DuMont: Mit jedem Zeit(un)geist Geld verdienen

Was in diesen Tagen zum Thema PI aus der Druckpresse der Kölner Mediengruppe M. DuMont Schauberg (MDS) in die Briefkästen und Kioske dieser Republik gespült wurde, könnte als eine medienhistorische Zäsur betrachtet werden. Informationen, die nur durch illegale Aktionen bis hin zur (Grundrechts-)Verletzung des Fernmeldegeheimnisses gewonnen werden konnten, werden lapidar mit dem Hinweis darauf, angeblich „zugespielt“ worden zu sein, zu einer ganzen Artikelserie gegen PI verwurstelt. Damit legt die Verlagsgruppe ein Journalismusverständnis an den Tag, wie sie es zuletzt zwischen 1933 und 1945 gepflegt hat. Offenbar wird dabei, dass man aus der eigenen unsäglichen (Unternehmens-) Geschichte und der Rolle als bis zum bitteren Ende loyalem Steigbügelhalter eines totalitären Systems nichts gelernt hat.

Hinzu kommt in Zeiten sinkender Printauflagen, rückläufiger Werbeeinnahmen und einer mäßigen Entwicklung des Fernsehmarktes die schiere Überlebensangst der großen Mediengruppen im Hinblick auf die wachsende Bedeutung des bisher nicht richtig kontrollier- und vermarktbaren Internets.

Vor dem Hintergrund dieser unsäglichen Traditionslinie einerseits und solcher Zukunftsängste andererseits war der Amoklauf von Anders Breivik offenkundig der lange ersehnte „Reichstagsbrand“, der endlich – alle Mittel heiligend – Goliaths Sturm auf den kleinen David PI möglich machte.

Dieser (Hacker-)Angriff soll daher hier Anlass sein, einmal historisierend zu verdeutlichen, dass wir es sozusagen mit „Wiederholungstätern“ zu tun haben, deren Chefredakteur offenkundig in die alten „Schriftleiter“-Reflexe seiner Amtsvorgänger zurückgefallen ist.

Gleichwohl muss man sehr vorsichtig sein, was man über die Geschichte des auch in der Nazi-Zeit sehr florierenden Verlagshauses schreibt, das sich heute noch rühmt, ein Familienunternehmen zu sein. Im Jahr 2006 – immerhin über 60 Jahre nach Kriegsende – durften dies auch der SPIEGEL und der Historiker Ingo Niebel erfahren, die offenbar etwas zu undifferenziert aber nicht gänzlich wahrheitswidrig über das Neven-DuMontsche-Kriegsgewinnlertum berichteten. Die Kölner Medienfürsten erzwangen damals, insbesondere zur Frage von „Arisierungsgewinnen“, relativierende Klarstellungen.

Die Kölnische Illustrierte Zeitung wirbt am 11. November 1933 auf dem Titelblatt für Hitlers PolitikUm aber sicher zu gehen, dass ihnen die Deutungshoheit über die eigene Firmengeschichte nicht doch noch abhanden kommt, verpflichtete man damals den bekannten Unternehmenshistoriker Manfred Pohl, als Lohnschreiber unter dem Titel „Der Kampf um die Unabhängigkeit des Zeitungsverlags unter der NS-Diktatur“ eine gnädige Aufarbeitung dieser unsäglichen Epoche vorzunehmen.

In seltener Eintracht fand diese wissenschaftliche Auftragsarbeit bei ihrem Erscheinen 2009 weder in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) noch in der tageszeitung (taz) wirklich gnädige Rezensoren.

Wie die taz gleich unmissverständlich hervorhob, hatte sich „Kurt Neven DuMonts Kölnische Zeitung […] schon vor 1933 vehement für ein Zusammengehen des Bürgertums mit Hitler eingesetzt […].“ Das passt nicht zu dem Bild, ihr Herausgeber habe sich „bis zur letzten Minute“ darum bemüht, „das Unheil aufzuhalten“. Weiter heißt es bei der taz:

Ganz klar profitiert hat das Verlagshaus vom deutschen Angriffskrieg. Die Kölnische gehörte zu den wenigen Zeitungen, die die Propagandaabteilung der Wehrmacht für so linientreu hielten, dass sie sie den Frontsoldaten zukommen ließen. In der Verlagschronik von 1969 heißt es prompt: Die Wehrmacht „war nicht nur ein sicherer Zahler, sondern auch ein bequemer Abonnent: Vertrieb und Versand gingen zu [ihren] Lasten.“ Und weiter ist dort zu lesen: „Solche Umstände haben – von der moralischen Widerstandskraft der Verleger und ihrer Mitarbeiter ganz abgesehen – dazu beigetragen, dass die Kölnische Zeitung und der Stadt-Anzeiger noch bis kurz vor dem Einmarsch der Alliierten herausgebracht werden konnten.“ Noch 1969 war die offizielle Abkürzung für die Kölnische Zeitung übrigens KZ.

