Ich bin ein „Baby-Boomer“!

Als Kind der sechziger Jahre fand ich es normal, mit 40 Altersgenossen in der Grundschule zu sitzen. Auf der weiterführenden Schule war es ebenfalls kein Problem, mit 44 Fünftklässlern, die in drei parallelen Klassen in so neuen Fächern wie Englisch, Physik oder Chemie unterrichtet wurden, seinen Weg zu finden. Von ca. 130 Sextanern (wie das damals noch hieß) hielten ca. 60 bis zur Oberprima durch und fast alle bekamen das Zeugnis der allgemeinen Hochschulreife. Weil meine Schule eine strenge Leitung hatte, gab es eine Fluktuation der Schüler, weil das Gymnasium der Nachbargemeinde und des Oberzentrums nicht so strenge Maßstäbe zur Erlangung des Abiturs anlegte…

(Von Westzipfler, PI-Köln)

Viele gingen, einige blieben sitzen (ja auch das gab es damals noch) und einige stießen aus den oberen Klassen im Verlauf ihrer Schulkarriere oder durch Zuzug hinzu. Die ca. 60, die es dann irgendwann geschafft hatten, sind heute durch Job, Familie oder aus anderen Gründen in alle Winde verstreut. Dennoch erfährt man hier und da, auch zu Jubiläen des Abiturs, dass sie fast alle ihren Weg gemeistert haben, Familien gegründet oder Karriere (manchmal auch beides) gemacht hatten. Wir sind jetzt schon deutlich alle über die Hälfte unseres voraussichtlichen Lebens hinaus, aber wenn man den ein oder anderen trifft, ist schnell die alte Zeit wieder präsent.

Man blickt zurück, auf die lustigen Sachen, die natürlich immer bestens in Erinnerung geblieben sind, auf seine Stadt, in der sich in den letzten drei Jahrzehnten viel verändert hat, auf gemeinsame Freunde und Bekannte, von denen man dieses oder jenes noch weiß. Kurzum, bei diesen Gelegenheiten stellt sich immer so etwas wie ein Heimatgefühl ein, auch wenn der oder die Betreffenden längst schon woanders leben, teilweise im nahen oder fernen Ausland. Neben den vielen persönlichen Erfahrungen von damals ist es auch die räumliche Umgebung unserer kleinen Stadt, die gewissermaßen den Rahmen für unser Heimatgefühl gab-…..

Sie wuchs, wurde mit neuen Straßen, Kreisverkehren oder Gewerbegebieten ausgestattet, die Hauseigentümer bauten an, bauten um oder bauten neu. Alte Bombengrundstücke wurden im Lückenschluss mit schönen, neuen und bequemen Häusern bebaut, die alten Geschäfte und Kneipen der Jugend wurden renoviert, wechselten ihren Besitzer oder machten dicht. Es ging aber immer irgendwie weiter, alte Läden gingen, neue Branchen kamen, neue Ideen zogen ein, das Leben in der Einkaufsstraße pulsierte weiter. Als Kleinstadt hatten wir nie die „Deichmanisierung der Innenstädte“ fürchten müssen, unsere Läden waren immer inhabergeführt, man kannte sich und man kaufte mit persönlicher Beratung ein und wenn irgendwas nicht zur Zufriedenheit des Kunden geregelt war, gab es aufgrund der persönlichen Bekanntschaft in aller Regel nie Probleme, sich zu einigen, schließlich hatte man ja einen guten Namen zu verlieren.

Nach dreißig Jahren ist es nun an der Zeit, sich ein neues Bild seiner „Heimat“ zu machen, seine Wahrnehmung quasi auf „Reset“ zu setzen und einmal ohne die nostalgische Verklärung seiner eigenen Erinnerung auf die unmittelbare Umgebung seines Lebensumfeldes zu blicken.

Und was sieht man? Eine „Stadtattrappe“, eine Umgebung, die vorgaukelt, eine lebendige Stadt zu sein!

