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Die Helden von Köln

Helden KölnsEigentlich habe ich immer gern in diesem Land gelebt. Man kann seine Meinung frei sagen, falls man eine hat, alle möglichen Bücher kaufen, Zeitungen lesen, Talkrunden im Fernsehen verfolgen, reisen wohin man will, zu essen gibt es auch genug und die NPD bekommt bei Wahlen immer nur ein paar mickrige Prozent. Diese Idylle schien mir immer unzerstörbar bis zu jenem Tage, an dem ich begriffen habe, dass unser Land von der Schlimmsten aller Gefahren bedroht wird: den unsichtbaren Nazis.

Zu verdanken habe ich diese Erkenntnis den zahlreichen Aufrufen zum „Kampf gegen Rechts“, die landauf, landab ununterbrochen in den Medien verbreitet werden. Zwar kenne ich persönlich keinen Nazi und die paar Skinheads, die ihr Unwesen treiben und deren äußere Erscheinung mit ihrer Intelligenz harmoniert, können nicht die wahre Ursache für den landesweiten Alarmruf sein. Nein, es muss in diesem Land viele Millionen Nazis geben, die sich unerkannt unter uns bewegen und sich anschicken, wieder die Herrschaft zu ergreifen. Ich vermute, dass diese Nazis anders als 1933 diesmal die Machtübernahme ganz klammheimlich vorbereiten. Sie sind Meister im Täuschen und Verstellen. Sie wählen bewusst keine Nazi-Parteien, damit ihr Feind – also auch ich – sich in Sicherheit wiegt. Die fatale Konsequenz lautet: Hinter jedem meiner Mitmenschen kann sich solch ein Nazi verbergen. Mein Nachbar zum Beispiel, der immer sagt, er würde die Grünen wählen, die linke Lehrerin meines Sohnes, die sich bei der GEW engagiert, der schwule Bademeister im Freibad (ist das etwa eine Blutgruppen-Tätowierung auf seinem Arm?) oder gar die freundliche türkische Kassiererin im Aldi?

Aber wie haben die Kämpfer gegen Rechts denn überhaupt von der Existenz der vielen Nazis, die man ja nicht sehen und nicht hören kann, erfahren? Die Antwort ist frappierend einfach: Es gibt Menschen, die können Nazis fühlen. Ja, an alles haben die braunen Horden gedacht, um sich zu tarnen, nur nicht daran, dass man sie fühlen kann! Und deshalb haben die gefühlten 100.000 Nazis, die vergangenen Samstag in Köln unter dem Vorwand eines „Anti-Islamisierungskongresses“ das Vierte Reich ausrufen wollten, denn auch eine unerwartete historische Niederlage hinnehmen müssen. Gefühlt, und so noch rechtzeitig entdeckt von sensiblen Nazi-Aufspürern, hat sich ein Bollwerk beherzter Kölner dem faschistischen Heer todesmutig entgegen gestellt – und triumphiert! Eine bunte Koalitionsarmee aus Kommunisten, Sozialisten, Anti-Faschisten, Gewerkschaftern, Kirchenleuten, Künstlern, Taxifahrern, Kneipenwirten, Straßenbahnschaffnern und Eisverkäufern hat unter der generalstabsmäßigen Führung des heldenhaften Kölner CDU-Oberbürgermeisters Fritz („No pasaran!“) Schramma den Sieg errungen.

Schade, leider war ich nicht dabei. So kam ich auch nicht in den Genuss des erhebenden Gefühls, das sich einstellt, wenn man unter Einsatz von Leib und Leben die Demokratie siegreich gegen eine totalitäre feindliche Übermacht verteidigt hat. Ich muss allerdings zugeben, dass ich ein eher ängstlicher Typ bin. Und als ich hörte, dass der Kölner OB Schramma von „Euro-Faschisten“ sprach, die ihren deutschen Kameraden nun zur Hilfe eilen würden, habe ich vorsichtshalber schon mal die Koffer gepackt und den Reisepass gesucht. „Euro-Faschisten“, von denen hatte ich bis dahin noch nie etwas gehört. Sind das die Leute, die den „Euro“ eingeführt haben? Aber es ist ja alles gutgegangen. Jedenfalls – darüber bin ich unendlich erleichtert – ist die heutige Generation anti-faschistischer Widerstandskämpfer aus einem anderen Holz geschnitzt, als die Weicheier, die sich 1933 ins KZ sperren ließen und den Nazis freie Bahn gegeben haben. Auf die Zivil-Courage der Männer vom Kaliber eines Schramma, Laschet und Niedecken kann der Bürger zählen. Die lösen nicht gleich die Fahrkarte ins Exil, wenn es hart auf hart gegen die Nazis geht.

So, meine Koffer habe ich inzwischen wieder ausgepackt. Ich fühle mich wieder sicher in diesem Land. Und sollte mir irgendwann einen Horde kampfbereiter Nazis begegnen, dann rufe ich einfach laut „Arsch huh“, in der Gewissheit, dass mir Schramma und seine Kölner Helden sofort entschlossen zur Seite stehen.

(Gastbeitrag von Censor)