Kopftuch: Nur bei Musliminnen schlecht

Heute gibt die Presse einer Ingrid Thurner (Foto) viel Raum, um dem Leser zu erklären, dass das islamische Kopftuch doch nur ein Stück Stoff sei, vergleichbar etwa mit dem Kopftuch, dass die Köchin trägt, damit kein Haar in die Suppe fällt, oder die Krankenschwester aus hygienischen Gründen. Und außerdem würde das christliche Kopftuch doch viel älter sein.

Meist wird demnach das Kopftuch freiwillig getragen, Zwänge von Ehemännern oder Vätern seien ebensolche Einzelfälle™ wie Zwangsheiraten und Ehrenmorde. Aha.

So schreibt sie etwa:

Die Muslimin, das arme Opfer von Männermacht – so wird sie medial stilisiert, so wird sie von einer breiten Öffentlichkeit imaginiert. Denn wie jedermann zu wissen glaubt (es steht ja so gut wie täglich in Zeitungen zu lesen): Die Frauen werden von Männern, von Vätern, Brüdern, Ehemännern, Söhnen geknechtet, genötigt, gezwungen. Sie werden zwangsverhüllt, zwangsbeschnitten, zwangsverheiratet, ehrengemordet – anders kommen Musliminnen im veröffentlichten Diskurs heutzutage nicht mehr vor. Sie werden als Kopftuchmächen verunglimpft, als Schleier und Leid Tragende bedauert oder höchstens noch als sogenannte Fundamentalistin stigmatisiert. Denn die Frauen, die ihre Körper, ihre Haare, ihre Knie, selbst das Gesicht freiwillig verbergen, was könnten sie anderes sein als Radikale? Als solche werden sie gar in einen Kontext mit dem Ku-Klux-Klan gestellt. Das ist entweder blanker Zynismus oder eine Verdrehung der Opfer/Täter-Rollen.

Selbst wenn es Zwangsverhüllungen und Zwangsverheiratungen kaum geben würde, so wäre jedes einzelne Mädchen, dem dergleichen wiederfährt, zu bedauern und nicht zu verhöhnen. Aber in islamischen Ländern sind diese Dinge Regel, nicht Ausnahme! Wir glauben nicht, dass Thurner in Saudi-Arabien leben möchte. Zwangsverhüllt und mit einem Mann verheiratet, den ihr Vater ausgesucht hat.

Und der Begriff „Kopftuchmädchen“ diskriminiert nicht die kleinen Trägerinnen. Die entscheiden kaum bereits im Kleinkindalter, dass sie unbedingt ein Kopftuch tragen wollen, sondern deren Eltern. Ihn in diesem Kontext zu nennen, soll einzig den Kritiker dieser Zustände diffamieren. „Sehr her, der geht sogar auf Kinder los“.

Die Ablehnung des Kopftuchs in westlichen Gesellschaften ist zur Metapher der Islamophobie geworden. Daraus folgt in logischer Ableitung, dass das Kopftuch selbst als Symbol für den Islam schlechthin herhalten muss. Das ist mindestens fragwürdig, wenn nichtfalsch. Denn zunächst einmal ist das Kopftuch nichts weiter als ein Stück Stoff

Soso. Mit dem freiwillig getragene Kopftuch, das ja laut Verfasserin die Regel sein soll, grenzt sich die Trägerin bewusst von der Mehrheitsgesellschaft aus. „Ich bin eine reine Muslimin, ihr dagegen ungläubige Schlampen.“

Dann geht sie sich ausführlich darauf ein, dass das christliche Kopftuch älter sei, viele Omas eins tragen und es bei manchen – etwa Nonnen – zur Berufsbekleidung gehört. Aus dieser Aufzählung nimmt sie noch nicht mal die heraus, die aus hygienischen Gründen eins tragen.

Aber Musliminnen sind durchaus nicht nur die armen Unterdrückten. Und sie bedürfen nicht beständig jenes Mitgefühls, das sie hierzulande bekommen. Tragisch ist, dass ein historisch und sozialwissenschaftlich schlecht informierter europäischer Feminismus ausgerechnet gemeinsam mit manchen Medien zur Verteidigung der muslimischen Schwestern antritt, die diese Verteidigung weder wollen noch brauchen.

Denn Musliminnen sind auch selbstbewusste Frauen, die ihr Kopftuch aus Überzeugung tragen, aus religiösen Gründen, aus Gründen der Überlieferung, sie zeigen damit, dass sie gemäß den Regeln ihrer Religion leben möchten, dass sie nicht belästigt werden wollen.

Schlimm genug, wenn frau nur dann nicht belästigt wird, wenn sie eins trägt. Dass alle anderen Freiwild sind, ist offenbar deren Schuld.

Frauenrechtsaktivistinnen und andere Verteidiger der Rechte Unterjochter – mögen sie im guten Glauben handeln, dann sind sie naiv. Denn wenn sie vorgeblich für die Rechte der muslimischen Schwestern kämpfen, rechtfertigen sie tatsächlich die eigene Position, indem sie behaupten, dass die anderen schlechter dran sind. Man erhöht die eigene Stellung, indem man die fremde erniedrigt, man demonstriert an der fremden Unterlegenheit die eigene Superiorität – ein seit der Antike erprobtes Instrument der Unterdrückung. Sie erreichen damit das Gegenteil dessen, was sie vorgeblich wollen, nämlich machen sich zu Handlangern der Mächtigen, kaschieren nicht den eigenen Rassismus, sondern zeigen ihn offen vor, dienen in Wirklichkeit nationalistischen Interessen.

Ach so, wir bilden uns nur ein, dass unser System besser ist als eins, dass zwangsverheiratete Frauen ins Haus sperrt, ihnen grundlegende Menschenrechte, wie das Recht auf Selbstbestimmung, vorenthält, und sie zu Menschen zweiter Klasse macht.

Man zieht Einzelfälle heran, stilisiert sie medial hoch, reiht sie aneinander, man erklärt die islamische Kultur zur Kultur der Gewalt und nimmt sich so das Recht, die Religion als Ganzes zu diffamieren; einige irregeleitete Ausprägungen à la Taliban sind vorzüglich geeignet, solche Standpunkte zu erhärten. Man zeigt, wie schlecht die Muslime sind, und hat so allen Grund, ihnen den Eintritt nach Europa zu verwehren.

Dazu fällt uns nur Betsy Udinks Buch „Allah und Eva“ ein, in dem sie sagt:

Die Menschen hier gehen miteinander um wie die Bestien. Sie stehen nicht einmal am Anfang der Zivilisation

Zum Schluss tröstet Thurner uns damit, dass es ja in manchen Ländern weniger schlimm sei. Man solle doch mal die Musliminnen selbst frage. OK, Necla Kelek hat sich dazu geäußert. Schließlich wollen doch die Frauen nur nicht belästigt werden, von lüsternen, dauergeilen, gläubigen Männern. Vielleicht sollte man denen besser die Augen verbinden…

(Spürnase: Mister Chaos)