„Jugendliche“ in Kirchweyhe?

cihanaWissen Sie, was „Jugendliche“ sind? Natürlich, junge Menschen, so ab 14 bis Mitte 20, manchmal älter. Typisch für sie ist, dass sie gerne Party machen, sich für Typen oder Mädchen interessieren, vielleicht für Autos, Mode, Motorräder oder auch Reisen. Manche schlagen sich, manche zicken, manche mobben sich.

(Von Fishtown-Fan)

Aufmerksame Leserinnen und Leser von PI wissen aber auch, dass die Bezeichnung „Jugendliche“ immer dann verwendet wird, wenn ein anderer Hintergrund nicht genannt werden soll. Sobald „Jugendliche“ in „einer Gruppe“ gegen Einzelne mit „Messern“ auftreten oder mit Schuhen gegen Köpfe treten, dann weiß man, wer damit in der Regel umschrieben wird. So wie einst in der DDR, hat man es in der Bundesrepublik gelernt – lernen müssen -, zwischen den Zeilen zu lesen.

Eine besondere Variante dieses Sprachgebrauchs ist jetzt im Prozess gegen die Mörder von Daniel S. erschienen. Denn dort

[…] haben die Verteidiger des Angeklagten den Antrag gestellt, einen Jugendforscher der Uni Bielefeld zu hören. Der Mann solle ein Gutachten einbringen, inwieweit die tödliche Auseinandersetzung vom März 2013 jugendtypisch gewesen sei, so die Anwälte am Donnerstag vor dem Landgericht Verden.

Der 20-jährige Cihan A. muss sich dort wegen Mordes verantworten. Er soll den Streitschlichter laut Anklage bei einer Auseinandersetzung am Bahnhof in Kirchweyhe mit Tritten getötet haben.

Ich habe oben skizziert, wie ich mir typische deutsche Jugendliche vorstelle. Dass das Treten gegen den Kopf eines Wehrlosen auch mit dazu gehört, ist mir neu, insbesondere, wenn so lange getreten wird, bis der Kopf in Stücke zerbrochen ist. Auch deutsche Jugendliche werden zu Mördern, aber diese spezielle herzlose Grausamkeit kommt aus einem bestimmten Kreis der Unkultur und Barbarei zu uns. Sie ist und sie war nie typisch für unser Land.

Was bezweckt nun die Verteidigung mit ihrem Antrag? Der Richter hat früh schon angedeutet und jetzt klar zu erkennen gegeben, dass für ihn eine Bestrafung wegen Totschlags oder Mordes nicht in Frage kommt.

Wird hier von der Verteidigung die Perfidie noch auf die Spitze getrieben? Also, in dem Sinne, dass ’sich Jugendliche ja normalerweise öfter mal die Köpfe zertreten und Daniel S. in solch eine Kopftreter-Auseinandersetzung verwickelt war, als Jugendlicher, so ist das dann wohl etwas ganz Normales, dass dabei dann auch mal einem der Jugendlichen das Gehirn aus dem Schädel getreten wird? Wo es dann nur Zufall war, wer dort gerade zum Opfer wurde?‘

Soll es das sein, worauf die Verteidiger hinaus wollen?

So oder so ähnlich könnte die teuflische Argumentation aussehen, die hinter diesem Antrag steht. Dass Daniel S. einen Streit schlichten wollte und absolut friedfertig war (PI berichtete), soll durch eine verwinkelte Strategie in den Hintergrund geraten.

Das Perfide daran ist, dass die Verteidigung in einem tieferen Sinne sogar Recht hat. Es gibt etwas Typisches in diesem Fall. Die primitive und feige Grausamkeit tritt besonders in einer spezifischen Gruppe auf. Das darf man aber nicht aussprechen, man darf diese Gruppe nicht beim Namen nennen, denn das ist dann „Rassismus“.