Voller postumer Loyalität verheimlichte, ja leugnete, das Verlagshaus bis zu dem Streit über den SPIEGEL-Bericht 2006 offenbar auch systematisch die seit 1937 bestehende NSDAP-Mitgliedschaft des bereits 1967 gestorbenen Firmenchefs Kurt Neven DuMont.

Das Verdikt der linken taz ist daher auch unmissverständlich: „Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass der Verlag ein publizistischer Erfüllungsgehilfe der Nazis war.“

Das wussten aber auch schon die Nazis, die ihrem Kassenwart Kurt Neven DuMont natürlich nicht ohne Grund das angesehene und seltene Kriegsverdienstkreuz erster Klasse verliehen haben. Gleiches gilt für die Alliierten, die mit klarem Faktenbezug den DuMontschen Blättern – im Gegensatz zur Kölnischen Rundschau und zur Rheinischen Zeitung – erst sehr spät das erneute Publizieren erlaubt haben.

Die FAZ ergänzte, Entlastendes sonst durchaus würdigend:

Durch ihr Arrangement mit der NS-Diktatur haben sie jedoch letztlich Mitverantwortung für den Machterhalt des Systems getragen. […]

Die Frage bleibt, warum die Journalisten trotz dieser Heuchelei und der Gewissensnöte weiter mitmachten und weitgehend im Sinn des Regimes schrieben. Sie hätten immerhin in den Fachjournalismus oder andere Berufe wechseln können, wie es manche auch getan haben.

Dass es auch Verleger gab, die sich nicht dem verbrecherischen System auslieferten, bewies eine Vielzahl verbotener Zeitungen, zu denen ab 1943 z.B. die Frankfurter Zeitung zählte, deren Redakteure nach dem Krieg die FAZ mit aus der Taufe hoben.

Vor diesem Hintergrund bleibt fast nebensächlich, wenn die FAZ weiter berichtet:

Gleichwohl hat die Familie Neven DuMont die vom NS-Regime geschaffenen Zwangslagen für jüdische Bürger zum Kauf der ihr angebotenen Grundstücke genutzt. Einem solchen Erwerb musste, wie Pohl schreibt, „ein Ruch anhängen“. Das Interesse war aber offensichtlich größer als die Bedenken. Nach dem Krieg kam es zu Wiedergutmachungsverfahren mit den früheren Eigentümern oder ihren Erben.

Die interessanteste Lehre aus diesem kriminellen Angriff auf PI und obigem historischen Exkurs ist: Kontinuität hat nicht unbedingt etwas mit dem Thema, welche (Grund-)Meinung man (z.B. in einem Blatt) vertritt zu tun. Kontinuität kann man genauso auch bei der Frage nach der Kritikfähigkeit bezüglich der im Lande jeweils vorherrschenden Meinung und der Willfährigkeit bezüglich der Macht an den Tag legen. Dies ist dann der skrupellose Wille, mit jedem Zeit(un)geist irgendwie opportunistisch sein Geld zu verdienen. Oder das beobachtete Phänomen, dass manche Familien in jeder Generation und Staatsform aufs Neue – wie zum Beispiel die DuMonts oder die von Weizsäckers – ohne Skrupel vorne oder zumindest oben mitmischen.

Von einem Medienhaus, das nach über 60 Jahren nur durch Druck von außen und scheibchenweise die eigene Nazivergangenheit aufarbeitet, sollte man daher fünf Jahre später keine „türkische Anerkennung der Armeniermorde“ erwarten. Wer sich so lange der Frage, was man unter anderem dem demokratischen Gedanken im Dritten Reich angetan hat, nicht stellt, kann einen fairen Bezug zu Minderheitsmeinungen nicht lernen!

Wir können der Meinungsfreiheit, PI und unserem Land nur wünschen, dass es keine weiteren 66 Jahre dauern wird, bis der DuMont-Medienkonzern hier aufwacht. Putins „Gelenkte Demokratie“ könnte sich sonst – eingedenk des deutschen Perfektionismus – sehr schnell als eine harmlose Vorform einer degenerierten zweiten deutschen Republik erweisen.