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Islam ohne Allah – Teil 1: Islam und Islamismus

islam_islamismus.jpgDer Satz „Der Islam ist eine Religion des Friedens“ dürfte wohl die meisten PI-Leser nur noch zu einem müden Lächeln bewegen. Aber wie ist es, wenn wir bei dem Satz die zwei letzten Worte weg lassen. „Der Islam ist eine Religion.“ Stimmt es dann? Die Antwort ist ehrlicherweise: Leider ja. Der Islam gehört zu den Weltreligionen und er hat zweifellos wichtige Merkmale einer Religion. Er hat aber auch noch Merkmale, die üblicherweise nicht zu einer Religion gehören.

Der Islam ist ein allumfassendes Lebenskonzept, das eine politische Ideologie, ein Rechtssystem, eine soziale Ordnung, eine gewisse Weltsicht und psychische Grundhaltung und unter anderem auch eine vollständige Religion mit Eingottglauben, Propheten, heiligen Schriften, etc. enthält. Westliche Islamkritiker, die nicht müde werden, diese Information wider den Mainstream zu verbreiten, befinden sich damit in voller Übereinstimmung mit allen traditionellen und den anerkannten unter den zeitgenössischen Islamgelehrten, für die an dem Konzept al-Islam din wa daula (Der Islam ist Religion und Staat) keinerlei Zweifel besteht. In seiner Islamischen Deklaration von 1970 schrieb der spätere bosnische Präsident Alija Izetbegovic (page 19):

„Die Geschichte kennt keine wahrhaft islamische Bewegung, die nicht gleichzeitig auch eine politische Bewegung war. Das liegt daran, dass der Islam ein Glaube ist, aber auch eine Philosophie, ein moralischer Kodex, eine Ordnung der Dinge, ein Lebensstil, eine Atmosphäre – alles in einem, eine umfassende Lebensweise …“

Und damit hat er auch Recht. Das ergibt sich nicht nur daraus, dass man selbstverständlich beim Erforschen einer Religion zur Kenntnis nehmen sollte, was ihre Gelehrten und Intellektuellen sagen, sondern auch aus den heiligen Schriften des Islam selbst, dem Koran, den Hadithen und vor allem der Person Mohammeds, der Politiker, Kriegsherr und rechtliche Instanz war, was er auch nie zu verbergen suchte, sowie aus der islamischen Geschichte.

So haben wir die eigenartige Konstellation, dass sich in der Analyse (nicht Wertung!) des Islam westliche Islamkritiker und gebildete Islamgelehrte sowie vermutlich eine Mehrheit der „normalen“ Moslems (zumindest unterbewusst) grundlegend einig sind, während westliche Beschwichtiger den Islam neuerdings als Islamismus bezeichnen und von der Existenz einer politikfreien Religion namens Islam ausgehen, wozu sie als islamische Zeugen glattzüngige Lügner und naive Ahnungslose unter der einfachen Bevölkerung aufbieten. Abfällig bezeichnen sie Moslems, die ihren Lebtag den Islam studiert haben, ihn lehren und in der islamischen Gelehrsamkeit große Achtung genießen, (z.B. Ayatollah Khomeini, Sayid Qutb, die Gelehrten der Al Azhar Universität etc. sowie auch historische und hoch geachtete Islamgelehrte), als radikale Spinner, als Außenseiter, die man nicht zur Beurteilung des Islam heranziehen darf, weil sie angeblich eine Minderheit repräsentieren und vom wahren Islam keine Ahnung haben, während sie uns den netten, integrierten Döner-Ali von nebenan und nicht zuletzt sich selber als Autorität des wahren Islam, der angeblich rein religiöse Inhalte hat, präsentieren.

Idealisierte Sichtweise auf den Islam durch das Kunstwort „Islamismus“

Das einzige, was noch einen gewissen Sinn ergibt, ist die Unterscheidung zwischen Personen, die Unterscheidung zwischen Moslems allgemein und Islamisten speziell. Mit Islamisten kann man Personen bezeichnen, die sich aktiv für die islamische Sache, das heißt die Ausbreitung des Islam, einsetzen. Islamisten sind eine Untergruppierung von Moslems, man kann sie der Ideologie nach nicht oder nur sehr unscharf von nicht-islamistischen Moslems abgrenzen, sondern vor allem in der politischen Aktivität, die sich von heute auf morgen einstellen kann. Damit wird aber eher eine charakterliche als ideologische Unterschiedlichkeit bezeichnet.

