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Wird der „Türkische Frühling“ zum Flächenbrand?

Türkei
In der Türkei brennt seit Tagen der Volkszorn und in Izmir brannte auch schon das Bürogebäude der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP von Premier Recep Tayyip Erdogan. Die säkulare Türkei wehrt sich endlich gegen die immer mehr raumnehmende islamische Vision eines korantreuen Despoten. Erdogan reagiert mit zunehmender Härte. Mittlerweile gibt es Tote.

(Von L.S.Gabriel)

Seit Tagen herrschen in Istanbul und anderen Städten der Türkei bürgerkriegsähnliche Zustände. Zehntausende Menschen gehen auf die Straße und protestieren gegen den rücksichtslosen, zunehmend islamisch geprägten Führungsstil von Recep Tayyip Erdogan.

Vor allem die städtische Bevölkerung kann und will sich nicht mit einer Rückkehr in eine Zeit vor Atatürk abfinden. Als Mustafa Kemal Atatürk 1938 starb hinterließ er einen modernen türkischen Staat, auch wenn wirkliche demokratische Neuerungen noch in der Ferne angesiedelt waren, so verdanken die Türken ihm doch den Laizismus, die Trennung von Kirche und Staat. Erdogans Islamismus hätte Atatürks alkoholbedingte Leberzirrhose vermutlich noch schneller voranschreiten lassen.

Der Franzose Jacques Benoist-Méchin zitierte Atatürk 1954 im Werk “Mustafa Kemal. La mort d’un Empire”, so:

„Der Islam gehört auf den Müllhaufen der Geschichte!“ „Seit mehr als 500 Jahren haben die Regeln und Theorien eines alten Araberscheichs (Mohammed) und die abstrusen Auslegungen von Generationen von schmutzigen und unwissenden Moslems in der Türkei sämtliche Zivil- und Strafgesetze festgelegt. Sie haben die Form der Verfassung, die geringsten Handlungen und Gesten eines Bürgers festgesetzt, seine Nahrung, die Stunden für Wachen und Schlafen, Sitten und Gewohnheiten und selbst die intimsten Gedanken. Der Islam, diese absurde Gotteslehre eines unmoralischen Beduinen, ist ein verwesender Kadaver, der unser Leben vergiftet. Die Bevölkerung der türkischen Republik, die Anspruch darauf erhebt, zivilisiert zu sein, muss ihre Zivilisation beweisen, durch ihre Ideen, ihre Mentalität, durch ihr Familienleben und ihre Lebensweise.“

Doch Erdogan verwässerte, während seiner Amtszeit zunehmend die Trennung von Kirche und Staat.

Am Beginn der Unruhen stand der Erhalt des Gezi-Parks am Istanbuler Taksim-Platz (PI berichtete). Die Demonstranten forderten lautstark eine Planänderung und riefen nach „Tayyips Rücktritt“. Als die Situation vollkommen aus dem Ruder zu laufen schien, lenkte Erdogan kurzfristig ein: „Der Einsatz von Pfeffergas durch die Sicherheitskräfte war ein Fehler. Nun gut. Ich habe dem Innenministerium angeordnet, dies zu untersuchen“, sagte Erdogan noch am Samstag.

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Da war es aber, für den als cholerisch bekannten Erdogan, schon viel zu spät, um sich in Schadensbegrenzung zu üben. Mehrere zehntausend Menschen machen sich auf in die Straßen Istanbuls, um sich mit den Demonstranten zu solidarisieren. Ankara, Izmir, Bodrum, Eskisehir und Konya sollten folgen.

Zu diesem Zeitpunkt geht es nur mehr am Rande um den Gezi-Park. Es geht zunehmend um die Politik Erdogans, der in letzter Zeit eine politische Baustelle nach der anderen zu eröffnen scheint ohne dabei auf die Menschen im Land zu achten. Eine angekündigte neue Verfassung und die Einführung eines Präsidialsystems, nach dem Vorbild Russlands, im Volksmund der Türkei oftmals nur noch „Putinmodell“ genannt, erregt die Gemüter gleichermaßen, wie die Abmahnung für Liebesbekundungen an öffentlichen Plätzen oder ein Alkoholverbot, das durchgesetzt werden soll.

