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Seref – Namus – Itiba: Motive des Ehrenmords

EhrenmordDie von Welt online als „Jungsoziologin“ bezeichnete Hülya Özaktürk scheint eine sehr ernst zu nehmende Persönlichkeit zu sein. Erstens, weil sie sich mit dem Tabuthema „Ehrenmorde“ beschäftigt und dazu in türkische Gefängnisse geht. Zweitens, weil sie sich gründlich mit dem Thema beschäftigt hat. Und drittens, weil sie ihr Ergebnis verteidigt, das nicht in jedermanns Weltbild passt.

Die Basis ihrer Arbeit besteht darin, dass sie 27 lange Interviews mit Mördern von Ehefrauen, Müttern, Schwestern und Töchtern führte. Motiv: Familienehre retten. Seit 2005 hat die Anzahl der Ehrenmorde in der Türkei zugenommen. Die Soziologin führt dies darauf zurück, dass der zunehmende Freiheitsdrang der Frauen mit der zunehmend religiösen Politik von Erdogans AKP kollidiert. Die Ergebnisse von Özaktürk belegen aber, dass es neben aktuellen politischen Komponenten immer auch eine durchgehende „Kultur des Ehrenmords“ im Islam gegeben hat. Hier die Ergebnisse ihrer Studie:

Der Ehrbegriff lässt sich in drei Bereiche einteilen:

1. Seref: die Ehre des Familiennamens

2. Namus: die sexuelle Reinheit oder Keuschheit der Frau

Die „Ehre“ der Familie ist abhängig von der Reinheit ihrer Frauen und muss im Falle einer Verfehlung mit Blut reingewaschen werden.

3. Itiba: Kredit

Wer seinen Itibar, seine Glaubwürdigkeit, verliert, kann keine Geschäfte mehr machen. „Wenn du Itibar hast, wirst du ohne Bürgen überall einkaufen können, da dir überall Kredit gegeben wird“, sagt einer der Täter (40, kurdisch, sunnitisch)

Ein anderer (60, kurdisch, sunnitisch) sagt: „Man kann einem Mann nur Ware geben, wenn er Itibar hat. Ich kaufte 200 Tiere ein, ohne zu bezahlen.“

Und so gestaltet sich das Zusammenspiel der drei Ebenen der „Ehre“:

Ein Ehrenmann („serefli“) ist einer, der seinen Namus erfolgreich verteidigt (die Unbeflecktheit seiner Frauen und weiblichen Angehörigen) und dadurch Itibar hat, also Kredit.

Umgekehrt: Wessen Namus befleckt wird, der ist entehrt, ohne Seref und daher ohne Itibar, ohne Kredit.

Die gesellschaftliche Ächtung nicht verteidigter „Ehre“ geht ins Geld bzw. an die wirtschaftliche Existenz:

Ein solcher Mann wird wirtschaftliche Nachteile erfahren, denn oft beruht die wirtschaftliche Existenz der betroffenen Familien auf Kleinhandel oder Agrarwirtschaft – wobei sie auf ein Netzwerk von Kontakten angewiesen sind, das zusammenbricht, sobald sie ihre „Ehre“ verlieren. Ein Mann ohne „Ehre“ wird in solch einer Werteordnung auch seine Kinder nicht mehr vorteilhaft verheiraten können, um so Allianzen zwischen Familiennetzwerken zu schmieden, die wiederum wirtschaftlichen Vorteil bringen. Özaktürk zufolge ist diese wirtschaftliche Dimension der eigentliche Grund, warum „Ehrenmorde“ passieren.

Welt online Schreiber Boris Kálnoky meint erst einmal reflexartig das hat nichts mit Islam zu tun™ :

Seinen Ursprung hat dieses Wertesystem natürlich in vorislamischen, archaischen Stammesgesellschaften. Dort beruhen Macht und wirtschaftlicher Erfolg auf der Stärke des Verwandtschaftsverbandes, und diese Geschlossenheit des Clans hängt ab von der sexuellen Kontrolle der Frauen.

Aber er ist so ehrlich und gibt den Verlauf seines Gesprächs mit der überzeugenden Frau Özatürk wieder – und das ist brisant:

Frau Özaktürk widerspricht jedoch im Gespräch mit der „Welt“ der gängigen Auffassung von Islamwissenschaftlern und muslimischen Geistlichen, dass „Ehrenmorde“ keine Verankerung im Islam haben. Aus ihren Gesprächen mit den Tätern kann sie belegen, dass eigentlich jeder von ihnen sein Verbrechen als etwas betrachtet, was im Einklang mit den Anforderungen des Islam steht. (…)

„Die Leute dürfen nicht sagen, dass ich meine Tochter mit fremden Männern herumlaufen lasse. Ich bin ein Mann, der betet und die rituellen Waschungen vollzieht“, sagt einer der Täter. Und ein anderer rechtfertigt seinen Mord mit den Geboten des Islam: „Unzucht ist ‚haram'“ – also verboten im Bezug auf islamische Vorschriften.

Die Soziologin kommt zu dem sehr logischen Ergbebnis, dass der Koran die Stammesgesellschaft spiegelt und das Verhalten einer Stammesgesellschaft konserviert. Die Geschlechterrollen seien grundsätzlich verschieden angelegt und die Frau habe sich demütig zu verhalten, weil der Koran das Kommunizieren mit anderen Männern verbiete. Der Namus-Begriff ließe sich direkt aus dem Koran ableiten:

Der Koran sieht für Ehebrecher 80 Peitschenhiebe vor, an einer anderen Stelle heißt es, man solle die sündhafte Frau in ein Haus sperren, bis der Tod sie holt „oder Allah ihr eine Möglichkeit gibt“. In der Praxis wurde daraus bald Steinigung, erklärt Özaktürk.

