Selbstkritik sieht anders aus

Nach Relotius-Fehler: WDR sucht und findet Bauernopfer

Von BEOBACHTER |  Echt oder fake? Wenn es darum geht, zum Beispiel einem Donald Trump als dem „vielleicht gefährlichsten US-Präsidenten aller Zeiten“ und personifizierten Fake-König am Zeuge zu flicken, ist der WDR nicht zimperlich. Selbst aber nahm es die größte Sendeanstalt der ARD und zweitgrößte Europas mit der Wahrheit nicht so genau. Kleinlaut mussten die Kölner jetzt drei Folgen ihrer preisgekrönten Serie „Menschen hautnah“ aus der Mediathek entfernen, nachdem aufmerksame Zuschauer reihenweise „alternative Fakten“ entdeckt hatten. Claas Relotius lässt grüßen (PI-NEWS berichtete).

In der  Serie „Menschen hautnah“ (WDR-Eigenwerbung: „außergewöhnliches Format in der Medienlandschaft“) durften sich offenbar exhibitionistisch veranlagte Zeitgenossen entblättern. Mal als Paar, das aus rein wirtschaftlichen Erwägungen zusammenlebt, oder als Paar, das sich nach einer Trennung wieder liebt. Alles eingeschenkt, als sei`s die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Also der Normalfall.

Dazu mietete die Produktionsfirma allerdings über einen Vermittlerdienst Komparsen an, die gegen Geld tolle Storys zum Besten gaben. Alles echt aus dem wirklich wahren Leben, selbstredend. So trat z.B. ein „Protagonist“ namens Sascha Mahlberg auf, der in der WDR-Doku „Ehe aus Vernunft“ seine private Geschichte vom charakterlich anständigen und treusorgenden Ehemann ablässt. Der Müllmann mit Pferdeschwanz und Ohrsticker tauchte allerdings bereits in der RTL-Doku „Reich trifft arm“ und in der ZEIT auf, was bei den Zuschauern Irritationen über die Glaubwürdigkeit des WDR hervorrief. Kann ja vorkommen, war aber längst nicht alles, was den Zuschauern komisch vorkam.

Der WDR räumt jetzt ein, dass in den Filmen Altersangaben wechselten oder die Namen der Protagonisten sich änderten – zum Teil traten sie unter einem Pseudonym auf, dann wieder unter ihrem richtigen Namen.

Gesucht und gefunden wurde ein Bauernopfer, die freischaffende Autorin Katharina Wulff-Bräutigam.  Von ihr trennte sich der WDR. Sie habe die Gefühlswelt eines Protagonistenpaares in der Dokumentation ‚Ehe aus Vernunft‘ verzerrt und damit unzulässig zugespitzt. Damit habe sie gegen journalistische Grundsätze verstoßen, außerdem nicht umfassend über ihren Rechercheweg informiert. „Dadurch ist das Vertrauensverhältnis zerstört“, teilte der WDR mit.

Die geschasste Autorin wehrt sich: Auch andere hätten Fehler gemacht und würden ihre Protagonisten über „komparse.de“ buchen. Sie habe nicht gewusst, dass das bei „Menschen hautnah“ nicht erlaubt sei, sagte sie gegenüber der NOZ.

Ach ja, die verantwortliche WDR-Redakteurin, die eigentlich für die Qualitätssicherung der drei gecancelten Folgen zuständig gewesen wäre, kommt offenbar ungeschoren davon. Zu den personellen Konsequenzen wollte sich der WDR jedenfalls nicht äußern.