Das Schweigen des Nikolaus S.

Heute vor drei Wochen wurde die Willehadi-Kirche in Garbsen niedergebrannt. Bislang hat EKD-Ratspräsident Nikolaus Schneider kein Wort des Bedauerns über die Lippen gebracht. Als erfahrener Prediger weiß Schneider, dass die Menschen sein Schweigen interpretieren. Was also will Nikolaus Schneidern den Christen in Garbsen, stellvertretend für alle Christen in Deutschland, mit seinem Schweigen sagen?

(Von C. Jahn)

Am 30. Juli 2013 wurde mit der Kirche in Garbsen erstmals seit 1938 ein religiöses Gebäude in Deutschland von Brandstiftern abgefackelt. Hätte eine Synagoge gebrannt, hätte sich die EKD schon nach wenigen Stunden zu Wort gemeldet, bei einer Moschee wohl nach wenigen Minuten. Dass die hannoversche Landeskirche im Fall der abgebrannten Kirche von Garbsen ganze 16 Tage brauchte, um am 14. August endlich eine schmallippige Erklärung des Bischofs abzugeben, ist ein Skandal. Dass aber die EKD-Zentrale mit Nikolaus Schneider an ihrer Spitze auch drei Wochen nach dieser schändlichen Tat demonstrativ schweigt und kein einziges Wort des Bedauerns findet, müssen viele Christen in Garbsen und mit ihnen viele Christen in ganz Deutschland als eine bodenlose Unverschämtheit empfinden.

Statt angesichts der totalen Niederbrennung der Kirche, ganz gleich, wer die Täter waren, wenigstens einen einzigen Satz der Betroffenheit und menschlichen Anteilnahme von sich zu geben, unterhält das EKD-Presseamt das christliche Publikum weiterhin mit heiteren Meldungen über eine „Motorradwallfahrt“ oder lobt sich selbst mit Berichten über Rita Süßmuths Entzücken nach Durchsicht irgendeines Familienpapiers aus dem Zettelkasten des EKD-Elfenbeinturms. Versucht die EKD einfach nur die Augen zu schließen? Hofft sie auf ein „Weiter so“, als wäre nichts gewesen, als wäre alles so wie früher in den guten alten Zeiten, als in Deutschland noch keine Kirchen brannten? Oder steckt mehr dahinter?

Nikolaus Schneiders Entscheidung, angesichts dieses historischen Ereignisses, der ersten Niederbrennung einer Kirche im bunten Deutschland, eisern zu schweigen und die betroffene Gemeinde mit diesem Schweigen vor den Kopf zu treten, erfordert einen hohen Mut zur Unverfrorenheit. Schneider muss seine Gründe haben. Natürlich: ganz pragmatisch gesehen, deckt Nikolaus Schneider mit seinem Schweigen die Täter. Und ohne Frage ist sein Schweigen auch ein Geschenk an die Politiker, die sich jetzt im Wahlkampf nicht mit dem unguten Thema „Bunte Republik“ abmühen müssen: Die Realität brennender Kirchen passt nicht ins amtlich propagierte Bild bunter Glückseligkeit. Aber Nikolaus Schneider ist auch ein erfahrener Prediger. So ein Mann weiß, dass die Menschen im Land sein Schweigen in jedem Fall deuten werden, selbst ein Schweigen aus politischem Kalkül. Nikolaus Schneider sendet daher mit seinem Schweigen zugleich eine Botschaft, eine Botschaft an die Christen in Garbsen, als EKD-Chef aber auch an alle Christen in Deutschland.

Welche Botschaft also sendet Nikolaus Schneider mit seinem Schweigen?

Die Christliche Gemeinde in Garbsen ist verstört, sie ist verwirrt, sie weiß nicht, wie weiter und was mit dieser Schandtat anfangen. In dieser Situation blickt man unwillkürlich auf zur Kirchenführung. Man wartet auf Worte, aus denen man wieder Kraft schöpfen kann: Worte der Anteilnahme, des Trostes und der Hoffnung. Schneider aber spricht keine Worte der Anteilnahme, des Trostes und der Hoffnung. Und er spricht diese Worte nicht, weil ihm diese Worte fehlen, weil sie ihm trotz aller Erfahrung als Prediger nicht einfallen, sondern weil er diese Worte nicht aussprechen will. Weil er den Christen in Garbsen keine Anteilnahme zukommen lassen will. Weil er ihnen keinen Trost spenden will. Weil er ihnen keine Hoffnung machen will.

