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Die Induktionslüge

InduktionslügeZur gegenwärtigen Verwahrlosung der Medien gehört der zunehmende Gebrauch der sogenannten „Induktionslüge“. Der Journalist lügt nicht wirklich, doch die Lüge entsteht beim Lesen; sie wird „induziert“ – und der Leser getäuscht. Gudrun Eussner bringt auf ihrer vorzüglichen Website ein wunderbar anschauliches Beispiel für eine Induktionslüge. Und entlarvt sie umgehend.

Sie schreibt:

Die Frankfurter Rundschau (FR) hat eine ganze Reihe von Artikeln im Angebot, den unvermeidlichen Avi Primor, der seit dem Ende seiner Botschafterlaufbahn in Deutschland durch die Printmedien und das Fernsehen tingelt, die Mitarbeiterin Jutta Meier, die von Experten berichtet, die etwas glauben, Experten glauben, dass Israel die Waffe (Phosphorbomben als Brandwaffen) einsetzt, deutsche Militärkreise erkennen Phosphor in den eingesetzten Nebelkerzen, also keine Phosphorbomben, aber die FR weiß, daß es Phosphorbomben sind; denn sie formuliert: Israel will den Einsatz von Phosphorgranaten indes nicht bestätigen. Die Sprecherin der israelischen Botschaft in Berlin ließ auf Anfrage der FR mitteilen, die Verteidigungsstreitkräfte der Armee operierten „im Einklang mit dem internationalen Recht und halten an diesem Recht fest“. Renitent sind die Israelis. Im letzten Absatz von fünfen, aber da ist der Leser längst von den Verbrechen Israels überzeugt, steht zu den eingesetzt geglaubten Waffen: „Phosphor ist eine wahnsinnig grausame Sache, auch wenn er im Krieg nicht verboten ist“, sagt Jan van Aken vom Sunshine Project, das gegen Bio- und Chemiewaffen kämpft.

Und so funktionierts: Zuerst wird ein Verdacht geäußert, eine Vermutung, eine Behauptung oder etwas ähnlich Vages („Experten glauben, dass Israel Phosphorbomben einsetzt“). Dann kommt ein scheinbarer Beleg für diese Behauptung („Israel will den Einsatz von Phosphorgranaten nicht bestätigen“). Es ging um Phosphorbomben, nicht um Phosphorgranaten, aber das weiß der Leser schon gar nicht mehr, vor allem, wenn er schnell liest. Er frisst den Köder, der ihm vorgeworfen wurde, und denkt, er hätte gerade einen tollen Beweis für die Behauptung zu lesen bekommen. Wenn die Israelis nicht dementieren, dann muss es ja stimmen. Anschließend folgen einige weitere Sätze, in denen es um was anderes geht. Der „Beweis“ kann sich derweil schön im Langzeitgedächtnis einnisten. Und zum Schluss gibt es noch eine „Bestätigung“ für die „Behauptung-Scheinargument-Konstruktion“ („Phosphor ist eine wahnsinnig grausame Sache“). Spätestens jetzt ist der Leser endgültig davon überzeugt, eine wichtige Wahrheit erfahren zu haben. Ein extra infamer Trick besteht darin, im „Mittelstück“, wo die Füllsätze eingestreut werden, Dinge zu erwähnen, die zwar banal aber zweifelsohne wahr sind (Typ: Der Papst wohnt im Vatikan; wenn’s regnet, dann fällt Wasser vom Himmel; die Sonne spendet Licht und Wärme). Beim Leser entsteht der Eindruck, da spricht jemand wahre Dinge aus und überträgt deren Wahrheitscharakter auf die ursprüngliche Behauptung. Nach der Lektüre ‚weiß‘ er genau: „Israel setzt im Gaza-Streifen verbotene grausame Phosphorbomben ein!“ Obwohl die Autorin (wohlweislich) das gar nicht geschrieben hatte.

Darum heißt es ja auch „Induktionslüge“, denn nicht der Journalist lügt, doch er setzt seine Worte und Sätze so geschickt zusammen, dass die Lüge im Kopf des Lesers entsteht, also quasi „induziert“ wird.

Im Übrigen möchte ich die Website von Gudrun Eussner allen empfehlen, die auf der Suche nach gut recherchiertem und mit Quellen belegten Hintergrundwissen sind, denn ihr umfangreiches Archiv ist eine wahre Fundgrube. Die Recherche läuft am Besten über Google mit dem Zusatz „site:“ (ohne Leerschritt nach dem Doppelpunkt), also zum Beispiel googele man nach ‚Islam site:http://www.eussner.net‚.

(Gastbeitrag von Yaab)