Einmal Toleranz und zurück

KulturbereichererAnfang der 1980er wuchs ich in einem kleinen Städtchen in NRW mit 10.000 Einwohnern nahe der hessischen Grenze auf. Rückblickend würde man das dortige Leben wohl abfällig als spießig bezeichnen: idyllisch und ländlich geprägte Landschaften, Schützenfeste, die Türen der Nachbarn standen tagsüber stets offen, Nachmittage im Wald, im Freibad und beim Bauern – so zogen meine ersten Lebensjahre dahin.

(Eine Bereicherungsbiographie von FuzzyLogic zur PI-Serie “So erlebe ich die Kulturbereicherer!”)

Die Menschen trugen gemeinsam zu einer Gesellschaft bei, in der jeder Fleißige es nicht schlecht haben sollte. Kurzum: der perfekte und bestbehütetste Ort um Aufzuwachsen.

Anfang der 1990er kam ich durch einen Umzug mitten in das 200 km entfernte Ruhrgebiet, woher meine Eltern ursprünglich stammten. Wir lebten zwar weiterhin in einem kleinen Städtchen, diesmal mit 25.000 Einwohnern, nur einen größeren Unterschied konnte es für einen kleinen Jungen kaum geben. Nicht nur dass die Türen der Nachbarn hier verschlossen waren, ich kannte sie noch nicht einmal – und das nach Jahren des nebeneinander Wohnens. Ungefähr zu diesem Zeitpunkt machte ich auch meine ersten Kontakte mit dem, was die Erwachsenen als „Islam“ bezeichneten. Für mich als kleines Kind in der vierten Klasse war das zu abstrakt. Ich hatte jedoch schnell die Möglichkeit, mir sehr konkret etwas unter dem Begriff „Islam“ vorzustellen. Es gab einen Mitschüler in meiner Klasse, mit dem ich befreundet war, wir spielten zusammen Fußball (er war stets besser) und dass er erst vor einigen Jahren mit seiner Familie aus der Türkei kam, war uns Kindern vollkommen egal. Dass er kein Schweinefleisch aß, fand ich als jemand, der direkt neben einem Bauernhof aufwuchs zwar seltsam, aber warum nicht, dachte ich mir, hier direkt im Ruhrgebiet war so einiges anders. Auch dass seine Mutter ein Kopftuch trug, wenn sie ihn von der Schule abholte, war mir nicht fremd, die Bäuerin trug ja schließlich auch stets ein Tuch wenn sie im Stall arbeitete.

Von einem zum anderen Tag kam mein Freund plötzlich aber nicht mehr in die Schule. Unsere Lehrerin stellte sich mit sehr ernster Mine, wie ich sie bei ihr nie zuvor sah, vor unsere Klasse und erklärte uns, dass sein Vater seiner Mutter gegenüber sehr gewalttätig geworden ist. Somit den beiden keine andere Möglichkeit blieb als die Flucht. Niemand dürfe wissen, wo die beiden sich befänden, sonst seien sie in großer Lebensgefahr. Mein Freund würde also nicht mehr wieder kommen und meine Lehrerin erklärte uns, dass das damit zusammen hinge, dass die Mutter nicht weiter das Kopftuch tragen wolle und generell wohl anders leben wollte. Verständlich war mir das nicht, die Bäuerin trug doch das Tuch auch nur im Stall bei der Arbeit. Im Islam, das sei die Religion der Familie, sei das aber anders, erklärte uns die Lehrerin. Hier wurde der abstrakte Begriff des Islams für mich als Kind zum ersten Mal ordinäre und begreifbare Realität. Ich traf meinen Freund, den einzigen Türken in unserer Klasse, nie wieder. Es war der erste Fall dieser Art für mich und ich machte mir keine weiteren Gedanken über den Islam, sondern war einfach ein neun oder zehn Jahre alter Junge.

Einige Zeit später kam ich auf ein Gymnasium und mein Schulweg führte mich tagtäglich durch den kleinen Stadtpark mit Spielplatz und Ententeich. Es war das Revier einer 20 Köpfe starken Gruppe marokkanischer Jugendlicher im Alter zwischen 10-18 Jahren. Jeden Tag als ich von der Schule kam, lungerten sie in diesem Park herum und jeden Tag stellte sich für mich die Frage: Gehe ich durch den Park und riskiere ich wieder einmal Beleidigungen und eine Tracht Prügel? Oder knicke ich ein, gehe einen Umweg und überlasse ihnen den durch Steuergelder finanzierten Park kampflos? Meistens bildete ich mir ein Rückgrat zu besitzen und ging den kürzeren Weg direkt durch den Park. Es endete häufig genug jämmerlich. Narben bezeugen die Schläge und Tritte, die ich damals regelmäßig kassierte noch heute. Auch kam ich damals schon mit dem in Kontakt, was heute einige Comedians und Sprachwissenschaftler als „Kanaksprak“ wahlweise parodieren oder erforschen. „Scheiß Ungläubiger“, „Scheiß Kartoffel“, „Scheiß Deutscher“… die Liste ließe sich endlos fortsetzen.

