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Die unbeirrbare Kutscherin mit den Scheuklappen

Von SELBERDENKER | Irgendwo im Walde steht ein Wagen. Es ist ein solide konstruierter, guter und technisch durchdachter Wagen und seine Passagiere sind deshalb viel Komfort gewohnt. Doch die Kutscherin hat den Wagen auf ihrem abwegigen Kurs schon stark beschädigt. Die Bedienungsanleitung des Fahrzeugs wurde missachtet und Grenzwerte einfach ignoriert. Schäden wurden dilettantisch geflickt, um die möglichst schnelle Weiterfahrt auf dem festgesetzten Kurs, buchstäblich um jeden Preis, irgendwie trotzdem möglich zu machen.

Zwei starke, bewährte Zugpferde hat die Kutscherin unterwegs einfach ausspannen lassen, ohne dass geeigneter Ersatz vorhanden war. Eines wurde beseitigt, um ein Zeichen für die Umwelt zu setzen und das zweite, um bald auf andere Transportformen umzusteigen. Die verbliebenen Pferde ächzten unter der Last, doch die verwöhnten Passagiere im bequemen Wagen klatschten der Kutscherin Beifall. Sollen sie mal ziehen, die verbliebenen Pferdchen!

Obwohl der Wagen dafür nicht konstruiert war, ließ die Kutscherin noch das Gepäck fremder Reisegesellschaften in großen Mengen aufladen. Räder sind daraufhin gebrochen, als der Wagen unter der Überlast durch tiefe Schlaglöcher gesteuert wurde. Angebrochene Achsen wurden ebenfalls nur provisorisch ausgebessert. Man spricht nicht darüber. „Wir schaffen das!“ – befahl die Kutscherin von oben herab und setzte stur ihren Kurs fort. Wildes Klatschen war aus dem bequemen Wagen zu hören.

Nun hat die Kutscherin den Wagen in ein mit Wasser gefülltes Erdloch gesteuert und treibt die Gäule immer tiefer in dieses Loch hinein. Es sei sicherer so. Einigen Pferden steht das Wasser schon bis zum Hals, doch die Kutscherin spannt nicht um, steigt nicht vom Bock, um die Gäule den Karren rückwärts wieder aus dem Loch ziehen zu lassen, sie bleibt oben sitzen und peitscht das Gespann immer weiter in die trübe Brühe hinein. Nicht nur die Pferde tragen Scheuklappen, die Kutscherin trägt sie auch! Getreu nach der alten Losung der DDR: Vorwärts immer, rückwärts nimmer!

Ganz oben auf dem Dach des Wagens ist es ebenfalls noch trocken und bequem. Dort hat die Kutscherin neben sich einen Barden platziert, der am laufenden Band die Ballade von der edlen Kutscherin singt, um die Menschen im Wagen bei Laune zu halten. Der Barde der Kutscherin verlangt sehr viel Geld, doch die Passagiere bezahlen ihn gern. Die meisten Leute singen immer noch entschlossen mit, obwohl ihnen das Fenster bereits zugenagelt wurde und sie längst nicht mehr genau wissen, wohin die ganze Reise überhaupt geht. Die Stimme des Barden scheint ihnen völlig zu reichen.

Wohin die Reise gehen soll, das planen derweil andere Leute für uns: einen „Großen Neustart“. Klaus Schwabs „Weltwirtschaftsforum“ will die Menschheit „retten“, natürlich zum Wohle aller Menschen. Die übernehmen das schon für uns! Wer aus Ruinen auferstehen möchte, muss erstmal Ruinen schaffen. Auch das erinnert an die DDR. Wir wurden zwar nie gefragt, doch die Mehrheit fühlt sich offenbar wohl damit, nicht gefragt zu werden.

Es könnte jedoch sein, dass es im schwer beschädigten, ehemals schönen Wohlfühlwagen bald etwas ungemütlicher wird. Irgendwann wird man dann den Kopf aus dem Karren strecken müssen und sehen, worein man sich tatsächlich hat steuern lassen. Den Karren wird dann weder die Kutscherin aus dem Dreck ziehen, noch ihr teurer Barde und ganz bestimmt auch nicht Schwab oder andere Figuren aus dem Elfenbeinturm. Bitte aussteigen und schieben, liebe Gutmenschen im Wagen!

Momentan unterhalten wir uns noch über die Farbe der Polsterung der Sitze oder wie wir unsere schon feucht gewordenen Socken im Wagen trocknen können. Wir sollten jedoch langsam mal wenigstens die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass wir in unserer streng vernagelten Kutsche seit Jahren ganz schrecklich auf dem Holzweg sind.