Geschichte wiederholt sich doch?

Es ist wieder eine dieser Geschichten, die man am liebsten gar nicht anfasst. Wer sich – wie der Autor – fünf mal die mediale Hinrichtung von Eva Herman durch den unsäglichen „Jopie“ Kerner angeschaut hat, weiß eigentlich, wovon man die Finger weglassen soll.

(Von Thorsten M.)
 
Trotzdem beschleicht einen ein gruseliges Déjà-vu, wenn man heute den Medien entnimmt, dass der gestrige 67. Jahrestag des 20. Juli 1944, dazu genutzt wurde, im Morgengrauen den noch vor dem Holocaust nach England geflogenen Hitler-Stellvertreter Rudolf Hess zu exhumieren, um ihn einzuäschern.
 
Rudolf Hess war 1941 mitten im Krieg mit einer eingebildeten oder tatsächlichen Friedensmission über Schottland mit dem Fallschirm abgesprungen und seitdem bis zu seinem Selbstmord 1987 in alliierter Gefangenschaft gewesen.
 
Nach seinem Tod wurde er – auf seinen Wunsch hin – im bayrischen Wunsiedel, dem Herkunftsort seiner Familie, auf dem Evangelischen Friedhof bestattet. Dass sich immer wieder Neonazis zum Gedenken an seinem Grab (Foto oben) eingefunden haben, ist eine unschöne Tatsache. Auch zu Stalins oder Napoleon Bonapartes Grab (auch letzterer hat sehr viel Elend über die europäischen Völker gebracht!) pilgern heute noch weitaus größere Menschenmengen. Aber eigentlich schien das Problem durch ein Nazi-Versammlungsverbot des Bundesverfassungsgerichts für Wunsiedel gelöst.
 
Offenbar stand nun aber die Verlängerung des Grab-Pachtvertrags an und hier wurde der Familie von der Evangelischen Kirchengemeinde die Pistole auf die Brust gesetzt. Dass sich eine Hess-Enkelin – auch juristisch – massiv zur Wehr setzte, half nichts. Die Gebeine seien zu entfernen. Da sich in ganz Deutschland sicher kein Friedhof findet, der sich auf eine Umbettung einlassen würde, werden die sterblichen Überreste nun kremiert und in Ermangelung eines anderen Platzes im Meer verstreut. Die Familie habe sich „schließlich überzeugen lassen“, hieß es einsilbig in den einschlägigen Pressemitteilungen.

Zur Erinnerung – auch weil sich dieser unerhörte Vorgang am Jahrestag des Stauffenberg’schen Attentats auf Hitler zutrug – eine erschreckende Analogie zur totalitärsten Phase der Nazi-Diktatur: Nach dem Scheitern des Staatsstreichs wurden damals Stauffenberg, Werner von Haeften, Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim und Friedrich Olbricht standrechtlich erschossen und auf dem St. Matthäus-Kirchhof in Berlin verscharrt. Schon im Morgengrauen ließ Himmler die Leichen ausgraben, verbrennen und über den Rieselfeldern Berlins verstreuen, damit nichts an sie erinnere. Lediglich verschiedene Gedenksteine, z.B. in der Graf-Stauffenberg-Kaserne in Sigmaringen, halten heute noch das Andenken an diese deutschen Helden wach.
 
Durch Grabverweigerung anderen Menschen Genugtuung verschaffen zu wollen ist – egal durch wen – ein barbarischer Akt, mit dem man sich außerhalb jeglicher Zivilisation stellt. Es ist schließlich ein nicht nur christlicher Grundsatz, nicht über den Tod hinaus zu richten.
 
Glauben die Gutmenschen in Deutschland – und zuvorderst in diesem Fall im Evangelischen Kirchengemeinderat Wunsiedel – wirklich, die letzten Reste des Nazismus austreiben zu können, indem sie solche totalitären Traditionslinien aufgreifen?

Wenn man dies zuende denkt, sollte Thilo Sarrazin (er möge noch viele Jahrzehnte leben!) sich vermutlich heute schon um eine Grabstätte in den noch freien USA kümmern?!