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Die Spur des Bösen

Die Opfer von Toulouse: Rabbi Jonathan Sandler (30), seine Söhne Gabriel (4) und Arieh (5) und Miriam, die Tochter des SchulleitersMohammed Merah wollte Kinder töten. Er wollte Zivilisten töten. Er wollte auch Soldaten töten. Es war kein Zufall, kein Unfall, dass er der siebenjährigen Miriam Monsonego (Foto r.) hinterher rannte, um ihr aus nächster Nähe in den Kopf zu schießen. Es war kein Zufall, dass er eine jüdische Schule und französische Soldaten angriff.

(Von Arent)

Ist er, wie der Staatsanwalt Francois Molins sagte, psychisch gestört? Konnte Mohammed Merah tatsächlich das Burka-Verbot nicht ertragen? Oder seine Abweisung bei der Fremdenlegion? Konnte ihn seine Mutter nicht zur Aufgabe bewegen – oder wollte sie es gar nicht?

Nur Stunden nach dem Morden, Motiv und Täter waren noch völlig unbekannt, musste Mohammed Merah gar nicht erst selbst das Wort ergreifen. Das tat für ihn bereits die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton – die sich tatsächlich gezwungen sah die getöteten Kinder zu relativieren. Ynetnews schreibt angesichts dieses moralischen Abgrundes zu Recht von einem „sterbenden Europa“. Ashton ruderte mittlerweile zurück.

Diese Äußerungen wären vielleicht nur ein unwichtiger, abstoßender Vorgang, wenn Ashton ein Einzelfall wäre, allein stünde und schleunigst von ihrem Amt entfernt würde. Aber weit gefehlt. Sie befindet sich mit ihren Einlassungen in bester Gesellschaft, in der „Mitte unserer Gesellschaft“. Erst vor ein paar Tagen verkündete bekanntlich Sigmar Gabriel auf Facebook:

„[Israel] ist ein Apartheid-Regime, für das es keinerlei Rechtfertigung gibt.“

Gabriel kennt die Tatsachen. Sie interessieren ihn nicht. Für Ashton und Gabriel sind israelische Zivilisten etwas anderes als arabische Zivilisten. Für Mohammed Merah auch.

Recht behielt, wenn auch unfreiwillig, an diesem Tag ausgerechnet Aiman Mazyek. Der nannte die Morde zu Recht rassistisch, freilich in dem berechnenden Glauben, dass es sich bei dem Täter um keinen Moslem handelt.

Es ist keine dünne Spur, die man verfolgen muss. Es ist nicht schwer zu verstehen, woher der Hass Mohammed Merahs kam. Es ist keine Spur, die sich hier und da verliert. Sie existiert nicht nur in Hinterhöfen und informellen Netzwerken. Sie existiert nicht nur in anonymen Blogs. In Kommentarspalten, in denen Zivilisten als schuldig und deshalb als legitimes Ziel bezeichnet werden. Sie existiert nicht, weit entfernt, irgendwo im Evin-Gefängnis im Iran, wenn Blogger in Saudi-Arabien zum Tode verurteilt werden oder wenn in Ägypten extremistische Parteien die absolute Mehrheit holen. Sie findet sich nicht isoliert in Parallelgesellschaften, wenn wieder einmal ein Mädchen getötet wird. Oder wenn extremistische Imame zur Ausrottung der Schweizer aufrufen.

Wir finden sie, gut versteckt, wenn Wissenschaftlern Mittel gestrichen werden. Wenn ganz bestimmte Journalisten entlassen werden. Wir finden sie, wenn zweifelhafte Imame hofiert werden. Wir sehen sie, wenn Extremisten, zur besten Sendezeit, in Talkshows von Maischberger und Kerner auftreten können. Wir finden sie, wenn namhafte Politiker mit Rassisten zusammenarbeiten.

Wir finden sie, wenn die Frage nach der Schuld der Toten gestellt wird. Wir finden sie, wenn Journalisten sich über Tote lustig machen und wenn Intellektuelle versuchen, ihren Hass hinter schönen Worten zu verbergen. Wir finden sie, wenn Verschwörungstheorien konstruiert werden, weil es so etwas wie unschuldige Amerikaner, unschuldige Juden oder unschuldige Europäer nicht geben darf.

Die Spur des Bösen ist eine breite Lache. Sie ist Konsens, mörderischer Konsens. Sie tritt uns in der Öffentlichkeit entgegen in Form von gut gekleideten, sprachlich gewandten und schön anzusehenden Experten und Journalisten, in den größten Zeitungen, in den beliebtesten Talkshows, zu den besten Sendezeiten und in der ersten Reihe.

(Foto oben v.l.n.r.: Die Opfer von Toulouse: Rabbi Jonathan Sandler (30), seine Söhne Gabriel (4) und Arieh (5) und Miriam, die Tochter des Schulleiters)