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Staatlich gewollte Volksverblödung

Staatlich gewollte VolksverblödungDie über 40-Jährigen unter den PI-Lesern erinnern sich sicher noch daran. Es gab eine Zeit in Deutschland, in der man vor 17 Uhr kein Fernsehen schauen konnte. Damals in den frühen 80er-Jahren gab es auch noch keine nennenswerte Verbreitung von Videogeräten, so dass Menschen mit Tagesfreizeit gezwungen waren, sich tagsüber ohne Glotze zu beschäftigen. Auch abends war das Programm überschaubar: Es gab zwei Hauptsender und einen Regionalsender, allesamt unter staatlicher Regie – mit entsprechendem gesetzlichem Gestaltungseinfluss auf die gezeigten Sendungen – und im großen Ganzen einer Niveaugarantie.

(Von Thorsten M.)

Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass es zu den ersten Amtshandlungen ausgerecht der Kohl’schen „geistig-moralischen Wende-Regierung“ gehörte, diesen Zustand zu beenden, und private Fernsehsender zuzulassen. In diesen Tagen vor genau 26 Jahren konnten so RTL und der Vorgängersender von SAT.1 ihren Betrieb aufnehmen. Damals war es noch eine Sensation, dass am späten Abend barbusige Tutti-Frutti-Mädchen über den Bildschirm huschten. Bald schon folgte eine dramatische Ausweitung von Serien-, Spielfilm- oder Sportveranstaltungsausstrahlungen. Die Daily Soap und die Talkshow wurden für Deutschland entdeckt, auch Shopping-Sender gingen dank Kabel- oder Satellitenfernsehen online. Und wer es denn wollte, konnte von nun an rund um die Uhr in die Glotze schauen und sich seichter Unterhaltung hingeben.

Und immer mehr Bürger taten dies auch. In Zahlen ausgedrückt entwickelte sich der durchschnittliche Fernsehkonsum der Bundesbürger seit 1985 von 125 Minuten täglich, hin zu 223 Minuten in 2010. (Arbeitslose kommen sogar auf fast sechs Stunden täglich.) Dabei ist noch nicht berücksichtigt, dass im selben Zeitraum auch das Surfen im Internet von null auf durchschnittlich 135 Minuten (bei Internetnutzern) angestiegen ist. Dies bedeutet für die Gesamtheit der Fernseher und Internet-PC besitzenden Bevölkerung nicht weniger als einen täglichen Zeiteinsatz von 4h 20min, statt zuvor 2h 5min. D.h. geschlagene zweieinviertel Stunden, die man zuvor als Kind im Wald, als Erwachsener in der kleinen Kneipe um die Ecke oder beim Sportverein verbracht hat. Oder Zeit, in der man ein Buch oder zumindest eine Zeitung gelesen hat, gar alternativ mit der Familie beim Essen zusammen saß.

Die gesellschaftlichen Folgen dieser Entwicklung sind kaum absehbar. Nicht nur, dass die Niveauabsenkung insbesondere des privaten Teils des Fernsehens immer mehr zur Verwahrlosung der Menschen, zu sinkendem Unrechtsbewusstsein und schwindenden Werten führt. Auch das gesellschaftliche Leben kommt im Zeitalter von Plasmabildschirmen, Internet, Playstation und 3-D-Fernsehen immer mehr zum Erliegen. Die Menschen vereinzeln, ziehen sich in ihr Schneckenhaus zurück, was man heute neudeutsch Cocooning nennt. Sie kennen immer weniger Nachbarn und Mitbürger in ihrer Stadt. Politische Veranstaltungen, öffentliche Ereignisse außerhalb der Spaßgesellschaft finden immer weniger Besucher. Vereinskontakte, bei denen man früher berufsübergreifend Leute kennen gelernt hat, mit denen man sich gegenseitig beim Bauen oder in sonstigen Lebenslagen, helfen konnte, werden immer seltener geknüpft. Stammtische schlafen sang- und klanglos ein. Das Verhältnis zu den Mitmenschen wird immer mehr ein indirektes: Maßgeblich ist nicht mehr, was mein Nachbar, ein Gemeinderat oder der Pfarrer sagen, sondern die weltfernen Ergüsse irgendwelcher Kerners, Maischbergers oder Mario Barths, denen wir vor der Glotze dank Promifaktor ungleich länger und gläubiger zuhören, als unseren Nächsten. Oft beschäftigen wir uns dazu mehr mit irgendwelchen anonymen Internet-Chatpartnern, als mit den Leuten, die mit uns im selben Haus wohnen.

