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Die Weihnachtsatheisten

[1]„In der Adventszeit kommen sie hervor. Die miesepetrigsten und verdrießlichsten Bürger Norwegens: die Ungläubigen“. Diese herrliche Überschrift konnte ich in der norwegischen Weekend-Zeitung „Morgenbladet“ lesen. Das gleiche geschieht in Dänemark. Wenn es am dunkelsten ist, kommen sie aus ihren Verstecken; sie ertragen das Licht in der Dunkelheit nicht. Sie sind für Aufklärung und nicht für das Kerzenlicht.

(Im Original erschienen in der dänischen Zeitung Jyllandsposten [2] von Hans Hauge / Übersetzung: Alster / Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist nicht beabsichtigt und wäre rein zufällig…)

Man sieht sie in den Tagen, wo selbst die Erwachsenen Zipfelmützen tragen. Es geht ihnen nicht gut, denn sie sind oft sowohl sentimental als auch nostalgisch – zugleich aufgeklärt und vernünftig. Einerseits wollen sie folglich gerne Weihnachten feiern. Andererseits schämen sie sich. Die Gebildetsten wagen sich sogar in eine Kirche und hören „Messias“ oder Ähnliches. Andere hören harten englischen Weihnachts-Rock. Sie essen sowohl Ente, Rotkohl und Milchreis (ris a la mande), laufen vielleicht sogar um den Weihnachtsbaum herum, aber ohne Lieder zu singen, und sie bekommen Geschenke. Sie wissen sehr wohl, dass sie Demonstrationen veranstalten sollten, um das Weihnachtsfest abzuschaffen. Es ist merkwürdig, dass sie sich in diesem Kampf nicht mit einigen Imamen zusammenschließen, aber mit denen wollen sie wohl lieber nicht in Verbindung gebracht werden.

Was sollen sie tun? Wie das Sentimentale mit dem Atheistischen verbinden? Es gibt verschiedene Strategien und Ideologien. Zuerst haben wir den volkstümlichen Atheisten. Danach kommt der internationale Atheist oder Euro-Atheist und schließlich der Atheist als Anti-Kapitalist.

Jedes Jahr erinnern uns die volkstümlichen Atheisten rituell daran, dass Weihnachten viel älter als das Christentum ist. Sie sagen es, als wäre das eine epochale Neuigkeit. Weihnachten/Jul ist nordisch, und dann träumen sie sich zurück in die nordische Mythologie, wohlwissend, dass es eine Erfindung ist. Sie freuen sich dermaßen über den Begriff „Jul“, weil sie meinen, dass er heidnisch ist. Wenn sie erst einmal „jul“ nordisch gemacht haben, können sie mit gutem Gewissen am 2. Weihnachtstag zum Weihnachtsessen bei Tante Karen gehen. Sie nehmen aber nicht vom Schweinebraten. Das Schwein ist ein unreines Tier. Für sie ist Weihnachten nicht-dänisch. Irgendwie orientalisch.

Mit ihrer Art des Weihnachtenfeierns repräsentieren sie die Kontinuität und Geschichte und grämen sich, dass da etwas Schlimmes in das Nordische gekommen ist, ganz weit aus der Wüste des Judenlandes. Sie meinen wohl, dass wir das Heidentum bei Dannevirke hätten verteidigen und jeden fremden Einfluss verhindern sollen. Das Christentum war ja die Globalisierung der Vergangenheit. Deren Missionare gingen hinaus in die ganze Welt.

Weihnachten verbinden wir mit dänischer Gesinnung. Darüber grämen sich die internationalen Atheisten. Sie wissen, dass man in der Unterschicht dänische Fahnen neben Engeln am Weihnachtsbaum aufhängt. Sie kombinieren ihre Anti-Christlichkeit mit ihrer antidänischen Gesinnung. Sie wollen Weihnachten entzaubern. Das tun sie, indem sie der staunenden Menge erzählen, dass Weihnachten gar nicht dänisch ist. Das ist doch einzigartig.

Das war die große Neuigkeit und Information auf der Titelseite der regierungsabhängigen Zeitung „Morgenbladet“. Das konnte für Weihnachts-Schadenfreude im progressiven Enhedslisten-Heim (Enhedsliste ist eine radikale und antikapitalistische Partei in der neuen dänischen Regierung) sorgen. Die dummen Dänen glauben, dass Jul christlich und dänisch sei. Aber es ist deutsch, englisch und schwedisch. Die Deutschen dürfen sogar national sein.

Schlussendlich haben wir die antikapitalistischen Atheisten. Sie werden speziell durch den Einkaufsstress verärgert. Sie sind sauer, weil die Geschäfte schon im November mit Weihnachtsdekorationen beginnen. Sie schenken sich gegenseitig nichts, weil sie sowieso alles haben. Merkwürdigerweise engagieren sie sich in der Weihnachtshilfe für Arme, obwohl diese oft Muslime sind.

Wir hoffen, dass sie alle eine richtig verdrießliche, nordische, internationale Weihnacht bekommen, nur erhellt vom kalten Licht der Vernunft und mit gesundem Essen. Denn selbst Atheisten fürchten den Tod.

Hans Hauge ist dr.phil. og Lektor am Nordisk Institut an der Aarhus Universität. Er ist Kommentator von Jyllands-Posten.


(Foto oben: „Enjoy oder Kreuz“-Fackelzug [3] gegen Weihnachtsfeiern 1968 in Bergen. Heute ist für Rune Larsen [4], heller Mantel, Advent die wichtigste Zeit. Er tourt dann mit Adventkonzerten in Kirchen)

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