Das Volk fühlt sich bevormundet und ist betroffen von der, wie in islamischen Staaten üblichen Art und Weise, mit der in ihr Leben, bis hin zu privatesten Bereichen eingegriffen wird. Erdogan lässt sich aber nicht beirren, als sein scheinbarer Rückzug nicht den gewünschten Effekt erzielt geht er mit noch größerer Härte gegen die Proteste vor.

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Wasserwerfer, Gummigschoße, Tränengas und eine äußerst brutal agierende Polizei ist seine Antwort auf die Angst der Menschen, um ihre persönliche Freiheit und die Säkularität im Land. Die Demonstranten reagierten ihrerseits mit Pflastersteinen, die sie gegen die Polizeiautos schleuderten und mit Protest- und Schmähschriften auf Häuserwänden.

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Wie FORMAT berichtet wurden, nach Angaben von Ärzteverbänden und Menschenrechtsorganisationen, bisher mehr als 1700 Menschen verletzt. Zwei Demonstranten, die vor den Wasserwerfen flüchteten wurden von einem Einatzwagen überfahren, einer davon wurde dabei so schwer verletzt, dass er noch am Unfallort verstarb. Ein 20-Jähriger verstarb, als in Istanbul ein Taxi in eine Gruppe von Demonstranten raste. In der südtürkischen Stadt Antakya soll ein Unbekannter einem 22-Jährigen Mitglied der Jugendorganisation der oppositionellen Republikanischen Volkspartei (CHP)  in der Kopf geschossen haben berichtet der Focus, mindestens 4 Menschen sollen ihr Augenlicht verloren haben.

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Erdogan nennt die Demonstraten aber nur „Plünderer“ und „Marodeure„, die aus dem Ausland gesteuert werden und denen er nicht nachgeben werde. Unterdessen warfen die Demonstranten Brandsätze auf die AKP-Zentrale in Izmir.

Auch in anderen europäischen Städten solidarisieren sich vermehrt Menschen mit dem Widerstand in der Türkei. In Frankfurt, Berlin, Essen, aber auch in Paris und Wien formieren sich Gruppen, die öffentlich gegen Erdogan protestieren.

In Anbetracht der großen Zahl türkischstämmiger Migranten europaweit bleibt zu hoffen, dass Erdogan einlenkt und den brutalen Konfrontationskurs aufgibt, denn sonst ist zu befürchten, dass die gerodeten Bäume im Istanbuler Gezi-Park die Streichhölzer waren, an denen sich ein europäischer Flächenbrand entzündet, der auch in unseren Städten wüten und auch hier Verdrängtes hochkochen lassen könnte.

Video:

Nachts erreichte uns noch ein Hilferuf von Christine B. aus Istanbul, den wir unseren Lesern nicht vorenthalten wollen. Hier im Original wiedergegeben:

In Istanbul ist die Hölle los! Wir haben hier kein mobiles Internet mehr, Hotels und Wohnungen stellen ihr Wireless zur Verfügung. Hier sind mindestens 10000 Menschen um 3.00 Uhr Nachts!!! Straßenschlachten und Rücktrittsslogans! Alles voller Gas, die vom Gas Verletzten werden direkt von den hinteren Protestierenden ersetzt, so dass die Front nicht gebrochen werden kann. Militärstationen verteilen dem Volk Gasmasken, Polizisten drohen den Soldaten mit Gasbeschuss! Aus Helikoptern wird das Gas auf uns abgefeuert, anderes stärkeres Gas als das, welches die Bodentruppen benutzen. Überall aus der Türkei sind Busse mit Unterstützern im Anmarsch. In Ankara, Izmir und weiteren Städten sind die Menschen auf den Straßen. Hoffe mal, das wird das Ende der AKP-Regierung sein. Morgen werden in allen Städten Demos geplant, hab gehört, auch in Frankfurt. Die türkischen Sender zeigen nichts/nada/null!!! Teilt meinen Status, alle sollen wissen, was hier los ist. Internet kommt und geht, denke mal die kappen bald die ganzen Leitungen!!!

Das Militär unterstützt die Demonstranten gegen die Polizei!! Was ist da los? Das heißt die Polizei gilt in der Türkei als paramilitärische Organisation…Wahnsinn..