Da gleichzeitig in unserer stark arbeitsteiligen Gesellschaft immer weniger Menschen außerhalb ihres Spezialistentums in einer großen Firma noch alleine für ihr Auskommen sorgen können oder zu 50% gar mehr oder weniger bei der öffentlichen Hand beschäftigt sind, wächst zusätzlich ein nie dagewesenes Gefühl der Abhängigkeit und der Ohnmacht. Der „Rundum-Sorglos-Staat“, der uns vorgaukelt, für all unsere persönlichen Probleme auch langfristig ein zuverlässiger Ansprechpartner zu sein, tut für dieses Abhängigkeitsgefühl sein übriges.

So sehr die etablierten Parteien den schwindenden Bürgersinn beklagen, den auch sie durch immer mehr sterbende Ortsverbände, Parteiaustritte und Überalterung zu spüren bekommen, sind sie in Wahrheit doch die Hauptnutznießer dieser von ihnen angezettelten Volksverblödung der „Mediendemokratie“. Zwar haben sie eine Situation herbeigeführt, in der sie um ihre Präsenz in der Fläche fürchten müssen. Aber so lange wir im Lande keine Massenverelendung erleben werden, können sie sich bei derart konditionierten „Bürgern“ darauf verlassen, dass niemand an den Medien und ihrer Informationsquarantäne für sogenannte „Rechtsparteien“ vorbei, die Macht der „Blockparteien“ ernstlich in Frage stellt. Noch nie war es so einfach, die Menschen zu steuern und zu kontrollieren, weil die Lebenserfahrung der Meinungsführer im privaten Umfeld nicht mehr maßgeblich ist, man somit alles über im Zweifel völlig abgehobene „Massenmultiplikatoren“ im Fernsehen steuern kann. Spätestens bei dieser Erkenntnis drängt sich der Verdacht auf, dass die Ausbreitung des Fernsehens in den 80er-Jahren ein mehr als bewusster Schritt des politischen Establishments war und nicht nur eine notgedrungene Reaktion auf neue Technologien.

Wer neue Parteien gründen möchte, braucht heute ein ungleich dickeres Fell, als vor dem Fernsehzeitalter und muss leere Versammlungsräume aushalten können. Eine immer älter werdende Gesellschaft mit immer kuscheligeren Wohnzimmern findet immer weniger Geschmack daran, vor die Tür zu gehen und gar Konflikte mit Migranten und Antifanten zu riskieren. Internetpetitionen, Klicks bei Online-Meinungsumfragen von Zeitungen oder Kommentare unter Online-Artikeln sind zwar gute Wutableiter, können aber nunmal nicht die Wirkung entfalten, wie ein tobender Saal oder ein großer Demonstrationszug.

Was ist der Ausweg aus diesem Dilemma? – Hier wäre sicherlich eine breit angelegte öffentliche Diskussion nötig, wie man die Menschen in Deutschland – ja in der ganzen westlichen Welt – mit Anreizen, aber auch neuen Rahmenbedingungen, dazu bringen kann, ihr direktes Lebensumfeld wieder mehr zu würdigen – und wieder zu Staatsbürgern zu werden. Es ist nötig sich politisch persönlich – statt nur maximal virtuell – einzubringen und sich weniger Zeit durch seichte aber bequeme Fernsehunterhaltung stehlen zu lassen! Diesen Gefallen wird uns die „Brot (Hartz IV) & Spiele (Fernsehen) Lobby“ aber so schnell nicht tun.

Bis dahin sollte sich jeder um unsere Zukunft besorgte Leser daher die Frage stellen, ob er nicht einen kleinen Beitrag für die Überwindung dieser Situation leisten kann. So wäre es doch sicher für jeden möglich, für einen Abend im Monat bewusst das Zusammensitzen mit und das Kennenlernen von Gleichgesinnten anzustreben. Es gibt etwa 11.000 Gemeinden in Deutschland und täglich 60.000 PI-Leser. Salopp gesagt müsste das statistisch für jeden Ort fünf Mann oder Frauen für einen Stammtisch hergeben. Vielleicht kann man so zusammen auch einmal eine Gemeinderatssitzung besuchen, da kommt schnell Stimmung auf. Eine PI-Gruppe z.B. ist leicht zu gründen und eine e-Mail-Adresse kann einfach zur Kontaktaufnahme dienen. Und so kann eines Tages aus dieser oder auch anderen Webseiten etwas überspitzt formuliert durchaus eine „Tea-Party“ werden!

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