Es ist eine Binsenweisheit, dass Menschen sich nicht gleichermaßen intensiv für eine Ideologie, eine Religion oder eine politische Bewegung, der sie anhängen, einsetzen, und zwar unabhängig davon, ob es sich um eine bösartige oder gutartige Bewegung handelt. Selbstverständlich nimmt man hin, dass unter den NSdAP-Mitgliedern (um ein bösartiges Beispiel zu wählen) nicht alle gleichermaßen aktiv an der Etablierung und Aufrechterhaltung des Nationalsozialismus oder gar am hauptberuflichen Judenmord beteiligt waren. Niemand würde auf die Idee kommen, die Lehre des Nationalsozialismus inhaltlich anhand von Beobachtungen von Hans und Gretel, passive NSdAP-Mitglieder aus Hintertupfingen, zu analysieren, die niemals Mein Kampf gelesen hatten und ansonsten breite Masse waren, die eben taten, was alle taten und was bequem war. Niemand außer vielleicht üblen Neonazi-Revisionisten käme auf die Idee, zu unterstellen, dass diese Leute einer eigenen gutartigen, respektablen Ideologie – z.B. namens Nationalsozialismus-light – anhingen. Sie hingen der gleichen Ideologie an wie jeder SS-Mann und wie Adolf Hitler persönlich – sie waren nur weniger aktiv. Und weil wir ja gar nicht eingebildet sind noch ein gutartiges Beispiel: Man könnte ohne weiteres auch die islamkritische Szene in passive „Islamophobe“ und aktive „Islamophobisten“ einteilen. Auch das würde niemand als Anlass sehen, zu behaupten, wir würden uns nur aufgrund unserer Aktivität oder Passivität grundlegend in der Einstellung unterscheiden.

Einzig beim Islam belässt man es nicht bei der Einteilung Islamist und Moslem, die auch schon leicht fragwürdig ist und vielleicht besser mit „aktiver Moslem“ vs. „Moslem“ gekennzeichnet wäre, sondern adelt diese Unterscheidung darüber hinaus noch zu einer zwischen Ideologien: Islamismus und Islam. Diese Unterscheidung ist nicht nur unsinnig, sie ist leider auch gezielt irreführend. Mit ihr wird suggeriert, dass es zweierlei Ideologien gäbe, eine rein religiöse und eine religiös-politische, wobei die rein religiöse angeblich „Islam“ heißt und die religiös-politische „Islamismus“. Letzteres wird gerne als Produkt des 20. Jahrhunderts bezeichnet, entweder als überwiegend vom europäischen Faschismus abgeleitet – oder in der hardcore-islamophilen Variante auch als verständliche Reaktion auf westlichen Imperialismus und Rassismus – eine Ideologie, die angeblich bis auf Oberflächlichkeiten ohne Grundlage in der islamischen Tradition ist. Diese Unterscheidung ermöglicht es, dass Ungläubige zumindest zu einem wichtigen Teil eine islamische Weltsicht einnehmen: Die Fehlerlosigkeit des Islam, der über jede Kritik erhaben ist. Durch Abspaltung all dessen, was Ungläubige schockiert, als „Islamismus“ oder als „Missbrauch des Islam“, bleibt der Islam selbst als reine, unbefleckte Lehre zurück, die nur von böswilligen Menschen kritisiert und abgelehnt wird, da ja eiligst alles, was jemanden stören könnte, ausgegliedert wird. Ein genialer Schachzug.

Das, was über 13 Jahrhunderte hinweg sowohl von Moslems als auch von allen, die mit ihnen in Berührung kamen, als „Islam“ bezeichnet wurde und was allen Beteiligten als Bezeichnung vollkommen ausgereicht hat, bezeichnen wir heute als Islamismus, während wir unter dem Wort „Islam“ eine Fantasiereligion verstehen, für deren Existenz es keinerlei Anhaltspunkte gibt. Auf welche heilige Schriften soll sich diese Religion berufen? Der Koran und die Sunna können es nicht sein, denn auf diese berufen sich bereits höchst glaubwürdig die Islamisten. Auf welchen Gründer soll sich diese Religion berufen? Mohammed kann es nicht sein, denn der war ein Islamist par excellence, neben dem Osama bin Laden locker als höchst moderater Taliban durchginge. Als Prophet blieben höchstens westliche Politiker übrig, dann sollte man aber auch ehrlich sein und den Islam so definieren: Allah ist groß und George W. Bush („Islam is a religion of peace“) ist sein Prophet. Das soll kein Bush-Bashing sein. Er ist nicht der einzige und bei weitem nicht der schlimmste – er ist nur in der Prophetenrolle derjenige, bei dem das Groteske dieser Fantasiereligion am besten auffällt.

