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Derwische Ekstase in einer Kirche

derwisch.jpgAm Mittwochabend tanzten Derwische eine“Mevlevi Sema Zeremonie“ in der bekannten Wiener Votivkirche, anlässlich des 800. Geburtstages von Mevlâna Celâleddin-i Rûmi (genannt „Rumi“), dem Gründer des „Derwisch-Ordens“. Zur Veranstaltung eingeladen hatte das Ministerium für Kultur und Tourismus der Republik Türkei sowie deren Botschaft. Rund 300 Gäste sind der Einladung gefolgt. Der türkische Botschafter in Wien, Selim Yenel, hielt die Begrüßungsrede. Er nannte das Ereignis „ganz speziell“. Besonders würdigte er „dieses Umfeld“. Vor allem kath.net und kreuz.net berichten über den Anlass.

Für den verantwortlichen Pfarrer Martin Rupprecht Pfarrer war die Feier ein Ausdruck von Hoffnung und Einigkeit:

„Es ist schön zu sehen, dass Muslime in einer katholischen Kirche Spiritualität erleben können.“

Es war für ihn etwas „ganz Besonderes“, den muslimischen Orden in seiner Kirche begrüßen zu dürfen. Der Priester ist für sein interreligiöses Engagement bekannt. Er hat auch ein Jahr in der Türkei studiert.

„Sufi“ oder „Derwisch“ (vom persischen Wort „Darvish“: Bettler) bezeichnete ursprünglich eine muslimisch asketisch-religiöse Ordensgemeinschaft, die sich durch ein Leben in extremer Armut und Strenge auszeichnet und deren Ziel es ist, „Gott so nahe wie möglich zu kommen.“ Der von Rumi in Konya gegründete Mevlevi-Derwischorden wurde berühmt durch seinen ganz speziellen „Tanz“.

Die Anhänger versuchen dabei durch kreisende Bewegungen, die bis zu 45 Minuten dauern können, in Trance zu gelangen. Zu Beginn stehen die Derwische auf einem roten Fell, das „den Mittelpunkt der Erde“ symbolisiert. Sie drehen sich im Kreis, wobei die rechte Hand nach oben gestreckt wird, um den Segen Gottes zu empfangen. Die linke zeigt nach unten, um den empfangenen Segen in der Welt zu verteilen.

Der „Tanz“ ist eigentlich ein ekstatisches Gebet, der zentrale Ausdruck des Glaubens der Derwische, um „Gott näher zu kommen“. Jede Zeremonie wird von einem Scheich geleitet.

Genauer betrachtet hingegen, ist der Sufismus so etwas wie eine islamische Form der Esoterik. Ein vergeistigte Suche des Heils in sich selbst, die vermutlich einem gewissen Bedürfnis unserer Zeit entspricht. Es geht letztlich nicht nur um die Nähe zu Gott, sondern darüber hinaus darum, eine Einheit mit Gott zu erreichen, selbst etwas wie ein Gott zu sein.

Der Weg der Sufi-Lehre folgt 4 Stufen, die mit dem christlichen Glauben an persönliche Erlösung durch Gott und an das Angenommen-Sein von Gott nicht vereinbar sind:

1. Auslöschen der sinnlichen Wahrnehmung
2. Aufgabe des Verhaftet-Seins an individuelle Eigenschaften
3. Sterben des Ichs
4. Auflösung in das all-göttliche Prinzip

Der Sufismus ist nicht per se toleranter als der Islam der Rechtsschulen oder der schiitischen Richtungen.

Beispielsweise schreibt der deutsche Orientalist Tilman Nagel:

„Die Annahme, einem rigiden, unduldsamen ‚Gesetzesislam‘ stehe eine ‚tolerante‘ sufische Strömung entgegen, gehört zu den Fiktionen der europäischen Islamschwärmerei und wird durch die historischen Fakten tausendfach widerlegt.“

Hat man sich im Vorfeld der Sufiveranstaltung in der Wiener Kirche über diese Problematik wohl irgendeinen Gedanken gemacht?

(Spürnasen: Wolfi und Andrea N.)