Häufig lief es folgendermaßen ab: der kleinste und jüngste (am besten kleiner und jünger als das Opfer selbst, um die gewünschte Demütigung zu maximieren) sprach das „scheiß Opfer“ (also mich) an und forderte Geld, Sportschuhe oder irgend etwas anderes wofür meine Eltern arbeiten gingen. Garniert wurde diese liebevolle Aufforderung stets mit: „Gib oda isch hole meine Brüda“. Was heute wie eine lustige Floskel klingt, war damals blutiger Ernst für mich. Natürlich musste er seine „Brüda“ erst gar nicht holen. Die hatten mich nämlich zuvor schon praktischerweise eingekesselt, so dass das ganze etwas effizienter ablaufen konnte. Es mussten ja schließlich noch einige andere, die es wagten, den steuerfinanzierten öffentlichen Park zu durchqueren, „abgezogen“ werden. Entmutigen ließ ich mich nicht, ich ging auch am nächsten Tag wieder durch den schönen Park, den ich nicht einfach kampflos aufgeben wollte.

Ähnliche Szenen spielten sich auch andauernd im Freibad ab. „Irgendwie ist das hier mit dem Freibad doch etwas anders als in dem Freibad, in das ich früher vor dem Umzug immer ging“, dachte ich mir, als ich dazu gezwungen wurde, kniend vor ihnen zu kriechen und sie mir ins Gesicht spukten. Ob sie mich in dieser entmenschlichten Situation als Dhimmi beschimpften, ich weiß es ehrlich gesagt nicht mehr. Auch assoziierte ich dieses asoziale Verhalten zu diesem Zeitpunkt nicht mit dem Islam. Für mich waren es Jugendliche ohne Perspektive, die aufgrund ihrer nicht vorhandenen Bildung anderweitig Bestätigung suchten. Selbst nach der schlimmsten Tracht Prügel waren es für mich nur Einzelfälle einer kleinen Gruppe, die halt einfach nur jedes mal härter zuschlug nachdem sie angezeigt wurden – sowas musste man doch nachvollziehen können, insbesondere als Sohn einer Sozialpädagogin. Toleranz wurde und wird bei uns zurecht groß geschrieben. Aber irgendetwas musste da doch sein, dass diese Menschen dazu trieb. Nur was?

Zwei Jahre, einen Raubüberfall mit einer Schreckschusspistole durch eine mir unbekannte Gruppe von Jugendlichen, die heutzutage in den Medien als aus Südland kommend bezeichnet würden, sowie einen Umzug später, traf ich in meinem Kampfsportverein (denn es war nötig) auf drei Brüder aus Afghanistan. Hervorragende Sportler, sympathische Leute und gute Deutschkennnisse, obwohl sie erst einige Jahre in Deutschland waren. Sie verdienten wirklich meinen vollen Respekt. Wir lernten uns besser kennen und kurz darauf erfuhr ich von ihrer schrecklichen Vergangenheit. Ihre Familie galt in ihrer Heimat als Gegner der Taliban, sie lehnten den Islam ab und so mussten sie flüchten, nachdem ihre Mutter, als sie sich weigerte eine Burka zu tragen, durch die Taliban ermordet wurde. Schon wieder dieser Islam.

Einige Jahre, einige Demütigungen seitens „sozialbenachteiligter“ Jugendlicher südländischer Herkunft und einigen weiteren Begegnungen mit dem Islam später, begann ich, ca. ein Jahr nach 9/11, mein Studium. Kurz darauf begann George W. Bush den zweiten Irakkrieg und ich das Vertrauen in die „reine Toleranz“ zu verlieren. Es begab sich, dass die islamische Hochschulgruppe an meiner Universität einen ehemaligen deutschen Botschafter zu einer Podiumsdiskussion zum Thema „Irakkieg“ einlud. Dieser ehemalige Botschafter war während seiner Dienstzeit in einigen Ländern der Golfregion tätig und konvertierte dort zum Islam. Es folgte eine Beschreibung der aktuellen Kriegssituation, angereichert durch sein vorzügliches Expertenwissen. Jedoch driftete die Diskussion schnell zu der Frage hin ab, ob der Koran, die Scharia und die islamische Lebensweise im Allgemeinen mit dem deutschen Grundgesetz vereinbar sei. Der ehemalige Botschafter vertrat die These der Vereinbarkeit mit unglaublicher Vehemenz, als eine verschleierte Frau aus dem Auditorium aufstand und sagte, dass die Maxime eines Muslims nur das Wort und die Taten Mohammeds sein könne und niemals ein von Menschenhand geschaffenes Gesetzeswerk! Ich traute meinen Ohren nicht! So etwas in einem deutschen Audimax? Aber jetzt geschah das viel Unglaublichere und Unvorstellbare: es brach lauter Applaus los! Es waren ca. 200 Menschen im Hörsaal, von denen ich augenscheinlich der einzige Nicht-Moslem war.

