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Traumberuf Journalist?

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Ihre Gegner halten sie gern für Teilhaber einer großen Verschwörung der Reichen und Mächtigen und gehen damit der Imagepflege der Kritisierten ebenso auf den Leim wie die Bewunderer des Berufsstandes. Für die sind sie coole Typen, die zu allem eine Meinung haben und ihre Tage gelassen in angesagten Cafés verbringen. Beides ist falsch. Eine, die es besser weiß, legte in der ZEIT die Karten auf den Tisch, und darf sich irgendwann in naher Zukunft freuen, wieder 200 Euro mehr auf dem Konto zu haben.

Freie Journalisten bilden etwa ein Viertel der in Deutschland in diesem Beruf Tätigen. Ihr Beitrag am Endprodukt journalistischer Information ist aber ungleich höher. Während fest angestellte Redakteure bei Fernsehen, Rundfunk und Presse oft nur noch als Einkäufer am Markt der Beiträge auftreten, sind die Freien die Anbieter, die Themen finden, recherchieren und zumeist erfolglos irgendwo zu verkaufen versuchen. Denn der Markt ist heiß umkämpft. Der Journalistenberuf ist groß in Mode, besonders bei Schulabgängern und Studienabbrechern, die Schwierigkeiten mit Intelligenzfächern, dafür aber zu allem eine Meinung haben. Die meisten ahnen nicht, was es in Wirklichkeit bedeutet, „irgendwas mit Medien“ zu machen.

Eine, die es nach zehnjähriger Tätigkeit und respektablen journalistischen Erfolgen besser weiß, ist Gabriele Bärtels, die jetzt das Schweigegelübde zum tatsächlichen Stand des Standes bricht, und ihren enthüllenden Artikel in der ZEIT unterbringen konnte. Nach der Lektüre desselben weiß man, dass ihr dies etwa 200 Euro eingebracht haben wird, wenn die Redaktion irgendwann mal überweist. Dabei gehört die ZEIT, verglichen mit anderen Abnehmern wie der taz oder der Netzeitung , noch zu den Großzügigen.

Heute ist auch der Tag, an dem wieder ein Text von mir nicht in der Zeitung steht, der dort schon vor zwei Wochen stehen sollte, wie mir die Redakteurin versicherte, die ihn mir abkaufte. Nachdem ich sie deswegen anrief, vertröstete sie mich auf heute, und natürlich zeigte ich Verständnis, dass eine Zeitung ja auch auf die richtige Themenmischung achten muss und etwas Aktuelleres Vorrang hat. Ich darf nicht böse mit der Redakteurin werden, denn ich bin auf sie angewiesen. Ich darf auch nicht zu deutlich machen, wie dringend der Abdruck für mich gewesen wäre und dass nun wieder ein Loch gähnt, wo ich mit einem Honorar fest gerechnet hatte.

»Gekauft« bedeutet nämlich nicht, dass sie mir dieses Geld gleich angewiesen hätte. »Gekauft« bedeutet nur, dass der Text von nun an in ihrer Datenbank schlummert.

Das bleibt nicht ohne Auswirkungen auf das alltägliche Leben. Aber gerade der Berufsstand, dessen Lieblingsthema inzwischen Ungerechtigkeiten und soziale Missstände unserer Gesellschaft sind, deckelt das eigene Elend mit dem Image weltmännischer Erfolgssymbolik. Erfolgreich erscheinen ist alles, auch wenn man die Bank nur ungern betritt und dem Vermieter lieber aus dem Weg geht:

Ich kann mich auch nicht mit Freunden zu einer Tasse Kaffee verabreden. Es nagt an meinem Stolz, wenn ich ihnen jedes Mal offen oder durch die Blume sagen muss, dass sie die Rechnung übernehmen müssen. Es nagt noch mehr an meiner Würde, wenn ich sie am Monatsende händeringend bitten muss, mir zu helfen, die Miete aufzubringen. Eigentlich ist es nicht bitten, sondern betteln. Mir steckt ein Kloß im Hals, wenn ich dies tue, denn ich hatte nie vor, vom Mitleid anderer zu leben. Auch ahne ich, dass ihr Respekt mir gegenüber sinkt.

Mein Vermieter wohnt im Haus. Bin ich wieder im Rückstand, so schäme ich mich in Grund und Boden, wenn ich ihn auf der Treppe treffe, und vergesse, dass ich für meine Texte Preise gewonnen habe. Er wird mir nicht ansehen, dass mein Einkommen unter dem eines Hartz-IV-Empfängers liegt. Ich lege Wert auf ein gepflegtes Äußeres und kann bei Interviewpartnern schlecht ohne vernünftigen Haarschnitt auftauchen. Deswegen spare ich lieber an etwas, das man von außen nicht sieht, wie zum Beispiel Essen. Ich kann sowieso nicht essen, wenn ich Angst habe.

Gelingt doch mal der große Wurf, ist selbst ein ganzseitiger Artikel in einer überregionalen bekannten Zeitung eher geeignet, damit zu prahlen wie ein Sack Seife, als einen solchen zu erwerben. 250 Euro sind der magere Erlös einer Zeitungsseite, die als Anzeigenfläche dem Verlag hundertausende einbringen würde.

Aber ganz ohne Beiträge geht es nicht, und so kann immer mal wieder einer aus dem Heer der schreibenden Tagelöhner stolz im Café erzählen, wo er gerade wieder veröffentlicht wurde. Dass dies keine Position ist, um selbst bei bestem persönlichen Willen noch das Ergebnis der eigenen Recherche gegen das Wunschergebnis des einkaufenden Redakteurs zu verteidigen, liegt auf der Hand.

Der Tagelöhner schreibt, wovon er hofft, dass einer es kaufen möchte. So einfach funktioniert manche groß scheinende Verschwörung, und schrumpft bei näherer Betrachtung auf die Größe eines leeren Portemonnaies zusammen wie einst der Scheinriese Herr Turtur immer kleiner wurde, je näher man ihm kam. Wie sooft im Leben, sind es auch im unseriösen Geschäft der seriösen Nachrichten oft die Kleinsten, die Wadenbeißer, Denunzianten und Mietnomaden, die am lautesten kläffen, um Aufmerksamkeit zu erheischen. Man sollte das wissen, um sie passend einzuordnen.

Den ganzen Artikel der mehrfach preisgekrönten und doch arm gebliebenen Autorin Gabriele Bärtels mit vielen weiteren pikanten Details vom „Traumberuf Journalist“ kann man online lesen: Schreiben macht arm. Eine empfehlenswerte Lektüre, nicht nur für Abiturienten.