Anteilnahme erfordert Mitgefühl. Schneider aber ist ein politischer Profi: Das explosive multiethnische Gemisch im bunten Deutschland, die ständigen Versündigungen von Mitgliedern anderer Religionen gegen seine Kirchen, die Schmierereien, die eingeworfenen Fensterscheiben – all das hat er täglich auf seinem Schreibtisch. Er weiß genau, was los ist im Land. Und er weiß: Nach brennenden Kirchen werden als nächstes Menschen brennen – in Garbsen und überall. Brennende Kirchen sind nur der Anfang eines langen, furchtbaren Weges, der noch vor uns liegt. Aber politische Kader wie Nikolaus Schneider halten diesen Weg für notwendig. Auch Schneider glaubt, wie viele andere Führungspersönlichkeiten der EKD, an das zukünftige Heil des ewigen bunten Friedens: Zweifel an dieser Lehre hat man von ihm nie gehört. Und auf diesem Weg zum ewigen bunten Frieden, so der Glaube dieser Führer, müssen wir Bürger lernen, den Anblick brennender Kirchen und brennender Menschen zu ertragen. Kein schöner Anblick, aber ein notwendiger gesellschaftlicher Lernprozess, nach Meinung der EKD. Brennende Kirchen und brennende Menschen sind für Nikolaus Schneider also gesellschaftspolitische Kollateralschäden: bedauerlich, aber unvermeidbar. Schneider verweigert den Christen in Garbsen seine menschliche Anteilnahme und sein Mitgefühl, weil er ihnen mit dieser verweigerten Anteilnahme sagen will: Gewöhnt euch an den Anblick von Flammen. Seid nicht so zimperlich, es wird noch schlimmer kommen. Eine brennende Kirche ist gar nichts. Wartet mal ab, wenn erst die Menschen brennen!

Und Trost? Trost wäre zum Beispiel der Satz: „Ihr habt eure Kirche verloren, aber eure Kirche ist dennoch bei euch. Ich, Nikolaus Schneider, oberster Repräsentant eurer Kirche, und mit mir alle Ratsmitglieder der EKD stehen euch bei. Wir sind da, ihr könnt auf uns bauen.“ Aber genau das will Schneider den Christen in Garbsen ja nicht sagen. Denn so ein Satz: „Wir stehen euch bei“ ist ein Versprechen, das die EKD aufgrund ihrer traditionellen Rücksichtnahme auf politische Interessen niemals einlösen wird und vermutlich gar nicht einlösen will. Niemals wird die EKD zu Politikern gehen und sagen: Da haben Menschen eine Kirche abgebrannt, handelt endlich! Denn dann wären die Politiker zumindest moralisch gezwungen zu handeln und würden durch ihr Handeln in Konflikt mit den Brandstiftern geraten – mit denen sie aber auf der politischen Ebene verflochten sind. Den Christen in Garbsen beizustehen und die Politiker zum Handeln aufzufordern, hieße also für die EKD, sich bei den Politikern unbeliebt zu machen – das aber sind der EKD die Christen in Garbsen nicht wert. Nikolaus Schneider weiß das nur zu gut. Seine Botschaft lautet deshalb: „Ich, Nikolaus Schneider, oberster Repräsentant eurer Kirche, stehe euch nicht bei. Niemand steht euch bei. Ihr seid ganz allein.“

Und Hoffnung? Dass es besser wird? Wie auch die Juden 1938 gehofft haben, dass es nun nicht mehr schlimmer kommen kann? „Wenn Kirchen brennen, brennen bald auch Menschen“ – das ist der Schlüsselsatz von Garbsen. In diesem Satz steckt keine Hoffnung. Auch das weiß Nikolaus Schneider.

Fazit: EKD-Chef Nikolaus Schneider will mit seinem Schweigen die Täter schützen – keine Frage. Und sein Schweigen ist ein Geschenk an die Politik. Aber sein Schweigen vermittelt auch eine Botschaft. Und diese Botschaft, in der Zusammenfassung, lautet:

„Ihr Christen in Garbsen und in ganz Deutschland! Wahrlich, ich sage euch: Gewöhnt euch an brennende Kirchen, härtet euch ab für den Anblick brennender Menschen! Und wenn nach den Kirchen die Menschen brennen, dann wisst ihr schon jetzt: In der Not steht euch niemand zur Seite, nicht einmal eure Kirche. Und es gibt keine Hoffnung auf Besserung!“

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