Ich saß ganz hinten am Rand, ich wurde vermutlich nicht einmal wahrgenommen. Es applaudierten nicht alle, aber ein Großteil. Ich brauchte einige Sekunden, um mir klar zu machen, was da gerade geschehen ist. Dort saßen nicht die ungebildeten, moslemischen Jugendlichen, die mich jahrelang drangsalierten, sondern hervorragend ausgebildete junge Mitbürger, die in gutem Deutsch die Überlegenheit der koranischen Lehren über das Grundgesetz propagierten. Es war einige der wenigen Male in meinem Leben, als eine Welt für mich zusammenstürzte. Nicht soziale Not, nicht Analphabetismus, nicht Jahrtausend alte Kultur. Nein, tiefe Überzeugung manifestierte sich hier! Tiefe Überzeugung von Personen, von denen ich aufgrund der guten Deutschkenntnisse annehmen muss, dass sie zumindest beträchtliche Teile ihrer Schulausbildung in Deutschland genossen haben. Geschockt verließ ich den Hörsaal. Meine Toleranz schien zum ersten mal zu versagen. Wieder einmal war der Islam daran schuld.

In den kommenden Jahren beschäftigte ich mich mit den Grundlagen des Islams und der Kultur islamischer Länder. Je mehr ich erfuhr – und das ist sehr unüblich bei Lernprozessen – desto mehr Angst bekam ich. Es machte sich die fundierte Überzeugung breit, dass die Korrelation von Islam und Gewalt gegenüber Nicht-Moslems, nur durch inhärente Kausalität erklärbar ist. Der Koran und die Sunnah liefern hierfür genügend Material. Ich begann mich politisch zu engagieren (JU, RCDS) und das Thema Islam auch in meinem Freundes- und Bekanntenkreis öffentlich zu machen. Es ist nicht immer leicht, aber wenn es niemand anderes macht…

Auch war es nicht leicht zu akzeptieren, dass die Staatsanwaltschaft vor einem Jahr eine Anzeige wegen gefährlicher Körperverletzung (mit Bezug auf §154 StPo) nicht weiter verfolgte. Da war es schon leichter, auf dem Boden liegend, die Tritte der vier Südländer gegen meinen Kopf zu ertragen (ich war zufälliges Opfer, Angriff von hinten). Schöne neue Welt.

Folgende Anekdote ist da schon eher als harmlos zu betrachten. Ich ging vor einiger Zeit mit einem ausländischen Austauschstudenten über unseren Campus und wir passierten eine Gruppe türkisch sprechender und verschleierter Studentinnen. Er fragte mich, ob das auch Austauschstudentinnen seien, ihm sei das schon öfters hier aufgefallen, da die Frauen ja kein Deutsch miteinander sprechen. Er war doch sehr verdutzt, als ich ihm erklärte, dass es keine türkischen Austauschprogramme an unserer Universität gibt und die Frauen demnach vermutlich allesamt in Deutschland aufgewachsen sind und auch hier zur Schule gingen. Ich kann daher nur jedem empfehlen, der Türkisch oder Arabisch lernen möchte, sich entweder in eine beliebige Vorlesung oder in eine deutsche Universitätsbibliothek zu setzen. Um andere nicht zu stören, ist sprechen dort eigentlich verboten, naja scheinbar nicht alle…