Diese jahrhundertelange intensive Prägung auf das religiöse Gesetz des Koran hat tiefe Spuren in der islamischen Gesellschaft hinterlassen:

Von den 27 Tätern, mit denen sie sprach, „hat keiner seine Tat bereut, obwohl es den meisten für die Frau leidtat. Sie alle empfanden ihre Tat als etwas, das den Erwartungen der Gesellschaft entsprach und ihrer Familie, ihrem Clan nützte.“

Özaktürk fand keine großen Unterschiede in den Wertvorstellungen türkischer und kurdischer „Ehrenmörder“ oder zwischen Anhängern verschiedener Konfessionen (unter den Tätern waren Sunniten und Alewiten).

Würden andere Gesetze oder härtere Strafen etwas an dieser Einstellung ändern?

Schärfere Gesetze helfen ihrer Meinung nach wenig, um an diesem Umstand etwas zu verändern. „Der Effekt besteht nur darin, die Tat zu beschleunigen. Denn wenn man wartet, wird die Frau sich retten und der Staat sie schützen, und je mehr Zeit vergeht bis zum ,Ehrenmord‘, desto größer die Schande der Familie und eventuell ihr wirtschaftlicher Nachteil.“

Einige Gedanken dazu:

Diese erste wissenschaftliche Studie mit dem Titel „Ehrenmorde in der Türkei“ (veröffentlicht in den „Pera-Blättern“ des Istanbuler Orient-Instituts) offenbart eine für uns völlig ungewohnte Gedankenwelt. Im Christentum wird der Mord als Todsünde begriffen. Wer einen Mord – dazu noch einen Mord innerhalb der Familie – begangen hat, von dem wird tiefe Reue erwartet. Die Vorstellung, dass es sich genau andersherum verhalten kann, dass ein Mord von einem verlangt wird, dass er als Sühne angesehen wird, dass man ihn nicht bereuen muss – dieser Gedanke ist ganz einfach völlig absurd. Befremdlich ist auch der Gedanke, dass das Motiv für den geforderten Ritualmord ein wirtschaftliches ist, also ein niederes Motiv. Würden Sie Ihr Kind töten, um ihre Existenz abzusichern?

Dieser Einblick in die Gedankenwelt des mohammedanischen Glaubens wirft viele Fragen auf. Wie kann eine Kultur gut sein, die ihre Männer zu Mördern erzieht? Abgesehen von dem Tötungsbefehl bei Verfehlungen der Frauen treten ja weitere Mechanismen hinzu, die noch gar nicht genannt sind: Der Islam ist kein freies Bekenntnis. Und der Islam verhindert die „Mischehe“. Moslemischen Frauen ist es nicht gestattet, sich einen Mann außerhalb ihres Kulturkreises zu suchen – dann droht der besagte Ehrenmord. Auch die zweite denkbare Fluchtmöglichkeit, das Ablegen des islamischen Glaubens oder die Konversion zu einem anderen Glauben, ist nicht erlaubt und laut Koran mit der Todesstrafe bewehrt. Wenn man dies alles zusammen betrachtet, so befinden sich die Frauen in einem Gefängnis und jeder Ausbruchsversuch ist mit Lebensgefahr verbunden.

Wer sich schon einmal mit einer geschiedenen und vom Islam zum Christentum konvertierten Frau unterhalten hat, dem ist klar, dass dies nicht ohne strikten Abbruch sämtlicher Verbindungen einhergeht, inklusive mehrfachem Wohnungswechsel. Hier bei uns vielleicht machbar – in einem islamischen Land und ohne genügend finanzielle Mittel wohl kaum.

Und noch etwas kommt einem als Christ unweigerlich in den Sinn. Man wird oft damit konfrontiert, das Christentum habe selbst genug auf dem Kerbholz und sei deswegen nicht besser. Doch, das Christentum ist besser! Während der Koran archaische Strukturen konserviert, lautet der Auftrag für das Christentum: Prüft alles und behaltet das Gute! (1Thess 5,21) Ohne das wären wir heute nicht da, wo wir heute sind. Und weil wir mit dieser Devise so weit gekommen sind, fällt es uns so schwer, die Mechanismen des Islam zu verstehen. Dem Islam sind nachhaltige Entwicklungsbremsen eingebaut, um nur das angebliche wortwörtliche Diktat des Koran an Mohammed zu nennen. Anstatt sich positiv zu entwickeln, prallt der Islam wie ein Ball am Gummiband immer wieder in das Archaische zurück. Wenn man das verstanden hat, kann man nachvollziehen, wieso der Schriftsteller Hamed Abdel-Samad davon spricht, dass der Islam sich nicht reformieren kann und letztendlich dem Untergang geweiht ist.

Die Frage ist, wie viele Generationen von Frauen sich noch terrorisieren lassen müssen und wie viele Generationen von Männern noch die perfiden Erwartungen erfüllen werden, die der Koran an sie stellt. Kann man denn nicht endlich nach 1400 Jahren klären, dass diese Mordkultur auf den Müllhaufen der Geschichte gehört?

An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen (aus der Bergpredigt)

Links:

» Necla Kelek: Die Ehre ist immer gefährdet (FAZ 2008)
» Nourig Apfeld: Ich bin Zeugin des Ehrenmordes an meiner Schwester (Buch)
» Videos zum Thema Ehrenmord

(Das Bild oben stammt aus einem Video)