Auf SpOn kann man ein kurzes Video zum Gedenken an die vor zwei Jahren von ihrem Bruder ermordete Hatun Sürücü anschauen. Die Familie nahm nicht an der Trauerfeierlichkeit teil. Warum sollte sie auch, werden doch derartige „Todesurteile“ in der Regel von der Familie gefällt und vom jüngsten Familienmitglied vollstreckt, weil das am wenigsten Strafe zu erwarten hat. Die Familie erdreistete sich allerdings, einen Sprecher zu schicken, der eine Erklärung verlas, in der sie ihre Trauer um Hatun bekundete. Diese Trauer ist so „gewaltig“, dass man auch Hatuns Wunsch, ihr Sohn möge nicht in dem Umfeld aufwachsen, vor dem sie geflohen ist, grob missachtet. Wie berichtet, kämpft Hatuns Schwester Arzu um das Sorgerecht.

Interessanterweise schafften es die türkischen Verbände nicht, auch nur einen
einzigen Vertreter zu der Trauerfeier zu schicken. Sehr „glaubhaft“ wird das Fehlen mit einem peinlichen Versehen erklärt:

Beim Türkischen Bund war die Betroffenheit am Tag nach der Gedenkfeier für Hatun Sürücü groß. „Wir bedauern sehr, dass niemand von uns bei der Mahnwache am Tatort vertreten war“, sagte Vorstandssprecherin Eren Ünsal auf Anfrage. Dies dürfe aber keinesfalls als absichtliches Fernbleiben interpretiert werden, sagte Ünsal. Es habe offenbar eine organisatorische Panne gegeben. Die türkischstämmige Frauenrechtlerin Seyran Ates hingegen kritisierte die Abwesenheit der türkischen Verbände aufs Schärfste: „Die Vereine hätten das Gedenken zu ihrer Sache machen und mit Vertretern der Moscheen dazu aufrufen müssen.“ Wie berichtet, waren dem Aufruf der Grünen, sich am Mittwochvormittag an der Stelle zu versammeln, wo Hatun Sürücü vor zwei Jahren von ihrem Bruder erschossen wurde, zahlreiche Berliner gefolgt – offizielle Vertreter der türkischen Community sah man jedoch nicht.

Ein Schelm, wer da an Absicht denkt! Nun sind der türkischer Bund und türkische Gemeinde „betroffen“ – nicht so sehr über Hatuns Tod, sondern über die eigene Abwesenheit, jeder hat eine andere durchsichtige Ausrede parat:

Auch Kenan Kolat, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland, bedauert seine Abwesenheit. Kolat sagte gestern, dass er noch im vergangenen Jahr selbst mit zum Gedenken an Hatun Sürücü aufgerufen habe. Taciddin Yatkin, der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde zu Berlin, sagte, er musste zu einer Anhörung bei der Polizei – Yatkin war jüngst mit einer Eisenstange auf der Straße angegriffen worden. „Ich war aber mit anderen Leuten von der Gemeinde und Aleviten-Vertretern am späten Nachmittag bei der Gedenkveranstaltung für Sürücü am Kottbusser Tor.“ Auch er bedauere, dass niemand von der Gemeinde in Tempelhof war – „das darf aber nicht als Symbol dafür missverstanden werden, dass wir die Tat nicht als furchtbares Verbrechen verurteilen.“

Aber nein, wir würden niemals Absicht, nicht einmal Gleichgültigkeit darüber vermuten, dass kein einziger türkischer Verband es geschafft hat, einen Vertreter zu schicken.

(Spürnasen: Gerhard Sch. und Mirko V.)

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