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Martin Lichtmesz: Hasser gegen Hilfsbereite

image„Die Flüchtlinge entzweien das Land“, schrieb das österreichische Magazin profil vor einer Woche. Die Lager werden natürlich manichäisch verteilt: die „Unanständigen“ (die gerade massenweise der FPÖ zulaufen) gegen die „Anständigen“, die bösen Unmenschen gegen die barmherzigen Engel, also „Haß gegen Hilfsbereitschaft“, was auch heißen soll: Haß auf Hilfsbereitschaft.

In diesem Videoblog, eine Art Teaser zum Heft, fragen sich zwei Mitarbeiter der Zeitschrift, woher denn die „enorme Spaltung in Österreich“ käme und was da wohl um Himmelswillen „schiefgelaufen“ sei. Die Antwort: schuld sei natürlich die altbekannte, österreichtypische „Volksseuche Ausländerfeindlichkeit“ und die „extreme rechtspopulistische“ Partei im Lande, die es angeblich sonst nirgends in Europa in dieser Heftigkeit gäbe.

Das war vorhersehbarerweise im Kern alles, was die Redaktionsilluminaten dazu zu sagen hatten, aber gut: das profil ist auch ein selten dummes, seichtes, stromlinienförmiges, seifiges, selbstgefälliges Blatt, sogar für österreichische Verhältnisse. Und wie immer bemerken die Meisterdurchblicker dieser Art nicht, daß sie mit ihren „einfachen Antworten auf komplexe Fragen“, um eine beliebte Phrase aufzugreifen, erheblich dazu beitragen, die Polarisierung weiter zu befördern.

Denn diese findet in der Tat statt, was angesichts des derzeitigen Stroms an Einwanderern und Asylanten, die momentan in noch das kleinste Nest verteilt werden, kein großes Wunder ist. Ein Ende ist kaum abzusehen, auch wenn Innenministerin Mikl-Leitner kürzlich einen Stopp der wuchernden Asylantragsverfahren verkündet hat. Das war weniger eine Notbremse als ein Zwischenstopp, ein Akt der Hilflosigkeit und Überforderung.

Während landesweit ganze Zeltlager errichtet wurden, um die hereinströmenden Massen aufzufangen, gab Mikl-Leitner im Mai bekannt, daß zu diesem Zeitpunkt über 300 Asylanträge pro Tag gestellt würden – in drei Monaten hätte man mit solchen Zahlen bereits eine Kleinstadt in der Größe von Bregenz beisammen. Wer kann auch nur eine Sekunde glauben, daß das gutgehen kann? Wer kann auch nur eine Sekunde behaupten, daß das verantwortbar und zumutbar ist?

Derzeit ist nirgendwo zu erkennen, daß die verantwortlichen österreichischen Politiker in irgendeiner Weise gewillt sind, angesichts dieser Tatsachen eine klare Haltung einzunehmen. Man wurschtelt weiter, verrenkt sich, drückt sich vor Entscheidungen, reicht die schwarzen Peter im Kreis herum. Verunsicherung und Gereiztheit steigen täglich wie eine Fieberkurve. Ventile gibt es wenige – als Abflußbecken dienen zumindest die Kommentarspalten sämtlicher Leitmedien, in denen es augenblicklich heftig rumort.

(Fortsetzung des dreiseitigen Artikels von Martin Lichtmesz auf sezession.de)