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Dieterichs Sehstörung

Johannes Dieterichs Sehstörung [1]Rund um Weihnachten hat die Terrorgruppe „Boko Haram“ dutzende Anschläge auf christliche Kirchen verübt und dabei hunderte Menschen getötet (PI berichtete mehrfach) [2]. Boko Haram heißt soviel wie „Die westliche Lehre ist Sünde“. Die Anschläge haben aber trotzdem natürlich nichts mit der Religion des Friedens zu tun. Also was sind die Ursachen?

(Von Beschwichtiger)

Johannes Dieterich (Foto oben) von der käuflichen Frankfurter Rundschau geht der Sache also auf den Grund. Seine Analyse [3] ist absurd, aber eigentlich nicht überraschend. Zusammenfassen lässt sich das Ganze im folgenden Satz: „Alles ist schuld, außer der Islam“.

Nach Auffassung der nigerianischen Regierung wurde die Krise von der islamistischen Sekte Boko Haram ausgelöst. Diese startete 2011 eine Serie von Terroranschlägen. Mehr als 500 Tote soll es gegeben haben. Offenbar gehen auf das Konto der Extremisten sowohl der Anschlag auf das UN-Hauptquartier in der Hauptstadt Abuja im vergangenen August als auch die Überfälle auf Weihnachten feiernde Christen in ihren Kirchen. Doch sind die Gewalttaten tatsächlich alle den Extremisten zuzuordnen?

Man merkt, er traut dem Ganzen nicht. Der Islam und Gewalt gegen Ungläubige? Nein, das kann er sich beim besten Willen nicht vorstellen. Die Serie von Anschlägen begann laut Dieterich 2011. Diese Annahme eines Journalisten, der seit über 20 Jahren aus Afrika berichtet, ist schon sehr seltsam. Sind ihm die tausenden Opfer Boko Harams seit 1999, dem Beginn der Demokratisierung des Landes, etwa entgangen?

Manche Beobachter bezweifeln sogar, dass es Boko Haram als geschlossene Gruppe überhaupt gibt. Für sie sind alleine schon die beiden Haussa-Worte, die „westliche Erziehung ist Sünde“ bedeuten, eine Kreation des Sicherheits-Establishments, das auf diese Weise ganz unterschiedliche Gewalttäter in einen Begriff zu fassen suche: radikale Islamisten, unzufriedene Jugendliche, marginalisierte Politiker und sogar organisierte kriminelle Banden.

Er begründet seine Zweifel an der offiziellen Version mit einigen Aussagen namenloser „Beobachter“. Boko Haram gäbe es als geschlossene Gruppe überhaupt nicht. Die Sekte sei eine „Kreation des Sicherheits-Establishments“.

Selbst Präsident Goodluck Jonathan scheint Boko Haram für ein diffuses Phänomen zu halten: Die Sekte habe Sympathisanten bis in die Regierung, das Parlament und in die Sicherheitskräfte hinein, befand der Staatschef jüngst in verschwommenen Worten. Dass die Regierung eine dermaßen vage Vorstellung von den Urhebern des Bombenterrors hat, ist ein peinliches Armutszeugnis, das auch Erklärungen nahelegt, warum die Sicherheitskräfte bei der Bekämpfung der Gefahr so hilflos sind. Unzufriedenen Jugendlichen ist eben anders zu begegnen als an den Rand gedrängten Politikern oder gar kriminellen Banden. Allerdings ist davon auszugehen, dass die Eskalation tatsächlich viele unterschiedliche Väter hat, die aber zumindest eines gemeinsam haben: die zunehmende Marginalisierung der im Norden des Landes lebenden Muslime, die von den entscheidenden Schaltstellen des Staates in den vergangenen Jahren immer weiter abgedrängt wurden.

Es wird immer abstruser. Jetzt wird auch klar, wieso er vom „diffusen Phänomen“ und von „verschwommen Worten“ schreibt. Er will dadurch der Regierung ein „peinliches Armutszeugnis“ unterstellen, obwohl er es war, der diese Adjektive gebraucht hat, um die eigentlich unmissverständlichen Aussagen des Präsidenten zu relativieren und zu entkräften. Armseliger geht es kaum. Verantwortlich seien „unzufriedene Jugendliche“ und, wer hätte es anders erwartet, „zunehmend marginalisierte Muslime im Norden des Landes“. Die Bekennervideos von Boko Haram zu den Anschlägen scheinen ihn nicht zu interessieren.

Der Motor der Ökonomie liegt im äußersten Süden des Landes, von dort stammen die Erdöleinnahmen; der gegenwärtige wirtschaftliche Aufschwung bleibt auf den Süden begrenzt. Die politische Macht liegt in den Händen eines Christen aus dem Süden: Jonathan ist der erste aus dem Niger-Delta stammende Präsident Nigerias. Im einst von nordnigerianischen Generälen beherrschten Militär werden die höchsten Ränge heute ebenfalls von Offizieren aus dem Süden dominiert.

Jonathan wurde bereits nach seinem umstrittenen Wahlsieg im vergangenen Jahr vor dieser gefährlichen Tendenz gewarnt: Er solle seine Aufmerksamkeit und größere Teile des Sozialbudgets dem Norden widmen, rieten Kommentatoren. Stattdessen kürzte der ehemalige Zoologie-Professor Anfang des Jahres überraschend die Treibstoffsubventionen und brachte damit außer den ohnehin verärgerten Nordnigerianern die gesamte Bevölkerung gegen sich auf.

Wirtschaftswissenschaftlich mag diese Maßnahme sinnvoll sein: Mit acht Milliarden Dollar riss der Zuschuss ein gigantisches Loch ins Jahresbudget und verzerrte den korruptionsanfälligen Treibstoffmarkt. Doch Nigeria ist kein volkswirtschaftliches Proseminar – und seine Bevölkerung argwöhnt nicht unbegründet, dass auch die eingesparten Milliarden wie so vieles wieder in den Taschen der Politiker verschwinden.

Hätte der Präsident damals auf die friedliebenden Muslime im Norden gehört, und die Treibstoffsubventionen, die übrigens für das ganze Land galten, nicht gekürzt, wäre es nicht so weit gekommen. So die Aussage Dieterichs. Warum sich die Muslime nach der Kürzung der Treibstoffsubventionen genötigt sahen, hunderte Christen zu töten, bleibt allerdings sein Geheimnis.

Zum Schluss seiner Analyse folgt ein Ausblick, der an Absuridität eigentlich nicht mehr zu überbieten ist:

Ungewollt hatte Jonathans überraschender Schritt einen positiven Effekt. Plötzlich fanden sich alle Nigerianer – ob aus dem Norden oder Süden, ob Christen oder Muslime – wieder auf derselben Seite: als Opfer der Willkür von Politikern, denen die eigenen Taschen näher liegen als das Wohl der Bevölkerung. Ein christlich-muslimischer Bruderkrieg ist nach dem nur teilweise wieder zurückgenommenen Treibstoff-Schock deshalb weniger wahrscheinlich als ein „nigerianischer Frühling“: Wenn Jonathan den Kampf gegen die Korruption weiter aufschiebt, steht ihm ein Schicksal wie den Mubaraks, Ben Alis oder gar Gaddafis bevor.

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