Aus den inhabergeführten Geschäften wurden „Ein-Euro-Shops“, Handyläden oder Immobilienbüros. Auch findet man viele Leerstände, halbherzig dekorierte Blumen- oder Deko-Schaufenster mit Hinweisen auf weiter entfernt liegende Betriebe oder einen Imbissbetrieb. Die Flächen vor solchen Lokalitäten verwahrlosen. Hundekot und Papiermüll, der früher von den Geschäftsleuten vor Öffnung des Ladens beseitigt wurde, bleibt in jeglicher Form liegen. Die städtisch beauftragen Reiniger, für die man nun, weil ja die Privaten nicht mehr reinigen, zusätzliche kommunale Gebühren nach Grundstücksbreite bezahlen muss, schaffen es, um die Hundesch…. erfolgreich herumzukehren und die Mülleimer, die immer weniger werden, quellen über von Frittenschalen, Dönertaschen und Pizzakartons. Selbst wenn es der ein oder andere alteingesessene Ladenbesitzer bis hier geschafft hatte, sein Geschäft zu öffnen, seine Kunden bleiben aus.

Wer schon einmal in orientalischen Ländern unterwegs war, kennt die „Schmuddeligkeit“, die selbst gehobene Ladenstraßen in solchen Ländern ausmacht. Die Ladenbesitzer kehren maximal die Breite des eigenen Ladeneingangs, mit etwas Glück findet der interessierte Kunde noch einen Fußabstreifer im Türbereich.

Was in fremden Ländern noch exotisch anmutet, hat Einzug in unseren Lebensbereich gefunden. Türkische Bekleidungshändler, die ihre Auslagen im Sommer wie auf dem Flohmarkt auf Billigkleiderstangen auf dem Gehweg stapeln, Dönerimbisse, vor denen alte Küchenstühle und –tische zum Verweilen einladen sollen, Schaufensterbeschriftungen in allen orientalischen Sprachen außer Deutsch, finster dreinblickende Männer, die sich gelangweilt bei einem Glas Tee und Zigarette die Zeit vertreiben und die Passantinnen mit Blicken ausziehen, all dies hat nun (auch) in meiner kleinen Stadt Einzug gehalten.

Aus den alten Kneipen, in denen früher einmal die Arbeiter nach ihrer Schicht ihr „Herrengedeck“ zu sich nahmen, wächst Gras und Moos oder sie wurden zu „Kulturvereinen“ oder Moscheegemeinden (teilweise aber immer noch mit Gras- und Moosbewuchs). Die alten Wohnblocks, wo früher die Menschen abends mit Stühlen im Sommer draußen saßen, den Kindern beim Spielen zusahen und Klatsch und Tratsch austauschten, sie sind „energetisch“ von den Heuschreckenkonsortien, die sie gekauft haben, aufgemotzt worden. Die Grünflächen wurden zu Parkplätzen und an den Fenstern grüßen Parabolantennen, als ob der CIA eine Außenstelle dort mit Horchposten eingerichtet hätte.

Die Menschen, die man dort noch antrifft, sind abweisend, die Frauen, mit Kopftüchern in allen Formen und Farben wirken verbissen und huschen schnell ins Haus oder eilen mit gebührendem Abstand hinter dunkelhäutigen Männern her, die teilweise wie Taliban aus den Nachrichtensendungen gekleidet sind.

Die Schulen, deren Höfe früher nachmittags als Spielplatz zur Verfügung standen, sind eingezäunt und abgeschlossen, weil die Spielgeräte immer wieder Vandalismus zum Opfer fielen. In den Schulgebäuden selber herrscht eine Atmosphäre, die wie eine Mischung von Li-La-Laune-Land und Stanley Kubricks „Clockwork Orange“ wirkt. Selbstgestaltete Graffiti neben den Ergebnissen der Töpferkurse oder der „Malen nach Zahlen-AG“, dazwischen die sinnfreien Mottos der Abschlussklassen, deren Fotos wie eine Sammlung aus Fahndungsfotos der europäischen Grenzkontrollbehörde „Frontex“ aussieht. Die Fenster sind schmutzig, die Möbel alt und schäbig und die Flure und Treppenhäuser kaputt und düster.

Bestimmte Bereiche der Parks und Wohngebiete wurden zu „no-go-areas“, weil man dort Gestalten trifft, die einem schon tagsüber das Gruseln lehren, geschweige denn abends oder nach Anbruch der Dunkelheit.

