Wie aus Hakan Baysal “Hans B.” wurde

Wenn in einem deutschen Operationssaal während der Operation der Chirurg den Anästhesisten verprügelt, plagen den voruteilsbeladenen PI-Leser angesichts von so viel Temperament gewisse Ahnungen. Wenn die WELT zu denkbaren Hintergründen schweigt und die Abendzeitung den Namen des bereits verurteilten Schlägers auf  „Hans B.“  ändert, weiß man fast schon Bescheid.

Immerhin gibt es noch einige Zeitungen, die ihren Lesern die ganze Wahrheit zumuten. Neben der großen BILD ist das in diesem Fall auch das Nachrichtenportal dnews.  Doch zunächst die Abendzeitung aus Bayern:

Während eines Eingriffs flogen mitten im Operationssaal die Fäuste! Ein Chirurg (44) war nach kurzem Streit mit dem Anästhesisten (47) derart ausgerastet, dass er ihm mit einem kraftvollen Schwinger K.o. schlug – und einem Krankenpfleger, der dazwischenging, den Ellenbogen in die Rippen stieß. Kampfplatz war eine Beleg-Klinik in Nürnberg. Am Mittwoch war der streitbare Mediziner Hans B. (Name geändert) wegen Beleidigung und Körperverletzung am Nürnberger Amtsgericht angeklagt.

Der HNO-Experte aus der Nürnberger Südstadt erschien mit zwei Verteidigern (Harald Straßner und Rainer Heimler) zeigte sich zerknirscht und reuig. Er schilderte, dass das Verhältnis zwischen beiden Beleg-Ärzten bereits vor dem Vorfall gestört gewesen sei. Weil der Anästhesist manche Operation nicht richtig vorbereitet habe, sei er vom Angeklagten schon öfters darauf hingewiesen worden, um Komplikationen zu vermeiden.

Am 10. März dieses Jahres standen beide wieder gemeinsam von früh an am OP-Tisch. Nachdem Hans B. mittags mit einem Eingriff fast fertig war, bat er, den nächsten Patienten vorzubereiten – dessen Nasenscheidewand sollte um 14.15 Uhr gerichtet werden. Nach einigem Herumdrucksen erfuhr der Chirurg von der Krankenschwester, dass der Anästhesist diesen letzten OP-Termin an dem Mittwoch klammheimlich abgesetzt hatte. Mit der Begründung: „Ab 14 Uhr ist Feierabend.“

Der HNO-Arzt geriet in Rage: „Der betroffene Patient hatte seit 6.30 Uhr früh nüchtern gewartet“, empörte er sich vor Gericht. Und dass der Anästhesist nicht zum ersten Mal einen Schlusstermin abgesagt habe. Es war einer zuviel: Nach kurzem Streit versetzte der Chirurg dem Narkotiseur einen Schlag, dass er an die Fliesenwand krachte und sich eine Schädelprellung, eine Halswirbelzerrung und eine Innenzerrung am Knie zuzog und tagelang ausfiel.

Lesenswert ist auch die Version der Nürnberger Nachrichten, die gar Partei für den bis zum Körpereinsatz um das Wohl seiner Patienten engagierten Chirurgen – Wolfgang H. – ergreift:

Das Herz dieses Arztes schlägt für seine Patienten: Wolfgang H. (Name geändert) wollte partout nicht akzeptieren, dass sein Kollege, ein Narkose-Arzt, einen Patienten seit den frühen Morgenstunden vergeblich warten ließ. Er drehte durch. Nun kassierte er wegen Beleidigung und Körperverletzung drei Monate Haftstrafe, dazu muss er 3000 Euro Bewährungsauflage zahlen.

Der Prozess beginnt mit einer akademischen Viertelstunde Verspätung, denn die Beteiligten treffen sich vorab zur Prozessabsprache. Sie vereinbaren ein volles Geständnis gegen eine milde Strafe und vor allem eine möglichst rasche und unspektakuläre Verhandlung ohne Zeugen.

Kurz und knapp, dafür aber um eine wichtige Information reicher, fasst dnews die Geschichte zusammen:

Der Streit ereignete sich, nachdem der Narkosearzt eine vorgesehene Operation absagte.
Doktor Hakan B. war hiermit nicht einverstanden und schlug den Narkosearzt nieder, berichtet die Bild-Zeitung.

Hakan B. bezahlte bereits 9.000 Euro Schmerzensgeld. Nun bekam er auch drei Monate Haft auf Bewährung. Außerdem soll Hakan B. 3.000 Euro an Obdachlose spenden.

Tatsächlich handelt es sich bei dem „streitbaren Mediziner Hans B.“ alias  „Wolfgang H.“, wie PI-Recherchen ergaben, um den türkischen HNO-Arzt Dr. Hakan Baysal, der in Nürnberg eine Praxis betrieb und als Belegarzt in der Sana-Klinik operierte. Auf seiner Homepage rührt der Doktor aus dem Morgenland ganz unstandesgemäß und auf türkisch und deutsch die Werbetrommel für seine Künste:

Meinen Abschluß habe ich an der Hacettepe Uni/Ankara/Türkei im Jahr 1991 gemacht und bin dann sofort in die Stadt Nizip/TR an das dortige Krankenhaus gagangen um meine Dienstzeit für den Staat zu absolvieren. Im Anschluss darauf bin ich wieder an die Hacettepe Uni gegangen um in der Neurochirurgie 18 Monate als Assistenzarzt zu arbeiten. Dann habe ich in die Gazi Uni, Abteilung HNO gewechselt und dort als Assistenzarzt und wissenschaftlicher Mitarbeiter meinen Dienst getan. An allen beiden Universitäten habe ich mit sehr berühmten, in der ganzen Welt bekannten Profesoren gearbeitet und viel von Ihnen gelernt.

Wie einige Zeitungen melden, hat der gelehrige Schüler der weltbekannten türkischen Professoren seinen Wirkungskreis inzwischen von Nürnberg nach München verlegt. Auf seiner Homepage steht noch nichts davon – es sei denn unter der Rubrik „Aktuelle Mitteilungen“, die wir leider nicht lesen können. Aktuelle Mitteilungen gibt es in dieser Arztpraxis in Deutschland nämlich nur noch für türkischsprachige Patienten.

(Vielen Dank allen Spürnasen!)