ethikschulen plus «Ethiktrainings» für Manager mit integrierten «Diskussionen über Moral, Sein und Haben, das Gute, Werte und Tugenden, ­Sollen».

Die Moralisten haben sämtliche Lebensbereiche erobert. Es gibt – die Aufzählung kann nie abschliessend sein – Broschüren, Bücher, Bibliotheken, Seminare und Spezialisten für Arbeitsethik, Sportethik, Pflegeethik, Be­triebs­ethik, Ernährungsethik, Tierethik, ­Polizeiethik (mit Kodex des Europarates), Wirtschafts­ethik, Tötungsethik, Sexualethik, Konsumethik, Reproduktionsethik, Mobilitätsethik, Gewinnethik, Landwirtschaftsethik, Kriegsethik, Pflanzenethik, Tourismusethik, Handelsethik, Kommunikationsethik, Militärethik (samt Handbuch, 620 Seiten, mit Tipps, ob, wann und wie militärische Gewalt eventuell doch angedroht und praktiziert werden darf), Wanderethik, Bildungsethik, Verteilungsethik, Waldethik, Computerethik («Du sollst über die sozialen Konsequenzen deiner Programme nachdenken! Du sollst den Computer so benutzen, dass du Verantwortung und Respekt zeigst!»), Armutsethik, Bioethik. Das Internet quillt über von hochmoralischen Angeboten. Es hat sich eine mentale Pandemie ausgebreitet.

Im Allzeithoch sonnt sich die Spezies der Energieethiker, die der Sparte «Solarethik» huldigen. Nach den Problemen im japanischen AKW Fukushima hat die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) flugs eine Ethikkommission zusammengetrommelt, die ihr die Entscheidung über die Zukunft der deutschen Energieversorgung, insbesondere der (negativen) Bewertung der Atomenergie, abnehmen soll. Ende März wurde das Grüppchen installiert; am 4. April tagten die siebzehn Weisen, vor laufenden Kameras ihre Besorgtheit zelebrierend, zum ersten Mal (zu geniessen über www.phoenix.de). Schon einen Monat später kann die Kommission erstens ihr Fazit («Die Ethikkommission empfiehlt einen vollständigen Ausstieg aus der Kernenergie») ziehen sowie als richtiges Datum dafür das Jahr 2021 nennen.

So rasch können weder Politiker entscheiden noch Ökonomen, Physiker, Ingenieure und andere Energiefachleute rechnen. Diese Berufsgruppen müssen sich an den Realitäten orientieren. Die Ethiker haben’s einfacher. Für sie gilt allein die persönliche Vorstellung vom Guten, Gerechten, Erlaubten und Verbotenen. So ist, wie sie das in Interviews bereits vor der ersten Sitzung erklärt haben, für die drei Vertreter der Kirchen in der deutschen Ethikkommission die Nutzung der Atomenergie a priori ein Verstoss gegen das biblische und ­damit göttliche «Gebot der Bewahrung der Schöpfung». Ergo! Güterabwägungen zwischen Versorgungssicherheit, steigenden Energiekosten (etwa für Hartz-IV-Empfänger) oder Verschandelung der Landschaft und anderen Risiken haben in diesem ideologischen Konzept keinen Platz…

… Nach dem gleichen Muster belehren alle diese Philister. Die Wirtschaftsethiker, durchgehend linker Provenienz, geisseln den Markt und den Wettbewerb. Handelsethiker beklagen den freien Warenverkehr, verlangen fair trade. Konsumethiker befehlen Bio (fleischlos). Unternehmensethiker erklären das Gewinnstreben zur Sünde…

… Tatsächlich erfüllt die Ethik keine einzige der Anforderungen, die an eine Wissenschaft ­gestellt werden müssen. Es gibt keine uni­versalen, allgemein akzeptierten Axiome, aus denen nachvollziehbar verbindliche Folgerungen abgeleitet werden könnten. Es gibt keine Wertneutralität, die ethischen Aussagen Objektivität verleihen könnte. Es gibt keine Empirie, die ethische Aussagen einsichtig macht. Es gibt keine Nachprüfbarkeit der Thesen. Keine ethische Formel kann verifiziert oder falsifiziert werden. Jede ethische Verlautbarung bleibt darum blosse Behauptung. So hat der listige Ethiker auf alles die endgültige Antwort: seine eigene, pseudowissenschaftlich begründet, feierlich vorgetragen, unangreifbar gutmenschlich, applaudiert, in aller Regel (direkt oder indirekt) steuerfinanziert.

Gäbe die Gilde der Ethiker dies zu, könnte sie mit einem Achselzucken geduldet werden wie der TV-Prophet Mike Shiva oder die Vertreterinnen der vielen lustigen Astrologie-Ecken. Zum wachsenden Problem werden die neuen Hohepriester wegen ihrer Anmassung, über die ethisch gültigen Antworten zu verfügen und diese auch durchzusetzen. Im Verbund mit der schwachen Politik machen sie ­ihre willkürlichen Gebote zu beglaubigten Einsichten, zu neuen Normen und schliesslich zu zwingenden Gesetzen… (Weltwoche 20/11)