Ab und zu ist aber schon Ruhe und zwar dann, wenn vor der Toilette eine lange Schlange steht. Wie das zusammenpasst? Ganz einfach. Es werden sich dann die nackten Füße in den Waschbecken der Bibliothek gewaschen, um sich für das Gebet vorzubereiten. Man muss es gesehen haben, um sich vorstellen zu können, wie slapstick-haft es aussieht, wenn jemand versucht, auf einem Bein hüpfend seinen Fuß unter einem Wasserhahn zu spülen, der absichtlich nur so gebaut ist, dass keine größeren Gegenstände – und schon gar keine Füße – drunter passen (typische öffentliche Wasserhähne eben). Dass das in einer unglaublichen Wasserlache auf dem Boden endet, muss ich wohl kaum anmerken. Kritisiert man dieses Verhalten, bekommt man als Antwort, dass die (staatliche, öffentlich finanzierte und dem Laizisimus verpflichtete) Universität schließlich Gebets- und Waschräume zur Verfügung stellen könnte. Wie konnte ich bloß fragen, hätte mir auch von selbst einfallen können! Dass die inzwischen diversen islamischen Hochschulgruppen immer mal wieder Zitate von Hasspredigern oder dubiose Links auf ihren Webseiten haben, ist im alltäglichen Hochschulbetrieb nicht mal eine Randnotiz wert. Niemals andere Kulturen: nur immer und immer wieder dieser Islam.

Was aus den Beteiligten meiner Bereicherungsbiographie geworden ist?

Einige Male im Jahr bin ich noch in dem kleinen idyllischen, spießigen Städtchen. Vor etwa 15 Jahren zog ein neuer Menschenschlag hinzu, ich überlasse dem geneigten Leser mal die Spekulation über deren Herkunft. Die Türen der Nachbarn stehen inzwischen nicht mehr offen – „es gab da so einige Vorfälle, wissen Sie“! Die Kinder gehen nicht mehr häufig und unbeschwert ins Freibad – „es gab da so einige Vorfälle, wissen Sie“! Die Schützenfeste brauchen jetzt Securities – „es gab da so einige Vorfälle, Sie wissen ja“!

Den türkischen Freund aus der Grundschulzeit traf ich, wie erwähnt, nie wieder, ich kann nur hoffen, dass die Flucht Erfolg hatte und die Mutter nicht einem „Ehrenmord“ zum Opfer fiel.

Die marokkanische Jugendgang hat sich erfolgreich weiterentwickelt. Nach einigen bewaffneten Raubüberfällen sind sie ausgerechnet bei einem simplen Überfall auf einen Kiosk geschnappt worden. Einige sitzen noch im Gefängnis, zwei haben inzwischen eine Banklehre abgeschlossen und beraten heute Sparkassenkunden bei ihren Geldanlagen. Ein anderer ist Regalauffüller in einem Baumarkt. Die Gruppe, welche mich mit einer Schreckschußpistole überfiel, um mein Zugticket für wenige Euro zu bekommen, wurde nie ermittelt.

Die drei afghanischen Brüder studieren inzwischen allesamt und sind wertvolle Mitglieder der freiheitlichen und demokratischen deutschen Mehrheitsgesellschaft, ihrer Mutter ist dieses Glück nicht mehr zu Teil geworden. Sie wünschen sich, dass der Krieg gegen die Taliban von Erflog gekrönt ist.

Ich für meinen Teil habe mein Studium vor einiger Zeit abgeschlossen, bin jetzt wissenschaftlich in einem technischen Bereich tätig und übe mich in der „Kritik der reinen Vernunft“ als auch in der „Kritik der reinen Toleranz“. Der abstrakte Begriff des Islams meiner Kindheit hat sich inzwischen schon lange mit konkreter Furcht gefüllt. Aber ich bilde mir weiterhin ein, über Rückgrat zu verfügen und so kämpfe ich weiter, nicht mehr nur für den kleinen Stadtpark, sondern für ein aufgeklärtes und humanistisches Deutschland und Europa. Gegen die freiheitsverachtende Islamisierung. Hoffentlich ergeht es mir nicht so jämmerlich wie damals. Auf dass auch meine Kinder noch in einem spießigen kleinen Städtchen aufwachsen können, in dem die Türen der Nachbarn aufstehen!

Alle auf PI veröffentlichten Gastbeiträge zur laufenden PI-Serie “So erlebe ich die Kulturbereicherer!”, küren wir mit dem neuen Buch von Udo Ulfkotte „Vorsicht Bürgerkrieg“. Wir bitten daher alle, deren Beitrag bei uns erschienen ist, uns ihre Anschrift mitzuteilen, damit wir ihnen ihr Buch zustellen können.

Bisher erschienene Beiträge zur PI-Serie:

» Auch im Fußball kulturell bereichert
» Soldaten sind Mörder – oder Schlampen
» Kulturbereicherung von Kleinauf
» Beschimpfungen, Aggressionen und vieles mehr…
» Gefühl, im eigenen Land auf der Flucht zu sein
» Erfahrungen eines Hauptschullehrers
» “Ruhe, ihr deutschen Drecks-Schlampen”
» Kulturbereicherung im Krankenhaus
» Von bereicherten Löwen und grünen Antilopen