Selbst in den Gewerbegebieten, die einst das Sinnbild für Wachstum, Aufbruch und wirtschaftliche Prosperität der Gemeinde waren, stehen Hallen leer, werden ehemalige Parkplätze von Gebrauchtwagenhändlern okkupiert, die unter Namen wie El-AliBaba oder Mudschaheddin-Cars firmieren könnten. Ehemalige Lagerhallen wurden zu Event-Arenen umfunktioniert, dort wird an Wochenenden die ein oder andere türkisch-arabische Großhochzeit abgehalten, selbstverständlich als Privatveranstaltung, die Parkplätze sind rar, aber da es sich ja um Privatvergnügen handelt, sind die Ordnungsbehörden „machtlos“. Firmen, die das Pech hatten, solch einen insolventen Betrieb als Nachbar zu haben, können nun ihre Parkflächen ebenfalls einzäunen, sofern sie nicht am Montagmorgen zwei Reinigungsbeauftrage für mehrere Stunden abstellen können.

Ich könnte noch viele, viele weitere Beispiele aufführen, was mit meiner Stadt in den letzten zehn Jahren passiert ist…

Nur, – es ist nicht mehr meine Stadt.

Ich habe sie aufgegeben, weil sie mir keine Heimat mehr sein kann.
Ich kenne keinen mehr der fremden Menschen, die mir täglich auf der Straße, in der Bank, beim Einkaufen oder bei meinen Geschäften begegnen. Ja, teilweise sprechen sie nicht einmal mehr meine Sprache, geschweige denn meinen rheinischen Dialekt.

Der höfliche Small-Talk, mit dem man sich früher bei seinen Gängen leicht mit den Menschen, auch den Fremden, die man traf, austauschte, ist einem verbissenen „Ich mach mein Ding“ gewichen, nur beim Arzt oder beim Schaltermenschen in der Bank kann man ihn pflegen. Meine vertrauensselige Art, meine Geschäfte zu machen, ist nach vielen herben Enttäuschungen und Zahlungsausfällen einem Zynismus gewichen, der mittlerweile eine Schreibkraft erfordert, um rechtssicher zu arbeiten. Und trotzdem falle ich immer wieder auf „faule Eier“ rein, von denen es früher einfach weniger gab.

Ich habe keine alte Heimat mehr, weder in meiner räumlichen Umgebung, weder mit den Menschen meiner Stadt und erst recht nicht im politischen System, in welchem ich erwachsen und selbständig wurde!

Dieses Gefühl verunsichert mich zutiefst, ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll, da ich ein unverbesserlicher Optimist und Familienvater bin.

Die natürliche und einfachste Reaktion wäre, alles hinzuschmeißen, in die innere Immigration zu fliehen und sich in die soziale Hängematte zu legen, solange sie noch ein paar Knoten hat, die ein Reißen verhindern.

Aber was danach? Wenn sie zerrissen ist?

Keine Lösung für meine Generation, die anders erzogen wurde! Kämpfen gegen die Verwahrlosung? Kämpfen gegen die „Scheißegal-Mentalität“ meiner Mitmenschen, meiner Kirchenvertreter, meiner Politiker? Wozu?

Um im „Kampf gegen Rechts“ als Täter gebrandmarkt, wirtschaftlich vernichtet und womöglich dem wertvollsten, was ich mir erarbeitet habe, meiner Freiheit beraubt zu werden? Was ist mit meinen Freunden? Warum pflichten sie mir immer bei, fügen selbsterlebte Beispiele in Gesprächen hinzu, um dann doch alles so zu lassen, wie es ist. Und um sich dann weiter im Innersten zu verzehren, bis der Herzkasper droht?

Meine Strategie in Neuen Jahr wird der stille und kleine Boykott, von GEZ bis zur Parkraumknolle, von der Zwangsabgabe für Körperschaften des öffentlichen Rechts bis zum Finanzamt, allen werde ich mit kleinen Stichen klarmachen, dass die Zeit des Duldens, Zahlens und Akzeptierens vorbei ist.

Mehr fällt mir im Moment nicht ein, wahrscheinlich bin ich nicht nur heimatlos geworden……


Wenn Sie in Ihrer Heimatstadt oder -gemeinde ähnliche Erfahrungen gemacht haben, schreiben Sie uns (am besten mit aussagekräftigen Fotos): info@blue-wonder.org.