Gezinkte Karten

Wer versucht, das Spiel von Falschspielern mit zu spielen, der wird verlieren – weil die Regeln extra dafür geschaffen wurden, dem Gegner keine Chance zu geben. Eigentlich klar, meint man zu wissen. Doch in der großen Politik zeigt sich gerade, dass es eben nicht klar ist. Die Reaktion auf die „Skandalrede“ von Björn Höcke in Dresden ist nicht der erste Beleg dafür – und wird vermutlich auch nicht der letzte sein.

(Von Selberdenker)

Es wurde hundertfach festgestellt, dass Höcke nicht das gesagt hat und auch nicht gemeint haben kann, was ihm unterstellt wird, was auch über die großen deutschen „Qualitätsmedien“ suggestiv in die Hirne der Bevölkerung gehämmert wurde und was jetzt sogar zu einem AfD-Parteiausschlussverfahren geführt hat. Höcke hat in seiner Rede weder den Holocaust geleugnet, noch den Nationalsozialismus verklärt oder relativiert, noch hat er die Erinnerungskultur an die Opfer Hitlerdeutschlands beenden wollen.

Der Bundesvorstand der AfD beschloss trotzdem mit Zwei-Drittel-Mehrheit die Einleitung eines Verfahrens, dessen Ziel der Ausschluss Höckes aus der AfD ist. Die AfD agiert hier nicht, sondern sie reagiert – mal wieder. Keine offensive Rüge der Unterstellungen und Falschbehauptungen gegen Höcke, der sich bereits eindeutig zur Sache äußerte – sondern das indirekte Eingeständnis einer nicht vorliegenden Schuld ihres in der Bevölkerung äußerst beliebten Parteikollegen. Die AfD reagiert auf Medienstimmung, die von ihren politischen Gegnern erzeugt wurde.

Die AfD akzeptiert damit die Regeln eines Spiels, das sie nicht gewinnen kann, sie apportieren brav das Stöckchen ihrer erklärten Gegner. Die Motive dieses Vorgehens des Bundesvorstandes mögen vielfältig sein, darum soll es hier aber nicht gehen. Das Ergebnis ist jedenfalls eine höchst erfreute Medienlandschaft, die sich über eine mögliche Spaltung der AfD freuen kann – mal wieder. Die Methode ändert sich nicht: Spalte mit Zuckerbrot und Peitsche!

In der Partie Petry gegen Lucke war Petry die Böse. Gegen Höcke winkt man ihr heute mit dem vergifteten Zuckerbrot. Alexander Gauland hat, zum Glück, die gezinkten Karten nicht angenommen, er spielt nicht nach ihren Regeln, sondern agiert besonnen und rational.

Missverständnisse?

Worum es konkret geht, spielt das überhaupt noch eine Rolle? Björn Höcke soll das Holocaustmahnmal, gar die Erinnerung an den Holocaust, eine „Schande“ genannt haben. Das ist jedoch, wie er selbst schreibt, eine „bösartige und bewusst verleumdende Interpretation“. Es ist eine Falschinterpretation. Höcke sagte in Dresden vielmehr wörtlich:

„Wir Deutschen – und ich rede jetzt nicht von euch Patrioten, die sich hier heute versammelt haben – wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.“

Er sprach eindeutig nicht von einem schändlichen Denkmal, wie es ihm vorgeworfen wird. Der Vorwurf ist also sachlich falsch. Eine Interpretierbarkeit in diese Richtung lässt der zitierte Satz auch nicht zu. Selbst wer die Äußerung für „missverständlich“ hält, hat hier ein persönliches Verständnisproblem. Dafür kann aber Höcke nichts.

Der zweite Vorwurf lautet, er wolle die Erinnerung an den Holocaust um 180 Grad wenden. Das würde im Klartext bedeuten, man solle dem Horror den Rücken zuwenden. Auch das ist lediglich erdacht. Das ist nicht „anders interpretiert“, sondern sachlich falsch. Was sagte er tatsächlich? Dazu muß auch hier der Kontext zitiert werden:

„[…] Wenn wir eine Zukunft haben wollen – und wir wollen diese Zukunft haben und immer mehr Deutsche erkennen das, dass auch sie eine Zukunft haben wollen – dann brauchen wir eine Vision. Eine Vision wird aber nur dann entstehen, wenn wir uns wieder selber finden, wenn wir uns wieder selbst entdecken. Wir müssen wieder wir selbst werden. Selber haben werden wir uns nur, wenn wir wieder eine positive Beziehung zu unserer Geschichte aufbauen. Und schon Franz Josef Strauß bemerkte: Die Vergangenheitsbewältigung als gesamtgesellschaftliche Daueraufgabe, die lähmt ein Volk. Liebe Freunde, Recht hatte er, der Franz Josef Strauß! Und diese dämliche Bewältigungspolitik, die lähmt uns heute noch viel mehr als zu Franz Josef Strauß’ Zeiten. Wir brauchen nichts anderes als eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad! Wir brauchen so dringend wie niemals zuvor diese erinnerungspolitische Wende um 180 Grad, liebe Freunde. Wir brauchen keine toten Riten mehr in diesem Land. Wir haben keine Zeit mehr, tote Riten zu exekutieren. Wir brauchen keine hohlen Phrasen mehr in diesem Land, wir brauchen eine lebendige Erinnerungskultur, die uns vor allen Dingen und zuallererst mit den großartigen Leistungen der Altvorderen in Berührung bringt. (…)“

Der Kern dieser Aussage ist die Forderung nach einem positiven deutschen Selbstbild. Höcke fordert eine „positive Beziehung zu unserer Geschichte“. An dieser Stelle wird das Missverständnis deutlich, das den Knoten zuverlässig zusammenhält. Er ist einfach zu zerschlagen: Björn Höcke ist Geschichtslehrer. Sein deutsches Geschichtsverständnis ist nicht – wie bei seinen Gegnern – auf die 12 Jahre NS-Herrschaft reduziert. Hätte er eine „positive Beziehung“ zur NS-Zeit gefordert, wäre das indiskutabel. Das hat er aber nicht! Höcke wendet sich gegen seine Gegner, die herrschenden Volkspädagogen, die unsere deutsche Geschichte eben gerne reduzieren. Er fordert, einem positiven deutschen Selbstbild wieder Raum zu geben. Er forderte auch keinen „Schlussstrich“ unter die Erinnerung an die besagte deutsche Schande. Auch diesem Vorwurf gibt der Text einfach kein Futter.

Es geht um einen Blick nach vorn, in die Zukunft. Eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ möchte nicht die 12 Jahre mit all dem Horror ausblenden oder gar schönreden, sie möchte die bestehenden guten Identifikationspunkte deutscher Geschichte, seiner zahlreichen kulturellen Errungenschaften wieder zulassen, sogar einblenden, damit ein positives deutsches Selbstbewußtsein entstehen kann, das wir Deutschen bei den Herausforderungen der Zukunft brauchen werden. Höckes Stil wird nicht jedem passen. Die angestoßene Diskussion ist neu und kratzt an unantastbar geglaubte Tabus. Einen Rauswurf aus der AfD rechtfertigt dies aber bei weitem nicht.

Ergänzung

Alle reden von Integration. Ohne Wille zur Integration bleibt das alles nur dummes Geschwätz. Wer von den Einwanderern will sich wirklich in eine Nation, ein Kulturvolk integrieren, deren einzige erlaubte Selbstidentifikation die nationale Verantwortung für den Horror, für das Grauen der NS-Zeit ist? Wie soll Normalität zwischen Juden und Deutschen einkehren, wenn die paar verbliebenen Juden und die heutigen Deutschen sich in der Regel rituell nur als Nachfahren der Opfer und der Täter begegnen – und nicht auf Augehöhe? Welchen Zweck erfüllt ein Zentralrat der Juden in Deutschland, wenn er die eingewanderte Hauptquelle des gegenwärtigen Judenhasses im Land ignoriert und gleichzeitig mit aller Macht gegen einen Mann austeilt, dem rational kein Antisemitismus nachzuweisen ist? Ist Normalisierung nicht erwünscht? Was soll ein Holocaustmahnmal bringen, in dem keine Begegnung stattfinden kann, das nicht in die Zukunft weist? Es ist in der Tat nur toter Stein, der dazu noch würdelos behandelt wird. Wo sind die lebendigen, die wachsenden Bäume um die Stelen, wo die Sitzkreise, die Blumenbeete, die zum Anhalten einladen, wo die Tafeln mit Zitaten von Heinrich Heine, einem Juden, der Deutschland liebte?