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Metamorphose vor Santa Maria in Trastevere

bettlerin-romEs ist 11 Uhr. Wir sitzen auf der Terrasse eines römischen Cafés neben der Kirche Santa Maria in Trastevere. Mit schnellem Schritt, ein Handy am Ohr, biegt eine junge, braungebrannte, drahtige Frau, Typ Managerin, um die Ecke und bewegt sich aufrecht und zackig in Richtung Vorhalle vor der Kirchentüre. Dort setzt sie sich auf den Boden neben eine Säule, telefoniert noch kurz – und wird eine ganz andere!

Sie entledigt sich ihrer Schuhe und holt löchrige Strümpfe aus einer Plastiktüte, die sie so anzieht, daß mehrere nackte Zehen aus den abgetretenen Sandalen hervorgucken. Dann kommt eine alte Jacke dran, natürlich ebenfalls mit Löchern. Nun nimmt sie eine Schminkdose und macht ihr Gesicht schwärzer mit dunklen Linien auf den Augenbrauen zum Beispiel. Das Kopftuch wird tiefer ins Gesicht gezogen, die sichtbare Stirn wird kleiner. Sie steht auf.

Die vor kurzem noch junge Frau ist jetzt alt, stützt sich plötzlich auf einen Stock, denn sie steht nicht mehr aufrecht, sondern ganz tief gebückt. Die kranken Füße sind verwachsen und nach innen verwinkelt. Sie humpelt mühsam.

In der Hand einen Plastikbecher spricht sie jeden Vorbeigehenden, welcher nicht eindeutig ein Einheimischer ist, an und bettelt. So bewegt sie sich vorwärts zum Brunnen, auf dessen Stufen viele junge Leute sitzen. Bettelnd umkreist sie das Rund. Nicht wenige werfen etwas in den Becher.

Nachdem der Brunnen abgegrast ist, holt die Verwandlungskünstlerin weiter aus und umzirkelt die ganze Piazza. Erst allmählich geht es hinkend im Zickzack von Opfer zu Opfer wieder zurück Richtung Kirchentür. Die Bettlerin ist müde vom gebückten Humpeln und bettelt zur Erholung weiter im Sitzen. Eine Kollegin kommt vorbei und wird weitergeschickt in eine andere Richtung. Wir brechen auf, nicht ohne sie nochmals von ganz nahe gemustert zu haben. Nein, wir haben nicht geträumt.

Wer die Geschichte nicht glaubt, sie wiederholt sich jeden Tag. Einfach vor Mittag dort hinsitzen und warten. Die Bettlerinnen, es sind vermutlich Zigeunerinnen, ziehen sich übrigens ganz locker und langsam direkt vor der Kirchentür um. Sie haben keinerlei Angst, daß sie jemand beobachtet. Sie betteln schon während der Verkleiderei, denn es bleibt niemand stehen. Die meisten schauen weg, gehen möglichst weit von der Belästigung entfernt vorbei und geben nichts. Diejenigen, die geben, bleiben aber auch nicht beobachtend stehen. Sie werfen was rein, wenden ihre Augen ab und gehen ebenfalls schnell weiter. Kein Tourist bemerkt den Schwindel. Das Foto zeigt eine andere römische Bettlerin in einer ebenfalls typischen Pose.

Wenn Sie trotzdem spenden möchten, dann tun Sie das bitte nicht aus Mitleid, sondern als Freund des Theaters!