Ruhrkent: „Duisburg“

ruhrkent - KopiePI begleitet, wie gestern angekündigt die diesjährige Buchmesse mit Themen aus „Ruhrkent“, einem mit abwechselnd betonten und unbetonten Silben geschriebenen Roman über einen zukünftigen islamischen Staat in NRW. Das Kapitel „Duisburg“ schildert den Umbau Duisburgs in eine fremde, nicht-deutsche Stadt, Keimzelle des neuen Staates. Als Zeitzeugen haben wir einen Teil dieser Entwicklung bereits miterlebt. Über die uns in den nächsten Jahren erwartenden Schritte berichtet uns der Romanheld aus der Rückschau: „So kam das alles (…), und man konnte wie bei einem Stundenzeiger, der gemächlich, doch beständig vorwärtsrückte, erst, wenn wieder eine Stunde um war und geschlagen hatte, sehen, dass es langsam, aber rege näher kam.“

(Von Markus G.)

Den Aufbau der „Bunten Republik“, beginnend mit der Ansiedlung der ersten „Gastarbeiter“ und endend mit der Gründung eines fremden Staates in Deutschland, erlebt der Held zunächst als unbeteiligter Beobachter. Soweit er die ersten äußerlichen Veränderungen Duisburgs überhaupt bemerkt, – z.B. durch zweisprachige Beschilderungen im Kaufhaus, Demonstrationen fremder Extremisten in der Innenstadt, die Einführung der Geschlechtertrennung im Hallenbad usw. -, beruhigt er sich selbst, erfindet Ausreden, beschönigt. Wie Millionen anderer Deutscher unserer Zeit versucht er, dem Thema auszuweichen, es zu ignorieren, statt sich der Dramatik der Entwicklung mit all ihren Konsequenzen zu stellen und diese Entwicklung entweder klar zu bejahen oder klar abzulehnen. In dieser Neigung, das Thema zu verdrängen, wird der Held durch Staat und Behörden bestärkt:

„Es war daher, als meldete das Wetteramt, um Heiterkeit und ungetrübte Laune zu verbreiten, stets gewohnheitsmäßig eitel Sonnenschein, obwohl man selbst, sobald man sich ein wenig aus dem Fenster streckte, bis zum Horizont bereits pechschwarze Regenschleier vor den Augen hatte.“

Neben der Beschreibung der äußerlichen Veränderung der Stadt ist die uns allen bekannte Atmosphäre des Stillschweigens unter den Deutschen das eigentliche Thema des Kapitels. Wo die Sprache versagt, kommunizieren die Menschen allerdings indirekt, doppeldeutig oder in einer Art Parallelsprache:

„Doch wenn man deutlicher, genauer und auf feine Zwischentöne lauschte, (…), dann hörte man, als sprächen sie zugleich mit einer zweiten Flüsterstimme, die von weiter unten, durch den Schlund heraufgepresst, als leises Raunen aus dem Kehlkopf drang, dass sie noch andere, versteckte Gründe hatten, die sie niemandem erzählten (…)“

Diese indirekte oder nonverbale Form der Kommunikation, wie wir sie heute beim Thema „Bunte Republik“ oft praktizieren, ist nur möglich, weil viele Menschen gemeinsame Gefühle teilen und diese gemeinsamen Gefühle immer weitere Kreise ziehen:

„…das Gefühl der Fremdheit beispielsweise, das allmählich um sich griff, und das Gefühl, hier fehl am Platz zu sein, das sich wie eine schattenhafte Krankheit, durch ein banges, nur beschwerlich unterdrücktes Husten, einen schwachen Hauch vom einen auf den nächsten übertragen, ringsherum verbreitete, wie eine Krankheit, die man schamhaft und bemüht, beredt verschwieg, und der man täglich wieder neu versuchte, aus dem Weg zu gehen, die sich aber an uns heftete, auf Schritt und Tritt.“

Im Lauf der Zeit werden die Veränderungen in der Stadt unübersehbar, sie lassen sich nicht mehr wegschweigen, sie verlangen eine Stellungnahme. Als die große Salvatorkirche neben dem Duisburger Rathaus zur Moschee umgebaut wird und der Muezzin durch die Duisburger Altstadt brüllt, wird aus der passiven Neigung des Helden zum Wegsehen zunächst eine noch passivere Neigung zur Gewöhnung:

„Und letztlich war das Ganze ohnehin nur eine Frage der Vernunft, wie üblich, also hielt ich mich daran zu glauben, dass das alles schon mit rechten Dingen zuging und falls doch nicht, würde ich mich trotzdem irgendwie daran gewöhnen müssen.“

Die passive Gewöhnung, d.h. die geistige Kapitulation, hält er allerdings nicht lange durch, er versucht deshalb, sich mit den Verhältnissen konstruktiv zu arrangieren. Anders als seine Freunde, die Duisburg verlassen, will er die Hoffnungslosigkeit des Projekts „Bunte Republik“ nicht wahrhaben und beginnt, den zuversichtlichen Überzeugungstäter zu spielen:

„Mit Veränderungen hat man sich gefälligst abzufinden, sagte ich zu mir und fasste den Beschluss, den Dingen, wo ich konnte, eher etwas abzutrotzen als mich einfach aus dem Staub zu machen, sie als eine schicksalhafte, aber schätzenswerte, kostbare Bereicherung, statt mich zu sträuben, anzunehmen, sie als Fortschritt und als Chance zu begreifen.“

Auch dieses Verhaltensmuster kennen wir von Millionen Deutschen, die gerade in den letzten Jahren versuchen, die Buntisierungspolitik als etwas Positives zu sehen. Sein Pfeifen im Walde treibt den Helden allerdings in einen Generationenkonflikt mit dem eigenen Sohn, der die real existierende Buntheit natürlich intensiver am eigenen Leibe erfährt und vergeblich darauf drängt, aus Duisburg zu fliehen.

Dieses Kapitel „Duisburg“, das den ethnischen Umbau Duisburgs von den ersten „Gastarbeitern“ bis etwa kurz nach unserer heutigen Zeit beschreibt, wird weiter hinten im Buch im sehr viel düsteren Kapitel „Die Taxifahrt“ fortgeführt, das die weitere Entwicklung der künftigen Jahrzehnte darstellt. Während seiner Fahrt zum Gericht betrachtet der Held die verwahrloste Stadtlandschaft eines total buntisierten Duisburgs der Zukunft und beschreibt den nahezu unausweichlichen politischen Automatismus, der zur Gründung eines fremden, nicht-deutschen Staates in NRW führen wird. Das Buch macht uns keine Hoffnungen, dass sich dieser Prozess der Staatengründung friedlich vollziehen wird, auch wenn wir uns derzeit Verhältnisse wie im gegenwärtigen Syrien in der scheinzivilisierten Welt des modernen Duisburgs noch kaum vorstellen können. Oder wie der Held es ausdrückt:

„Aber dass sich auch der Frieden ändern würde, ahnte ich erst langsam. Anfänglich war diese Ahnung nur wie eine kleine Wolke tief am Horizont: Mit einem Seitenblick nimmt man sie wahr, man sieht sie, schenkt ihr allerdings, weil sie so sanft und leise durch die Lüfte schwebt, nicht viel Beachtung, man vergisst sie einfach schnell. Vielleicht, wer könnte das schon sagen, wird es Regen geben, denkt man noch,(…)“


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