Helmut Thielicke: „Armes Deutschland“

Neben Berlin war die Universität Hamburg eines der wesentlichen Ausgangspunkte der frühen 68er-Bewegung. Mit dem bei der Rektoratsübergabe am 9. November 1967 geschwenkten Slogan “Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren” gelang den damaligen Revoluzzern ein erster spektakulärer Auftritt. In den folgenden Wochen wurden Professoren und Dozenten, die sich diesen Umtrieben kritisch in den Weg stellten, regelrecht terrorisiert. Nachdem Professor Hans Wenke eine von radikalisierten Studenten aufgesuchte Vorlesung suspendieren musste, hielt der damalige Ordinarius für Systematische Theologie, Helmut Thielicke (1908-1986, Foto), am 12. Dezember 1967 eine Brandrede, in der er (in fast prophetischer Vorausschau) die gesellschaftliche Tragweite der damals noch jungen Bewegung abzeichnete.

(Von Esteban Escobar)

Man kann Thielicke, der im Dritten Reich zeitweise mit einem Redeverbot belegt war, nun schwerlich eine rechtsradikale oder reaktionäre Gesinnung unterstellen. Ganz anders verhält es sich mit dem damaligen Rädelsführer der Hamburger 68er und Funktionär des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), Reinhold Oberlercher, der sich heute als “Nationalmarxist” definiert.

Hier der damals durch die WELT veröffentlichte Auszug der Rede:

Heute ein Kolleg zu halten, weigere ich mich. Ich sehe keine andere Möglichkeit, um meinem Protest gegen das, was man meinem Kollegen und Freunde Wenke angetan hat, Ausdruck zu verleihen.

Der Fall ist schnell berichtet: Ein Student [Oberlercher] schrieb im “autitorium” einen Artikel gegen Professor Wenke, dessen gossenhafte Frechheit durch den Begriff einer schlechten Kinderstube nur sehr unzulänglich umschrieben wird. Er unterschreitet auch die letzte Grenze einer parlamentarisch zulässigen Vokabulatur.

Professor Wenke hat so reagiert, daß er dem Verfasser in seinem Seminar sagte: “Nachdem Sie diesen Artikel geschrieben haben, verstehe ich nicht, daß Sie noch zu mir ins Seminar kommen. Verlassen Sie bitte diesen Raum”. Daß dieser Kontramilitone dann den Saal verließ, geschah auf den Druck der Kommilitonen hin, die ihn mit einmütigem Protest gegen seine Injurien veranlaßten, hinauszugehen.

Man hat es dann gewagt, meinem Kollegen vor ein Ultimatum zu stellen: Er solle sich entweder entschuldigen, andernfalls man ihm dazu in seiner Vorlesung Gelegenheit geben werde. Als Professor Wenke selbstverständlich darauf nicht einging, kam es zu jenem blamablen Schauspiel, das man heutzutage mit den melancholisch stimmenden Import-Vokablen “Go-in” und “Happening” zu beschreiben pflegt.

Sie sind über die beschämenden Vorgänge unterrichtet, die einem deutschen Professor verboten sein ließen, seinen Hörsaal zu betreten. Der einzige Lichtblick für mich ist, daß es offenbar nicht wenige gab, die inmitten der unkontrollierten Massenemotionen nüchtern blieben und sich vor ihren Lehrer stellten. Auch die hat es also gegeben. Das alles tut man einem Manne an, der sein ganzes Leben daran gewendet hat, junge Menschen zu fördern, und der bis an die Grenze des gesundheitlichen Zusammenbruchs das große Werk der Bochumer Universitätsgründung zuwege gebracht hat.

Was mich im Augenblick verzweifeln läßt, sind nicht die SDS-Drahtzieher, sondern das ist die Masse der Studenten, die nur in Spurelementen gegen die neue Oligarchie der Funktionäre aufmuckt – gegen jene Funktionäre also, deren Hauptberuf wohl schon längst zu jener Geräuscherzeugung übergewechselt ist, die sie Hochschulpolitik nennen. Ich habe mir erzählen lassen, in einer andern Hamburger Fakultät, die ein gutes Arbeitsklima zu haben scheint, hätten sich die Studenten zugerufen: “Auf zu Wenke ins Audimax, da gibt’s ein Happening zu sehen!” Sehen Sie: Diese Leute lassen mich verzweifeln.

