Meine Erlebnisse vor und nach der Mauer

imageAls Sieben- und Achtjähriger trug ich das blaue Halstuch der Jungen Pioniere der DDR. Nicht, weil meine Mutter von der kommunistischen Jugendbewegung überzeugt war, sondern weil ich die Haferschleimsuppe bekommen sollte, die es für die Jungen Pioniere umsonst gab.

(Von Martin W.)

Ich war acht Jahre alt, als meine Mutter mit mir von Vorpommern nach Ost-Berlin flüchtete. Die Zugänge nach Ost-Berlin waren streng bewacht, denn innerhalb Berlins galt Freizügigkeit gemäß dem Viermächteabkommen. Ich war siebenfach angezogen und im Reisegepäck hatte meine Mutter unklugerweise u.a. Silberbesteck und Bettzeug dabei. Die Grenzkontrolleure rochen den Braten und wollten uns zurückweisen. Wieder und wieder verneinte meine Mutter eine Fluchtabsicht und erklärte nur, wir wollten nach dem Besuch unserer Verwandtschaft im Westen wieder zurückkehren. Schließlich fragten die Beamten mich. Wohlweislich hatte meine Mutter mich gebrieft und im Brustton der Überzeugung erklärte ich den Kontrolleuren, daß wir zum Ferienende von meiner Oma im Westen zurückkehren und ich wieder die Schule besuchen und bei den Jungen Pionieren mitmachen werde. Sie glaubten mir und ließen uns passieren.

Von Ost-Berlin war es nur noch eine gewöhnliche U-Bahnfahrt bis ins Aufnahmelager Marienfelde. Die ersten Nächte auf verlausten und verwanzten – mit echten Wanzen – Strohmatten dicht an dicht in ausgebombten Fabrikhallen, deren Gitterglasdächer noch immer große Löcher durch einstige Bomben aufwiesen, waren eine Tortur. Auch später jagten wir vor dem Zubettgehen regelmäßig erst mal Flöhe, was das Zeug hielt, wurden aber nie des Ungeziefers Herr. Bald hatte ich auch noch die Krätze an den Händen und das Kratzen und Blutigschinden der eigenen Haut war mir zur Gewohnheit geworden. Vier Wochen lang durchliefen wir alle möglichen Prüfämter, bis wir die Erlaubnis zur Übersiedlung in die BRD erhielten. Allerdings hätten wir liebend gern wegen unserer Verwandten die Genehmigung zum Zuzug nach Bayern erhalten, was uns jedoch wegen Überlastung des Freistaats verweigert wurde. Heute dürfen Asylanten aus anderen Erdteilen bei ihrer Ankunft z. B. in Italien nicht nur bestimmen, daß sie nach D wollen, sondern auch innerhalb D sollen sie dank des Kompromisses mit Grün/Linken das Recht zur Freizügigkeit bereits nach drei Monaten erhalten. Wir hingegen waren Deutsche und hatten nicht im Entferntesten gewagt, von solch einer Großzügigkeit auch nur zu träumen.

Mit Pan Am, der damals nach Eigenwerbung erfahrensten Fluggesellschaft der Welt, inzwischen pleite, ging es nach Frankfurt/Main und gleich weiter in ein Aufnahmelager an der Dreisam in Freiburg/Breisgau. Nach gut drei Wochen wurden wir weitergeschubst in ein Lager in Donaueschingen. Natürlich verpaßte ich die Schule und verlor insgesamt dann ein halbes Schuljahr. Schließlich wurden wir zwangseingewiesen in einen weiß gekalkten ehemaligen Kuhstall in einer Bläke, wo es nichts gab: keine Telefonzelle, kein Tante-Emma-Laden, keine Bushaltestelle, nur ein paar Bauernhöfe. Obwohl wir Deutsche waren, haben die Bauern uns abgelehnt und zurückgewiesen. Sie verkauften uns nicht einmal ihre Milch. Kein Aufschrei ging durch die Welt, wie es heute der Fall wäre, wenn auch nur ein einziges Geschäft die Warenabgabe an einen Ausländer verweigerte! Entsprechend lebten wir weitgehend aus dem Wald, d.h. von Beeren, Pilzen, Kräutern und Brennesseln. In der Zwergschule war der Lehrer mir böse, weil ich Fiesling dank meiner aus der SBZ mitgebrachten Schulkenntnisse seine Schüler in den Schatten stellte und ihn blamierte. Das hätte ich besser nicht tun sollen. Er rächte sich: „Eure Eltern müssen für den Rotzlöffel die Schulbücher bezahlen!“ Das sollte ein deutscher Lehrer heute mal zu Türken- oder Araberschülern zu sagen wagen! Er würde wohl auf der Stelle von den besorgten Eltern gelyncht.

