Kenan Kolats arabische Phantom-Übersetzer

Im Rahmen des Streits über die Äußerungen des Bundespräsidenten gab sich der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat (Foto), versöhnlich, tischte aber wieder ein weitverbreitetes islamisches Märchen auf. 

Laut SPIEGEL Online äußerte sich Kolat so:

„Man soll darüber streiten, welchen Beitrag der Islam zum Prozess der Aufklärung in Europa geleistet hat“, so Kolat. So seien philosophische Schriften der Griechen zu Beginn des Mittelalters von arabischen Gelehrten ins Arabische übersetzt und später, zu Beginn der Aufklärung in Europa, vom Arabischen wieder ins Griechische rückübersetzt worden. Viele Schriften seien also so durch den Islam gerettet worden. „Da gilt es bei einer Diskussion zu berücksichtigen“, so Kolat.

Daran stimmt wieder einmal fast nichts. Der renommierte französiche Philosoph Rémi Brague gab der österreichischen Presse vor vier Jahren ein interessantes Interview, in dem er sich zum Beispiel lustig macht über die vielen Islamwissenschaftler:

Die Zahl der Islamexperten hat sich erstaunlicherweise zwischen dem 10. und 12. September 2001 verzehnfacht. Heute muss man unterscheiden zwischen Islamwissenschaftlern und denen, die sagen, dass sie Islamwissenschaftler sind – das sind ganz und gar nicht dieselben.

In diesem Interview, das immer noch online ist, lesen wir klar:

Die Presse: Vor einiger Zeit gerieten Sie in einer französischen Fernsehsendung in Harnisch, als ein Herr erklärte, der Westen habe einen Großteil des antiken Wissens auf dem Umweg über die islamische Welt kennengelernt. Was hat Sie da so zornig gemacht?

Rémi Brague: Im neunten Jahrhundert wurden in Bagdad und anderen Gegenden viele griechische Werke zu Mathematik, Medizin, Philosophie, Astronomie und Astrologie ins Arabische übersetzt. Als der Westen Ende des elften Jahrhunderts anfing, sich für diese Dinge zu interessieren, war es in den von den Arabern eroberten Gebieten, in Spanien oder Sizilien, praktisch, die Werke aus dem Arabischen zu übersetzen, wenn man das griechische Manuskript nicht fand. Früher wurde dieser arabische Einfluss vernachlässigt. Jetzt wird er übertrieben. Man sollte aber einen Irrtum nicht durch einen gegenteiligen Irrtum ersetzen, sondern durch das Gegenteil eines Irrtums. Spricht man vom Beitrag des Islam zur Entwicklung der abendländischen Kultur, wie es derzeit geschieht, muss man außerdem klarmachen, was man meint. Meint man die vom Islam geprägte Zivilisation, stimmt es. Meint man den Islam als Religionsgemeinschaft, war der Beitrag gleich null.

Inwiefern?

Brague: Kein einziger arabischer Übersetzer des neunten Jahrhunderts war Muslim. Es waren alles Christen, bis auf ein oder zwei, die der Gemeinschaft der Sabier angehörten. Auch sonst sind keine Muslime bekannt, die zu Studienzwecken eine nichtislamische Sprache gelernt hätten. Mit einer einzigen Ausnahme im elften Jahrhundert – Alberuni, ein Philosoph, den ich sehr bewundere, dessen Orthodoxie man allerdings bezweifeln kann. Er hielt sich am Hof des afghanischen Prinzen Mahmud von Ghazni auf. Dieser Herrscher sammelte Gelehrte, wie andere Marken sammeln, sie durften seinen Hof nicht verlassen. Als der Prinz in Indien einfiel, profitierte Alberuni aber davon, um Sanskrit zu lernen und mit den dortigen Gelehrten zu diskutieren. Er schrieb sogar ein wunderbares, ganz objektives Buch über die Welt der Hindus. Aber das war die Ausnahme, die die Regel bestätigt.

Brague ist natürlich nicht der einzige seriöse Wissenschaftler, der das sagt! Das höchst lesenswerte Interview geht auch noch auf die beliebten Kreuzzüge ein:

Wenn sich islamische Länder schmeichelhafte Zuschreibungen aneignen, müsste dasselbe auch mit negativen westlichen Selbstbildern funktionieren. Ist nicht auch das Bild des „Kreuzzugs“ ein westliches Exportprodukt?

Brague: Ja, das ist sogar ein besonders spannendes Beispiel. Die muslimische Welt hatte die Kreuzzüge völlig vergessen. Erst im 19.Jahrhundert hat eine ins Arabische übersetzte französische Geschichte der Kreuzzüge von einem gewissen Joseph François Michaud sie wieder daran erinnert. Der arabische Übersetzer musste dabei neue Wörter für Kreuzzug und Kreuzfahrer finden, das Arabische hatte gar keine dafür! Ein Grund dafür ist, dass die Araber, Türken, Kurden seinerzeit den neuen Charakter dieser Kriege nicht erkannten. Sie waren seit Jahrhunderten im Krieg mit Byzanz, und in der byzantinischen Armee kämpften auch europäische Söldner – da dachten sie, diesmal sind es halt ein bisschen mehr Europäer als sonst. Der zweite Grund: Nicht die Kreuzfahrer haben den Kalifen von Bagdad schlaflose Nächte bereitet, sondern die Fatimiden in Ägypten. Der Ruhm des Saladin, den wir auch aus Lessings „Nathan der Weise“ kennen, kommt in erster Linie von seinem Sieg über die Fatimiden, der Sieg über die Kreuzfahrer war eher Nebensache. Ein großer Teil des Bildes, das man im Mittleren Osten von den Kreuzzügen hat, ist also eine vom Westen inspirierte Rekonstruktion. Völlig absurd wird es, wenn die Kreuzzüge als erste Etappe der Kolonialisierung gesehen werden. Das islamische Volk ist das belogenste Volk der Welt. Und wenn Dummköpfe wie Bush dann auch noch von Kreuzzug sprechen… Das war, wie immer, genau das, was er nicht hätte sagen sollen.

Meinen Sie, dass Europa den eigenen Selbsthass exportiert?

Brague: Ja, Europa ist dazugekommen, sich selbst zu hassen, aufgrund einer, wie ich theologisch sagen würde, Reue ohne Absolution. Sklaverei, Inquisition, Kreuzzüge, Eroberung Südamerikas, die ganze europäische Geschichte wird als eine unendliche Folge von Verbrechen gesehen. Was nicht falsch ist. Aber man zeige mir eine Zivilisation, die die Möglichkeit hatte, auf andere Einfluss auszuüben, und die nur Gutes gebracht hätte. Stellen Sie sich einmal den liebsten aller Elefanten und die böseste aller Mäuse in einem Porzellangeschäft vor. Was wird passieren? Gut, Europa war kein sehr lieber Elefant – aber es war ein Elefant.

Brague hat übrigens auch interessante Bücher geschrieben, und wurde in PI schon öfters thematisiert. Zum Beispiel hier!