Religiöse Abspaltungen vom Islam

Die traurige Wahrheit ist: es gibt diese rein religiöse, gutartige Abspaltung vom Islamismus namens Islam wohl nicht, zumindest nicht als Lehre. Es gibt nur Islamismus und unter seinen Anhängern mehr oder minder eifrige. Abspaltungen vom Islam, die Teile des islamisch Religiösen bewahrt und sie mit anderen Religionen vermischt oder eigene Ideen entwickelt haben, gibt es hingegen schon: zum Beispiel die Drusen im 11. Jahrhundert und die Baha’i im 19. Jahrhundert. Die Anhänger dieser Religionen erfreuen sich aggressiver Diskriminierung und Verfolgung durch Moslems. Weder sie noch irgendein Moslem noch ein anderer Ungläubiger würde diese Abspaltungen als Teile des Islam bezeichnen, die können also mit der „religion of peace“ nicht gemeint sein. Erst kürzlich hat PI berichtet, dass ein Vertreter des Islam in Deutschland den Baha’i den Religionsstatus rundweg abgesprochen hat. Der Moslemvertreter hatte sachlich wohl Recht. Die Baha’i waren im Gegensatz zu Angehörigen der vormohammedanischen Religionen wie Judentum und Christentum, die zwar prinzipiell ebenfalls als Verfälschungen des Islam gelten, vormals Moslems, können also als Apostaten betrachtet werden. Ihr Religionsgründer, der Bab, wurde öffentlich hingerichtet. Es wäre naiv, anzunehmen, dass sie jemals von einem Moslem, der seine Religion ernst nimmt, anerkannt werden können. Die Aleviten sind ein Grenzfall, näher am eigentlichen Islam und besser akzeptiert als die Baha’i, sie werden häufig zum Islam gerechnet, sind aber ebenfalls ohne realistische Chance, jemals die Deutungshoheit über den Islam zu erhalten. Auch sie sahen sich grausamer Verfolgung durch Moslems ausgesetzt. Denn auch sie widersprechen den Lehren Mohammeds, und zwar an Stellen, wo diese eindeutig sind, zum Beispiel der, dass der Koran das unveränderliche Wort Allahs ist. Schiiten und Sunniten unterscheiden sich da, wo Mohammed schweigsam blieb – in der Frage seiner Nachfolgerschaft. Die Rechtsschulen beider lehren das islamische Gesamtkonzept, die Unterschiede zwischen ihnen müssen Ungläubige nicht interessieren. In der Einstellung zu uns gibt es keine.

Bassam Tibis Euro-Islam

Dass es islamische Einzelpersonen gibt, die sich für den politischen Anteil des Islam nicht interessieren, stimmt selbstverständlich, aber sie haben keine ideologische Grundlage dafür. Die Zahl derer, die sich für die politischen Anteile nicht nur nicht interessieren, sondern sie kennen und bewusst negieren, dürfte schon sehr viel geringer sein. Als berühmtes Beispiel könnte man Bassam Tibi anführen.

Sein Euro-Islam ist eine gut gemeinte Idee, ist aber so etwas Ähnliches wie alkoholfreier Wodka, was – vermutlich mangels Nachfrage – bisher noch niemand erfunden hat. Den Flop „alkoholfreier Wein“ gab’s allerdings schon, er erfreut sich wohl ähnlicher Beliebtheit wie Tibis Euro-Islam und vielleicht darf er sich eines Tages aus der Rückschau mit diesem um die Bezeichnung „Totgeburt des 20. Jahrhunderts“ streiten. Ich favorisiere den Euro-Islam für diese Auszeichnung, weil für ihn eine gigantische Werbekampagne läuft und fast alle Welt so tut, als gäbe es ihn bereits oder man stünde zumindest kurz vor seiner glorreichen Erschaffung, der dabei trotzdem genauso von der Zielgruppe gemieden wird, wie der alkoholfreie Wein, für den man kaum je Werbung sah.

Ich habe gehört, Tibi wäre auch der Erfinder des Begriffes „Islamismus“, konnte dafür aber keine Belege finden. Es wäre sehr hilfreich, wenn PI-Leser zu dem Thema „Erfindung des Islamismus“ Quellen beitragen könnten. Ebenso wäre es interessant, zu erfahren, ob sich jemand noch daran erinnert, wann und in welchem Zusammenhang er den Begriff zum ersten Mal gehört hat. Ich bin mir nicht ganz sicher, glaube aber, dass es bei mir nach Nine-eleven war – und zwar kurz danach. Es wäre schon schockierend, wenn sich herausstellen würde, dass ein Begriff, der im allgemeinen Sprachgebrauch gerade mal seit sechs Jahren existiert, so behandelt wird, als hätte es ihn schon immer gegeben und als wäre er etwas grundlegend anderes, als das, was man Jahrhunderte lang als Islam bezeichnet hat. Das ist nicht nur Glossokratie – das ist galoppierende Glossokratie.

Islam ohne Allah – was ist damit gemeint?

In den kommenden Teilen möchte ich mich einer anderen Abspaltung vom Islamismus (veraltet: Islam) befassen – nicht mit der des religiösen Teils, sondern mit der der areligiösen Teile. Ich möchte der Frage nachgehen, ob es das politische, soziale und psychologische Konzept des Islam auch ohne religiöses Beiwerk gibt, ob dieses Konzept theoretische Grundlagen hat, wer seine Anhänger sind oder sein könnten, wie sie von der Umma eingeschätzt werden. Nachdem es sehr unwahrscheinlich ist, dass Allah ohne Islam(ismus) zum Renner wird, möchte ich nachforschen, ob es umgekehrt einen Islam ohne Allah gibt oder geben kann, welche Auswirkungen das hat und wie es zur Verwirrung und Täuschung Ungläubiger führen kann.

To be continued…