In der Folge bin ich schon mit 12 Jahren immer wieder allein mit dem Interzonenzug über den Eisernen Vorhang gefahren, um meinen Vater in Thüringen zu besuchen. Gelegentlich nahm er mich auf seinen genehmigten Berlinreisen mit und ich sah West- und Ost-Berlin vor der Mauer, obwohl ich eigentlich DDR-Besucher war. Dabei war ich als Republikflüchtling immer wieder gefährdet und die Vopos waren verschiedene Male versucht mich festzusetzen. Ich konnte sie aber jedes Mal überzeugen, daß ich mit meinen vormals acht Jahren zu jung war, um eigenverantwortlich der DDR ade gesagt zu haben. Dabei hatte ich noch nicht einmal einen Ausweis! Damals erhielten BRD-Jugendliche nämlich erst ab 14 einen Personalausweis. Infolgedessen reiste ich stets mangels eines besseren Papiers immer nur mit meinem Taufschein umher, damit ich überhaupt etwas vorzeigen konnte. Ich wurde regelmäßig an den Grenzen beargwöhnt, hatte aber natürlich die von meinem Vater stets besorgte Aufenthaltsgenehmigung, so daß auch die strengsten Vopos mich schließlich laufen ließen; jedoch nicht ohne mich streng zu ermahnen, daß ich mich beim nächsten Mal ausweisen müsse. Ich überhörte es, bis ich 14 war und endlich einen Auseis erhielt.

Ich war am 13.8.1961, einem Sonntag, in Weimar. Auf dem Weg in die Kirche sahen wir Panzer stehen, die Straßen waren leergefegt, die Atmosphäre war eisig. Die Mauer in Berlin wuchs von Tag zu Tag. 28 lange Jahre spalteten Mauer und Eiserner Vorhang die Welt in einander feindseligen Kapitalismus und Kommunismus.

Nur ein Jahr später war der Siedepunkt des Kalten Krieges mit der Kuba-Krise erreicht. Der Torpedoschütze eines sowjetischen U-Boots, das die Raketentransporte in der Karibik beschützen sollte, hatte den Befehl seines Kommandanten, sofort einen oder mehrere Torpedos abzufeuern, wenn er beim Auftauchen durch US-Kriegsschiffe entdeckt würde. Er hatte sich geweigert und nach meinem Dafürhalten maßgeblichen Anteil, daß es nicht zu WK III gekommen ist.

Meine weiteren regelmäßigen Ferienbesuche in die DDR blieben spannend: Mal sollte ich Zahngoldplättchen der DEGUSSA für die Schwiegermutter meines Vaters mitbringen. Zielsicher entdeckte der Grenzkontrolleur in Gerstungen die Plättchen unter dem Boden meiner Reisetasche. Die Gold- und Devisenbewirtschaftung der DDR wankte. Ich mußte raus aus dem Zug und mich bis auf die Unterhose ausziehen, das Zahngold abgeben und eine peinliche Befragung über mich ergehen lassen, vulgo Inquisition. Ich sah dies als Chance zur Erkundung, was sie wohl nicht durchsuchen würden: Sie öffneten sogar die Butterbrote, schraubten aber die Kugelschreiber nicht auf und blickten nicht zwischen die Einbände und Rücken meiner Schulbücher. Hier habe ich in der Folgezeit bei meinen weiteren Interzonenreisen Hunderte von Briefmarken versteckt und herüber geschleust, u.a. die sogenannten sündhaft teuren Sperrmarken.

Ende der 60er-Jahre kamen die ersten Quarzuhren auf. Die Uhrenfabrik Glashütte in der DDR hatte, um Weltniveau zu zeigen, auch eine hergestellt. Mein Vater schenkte mir eine der ersten. Wie sollte ich sie rüber in den Westen schaffen? Ich warf die Verpackung weg und zog die Armbanduhr an, was mir am unauffälligsten erschien. Ich mußte meinen Koffer aus dem oberen Gepäckfach holen und die Uhr an meinem Handgelenk blitzte auf. Wieder mußte ich den Zug verlassen, durfte aber die Uhr behalten bzw. mußte sie an meinen Vater zurückschicken. Noch an Ort und Stelle schmiedete ich einen Plan, den ich beim nächsten Mal erfolgreich ausführte: Ich bestieg so früh wie möglich einen noch weitgehend leeren Wagon, ging in ein leeres Abteil, wickelte die Uhr in ein Tempo ein, näßte es ein, versenkte es im Klappaschenbecher unter dem Fenster und verschwand in einen anderen Wagon. In Bebra angekommen betrat ich das nun vollbesetzte Abteil und nahm unter den erstaunten Glubschaugen der Fahrgäste den untersten Inhalt des Aschers an mich. Endlich hatte meine Uhr den Eisernen Vorhang überwunden und ich war stolzer Besitzer einer der damals noch heiß begehrten Quarzuhren.