Nicht als ob ich es für unerlaubt hielte, als Beobachter solche Szenen in Augenschein zu nehmen. Es ist aber ein Unterschied, ob ich Zeuge von etwas sein will oder ob ich zum Jux hingehe und in meiner Gaudi-Sucht nicht bemerke, welcher Schmach ich dabei dienstbar werde und vor welchen Karren ich mich spannen lasse.

Ich bin so deprimiert, daß ich jetzt etwas sage, was ich hoffentlich bald wieder zurücknehmen kann. Nie würde ich lieber einen Irrtum eingestehen; ich lechze sogar danach, das zu tun. Zunächst aber spreche ich meine Verzweiflung aus: Ich glaube, daß diesem unserm Volke nicht mehr zu helfen ist, und kann nur noch sagen: “Armes Deutschland!” ich habe mich sträflich in Illusionen gewiegt. Ich habe wirklich geglaubt, wir hätten den Nazismus überwunden, und ein neuer Hitler – auch mit veränderter Färbung – würde undenkbar unter uns sein. Und in allen Ländern, die ich als Gastprofessor besuchte, habe ich das auch in unzähligen Diskussionen bezeugt. Ich bezichtige mich jetzt einer – wenn auch unwissentlichen – Irreführung, der ich mich schuldig gemacht habe. Ich glaube es nun nicht mehr, daß wir gegen eine neue demagogische Diktatur immun sind.

Mit Terror und Gebrüll hat es auch damals angefangen. Und das Volk lief auch damals mit, weil etwas “los war”, und war hilflos anfällig für alles, was nach Dynamik aussah und das Schauspiel öffentlicher Anprangerungen verhieß. Auch damals zottelte die große Masse, die von Hitler verachtet, aber als Material benutzt wurde, nach dem Gesetz des geringsten demagogischen Widerstandes mit.

Die Funktionäre reden von Bewußseinsbildung und vom Erwecken politischer Mündigkeit. Aber es kommt nur zu Indoktrination und Emotion, zu einer schauerlichen Bewußtseinstrübung, die ich an einer deutschen Universität nie für möglich gehalten hätte. Darum weiß ich im Augenblick nicht, was ich auf einem deutschen Katheder noch soll. Denn die Universität ist unteilbar. Es gibt keine Gruppe, die sich innerhalb ihrer einigeln könnte – oder auch nur dürfte –, sondern wir sind für ihre Ganzheit verantwortlich. Und da ich nicht weiß, wie ich diese Verantwortung wahrnehmen soll, da die große Masse unansprechbar zu sein scheint und aufwiegelnden Parolen hilflos und ohne Selbstkontrolle verfallen ist verzweifle ich an meinem Amt.

Obendrein geht es nicht einmal nur um die deutsche Universität, obwohl schon das gravierend genug wäre. Es geht um unser Volk und unser politisches Schicksal. Das sind große Worte, ich weiß… Aber ich folge damit nur der programmatischen Intention derer, die ich für unser Unglück halte. Denn diese Leute nehmen die Not der Universität, an der wir alle – Professoren und Studenten! – gemeinsam leiden und die wir gemeinsam überwinden möchten, doch nur zum Anlaß und zum Sprungbrett, um in anarchischer Zersetzung die Ordnung überhaupt zu zerstören. Ich sage übrigens bewußt nicht: unsere gegenwärtige Ordnung, die gewiß viele fragwürdige Züge aufweist und sicher der Reformierung bedarf, sondern der Ordnung überhaupt. Der Begriff eines zu attackierenden Establishments meint sehr viel mehr als einen erstarrten Momentanzustand und eine autoritäre Struktur. Hinter ihm verbirgt sich eine Verneinung von Autorität überhaupt, und damit ein anarchistischer Impuls.