Ich war mir bewußt, daß ich mir als Kind und Jugendlicher auf meinen vielleicht insgesamt ca. 30 DDR-Reisen so einiges herausnehmen konnte. Vorbedingung für den Erhalt künftiger Aufenthaltsgenehmigungen war bei jedem Besuch für jeden Wessi, daß man der Einladung des „Clubs der Intelligenz“ Folge leistete und etwa zwei Stunden lang die Indoktrination der Systemköpfe von Nationaler Front, SED, FDGB, NAW, LDPD u. ä. bei echtem Bohnenkaffee mit Sahne, damals eine Rarität für jeden DDR-Bürger, über sich ergehen ließ. Ich erlaubte mir dumme Fragen, warum sie z.B. alle das Gleiche sagen, obwohl sie doch sechs verschiedene Köpfe sind. Oder beim Hinausgehen fragte ich einen der verkappten Stasis auf der Treppe in Richtung Marktplatz in Weimar: In der BRD kann ich laut sagen „Ich scheiße auf Adenauer“ und niemanden wird es interessieren. Warum kann ich hier nicht sagen – und jetzt ganz laut! -:“Ich scheiße auf Ulbricht.“ Selbstverständlich wurde mir sofort allerhöchste Aufmerksamkeit zuteil.

Nach dem Abitur studierte ich BWL und mußte Betriebspraktika nachweisen. Ich bewarb mich wohl als erster Wessi-Student überhaupt bei den Wartburg-Werken in Eisenach. Es dauerte gut ein halbes Jahr, bis die Stasi ihre Prüfarbeit abgeschlossen hatte, und ich erhielt, man höre und staune, eine Zusage. Für mich war sie zu spät gekommen, denn ich hatte bereits bei einer Firma in Paris unterschrieben.

Den Fall der Mauer erlebte ich vor 25 Jahren bei mir zu Hause spätabends vor dem Fernseher. Mein Herz machte Luftsprünge und am liebsten wäre ich sofort die 700 km nach Berlin gebraust, um teilzuhaben an diesem großartigen weltgeschichtlichen Ereignis. Und um jeden zu umarmen. Die Freudentränen kullerten. Aber am nächsten Tag, einem Freitag, rief die Arbeit wie eh und je.

Dafür hatte ich im Februar 1990 mein persönliches orgiastisches Erlebnis: Die Grenzkontrollen bei Ludwigslust waren weggefallen, aber das Dutzend Kfz-Furten, Paßlaufbänder und Kontrollhäuschen mitsamt den Wachttürmen standen alle noch. Statt wie früher dort nicht enden wollende entwürdigende Stunden der Demütigung zu ertragen, konnte man sich jetzt eine der freien Fahrspuren aussuchen. Ich bretterte mit über 100 km/h zwischen den fahlen kleinen Häuschen durch, rechts und links war vielleicht gerade mal 20 cm Platz zum Bordstein. Das Hochgefühl war unbeschreiblich und bleibt mir unvergessen.

Zuvor aber war ich noch fleißig gewesen: Ich hatte mir aus dem Betonwall an den Grenzanlagen einen etwa 1 kg schweren großen Betonbrocken ausgebrochen. Auf diese Errungenschaft aus Original-Stasi-Beton, jedenfalls dürfte die Stasi gut aufgepaßt und mitgewirkt haben, bin ich heute noch stolz.

Die Vereinigung beider Deutschlands rückte näher. Ich diskutierte sie auch mit meinen türkischen Kunden und es schmerzte mich, von ihnen Aussagen hören zu müssen wie: „Was interessiert mich die Wiedervereinigung! Da müssen wir nur mehr Steuern zahlen.“ Oder: „Du wirst sehen, die kommen dann alle zu uns. Das verkraften wir nicht.“ Eine allgemeine Vereinigungsphobie war deutlich zu spüren. Na ja, so viele Ossis sind dann doch nicht zu uns gekommen. Dafür seither aber umso mehr Türken, Afghanis, Irakis, Syrer, Polen, Kurden und Rumänen. Etwas mehr Dankbarkeit und Zustimmung, daß der Kalte Krieg friedlich und ohne Blutvergießen zu Ende ging, hätte ich mir als Gesamtdeutscher schon von unseren ausländischen Mitbürgern gewünscht.