Der Eisbär ist das zur Zeit populärste Opfer der drohenden Klimakatastrophe. Deshalb wurde er von den Klimawarnern auch zum Symboltier ernannt, dem „das Wasser bis zum Hals steht.“ Eine herrlich humorvolle Kolumne präsentieren heute Michael Miersch und Dirk Maxeiner in der Welt. Die Lektüre wird wärmstens empfohlen.

Der Eisbär prägt die gegenwärtige Medienlandschaft wie kein zweites Lebewesen. Praktische keine Zeitung kommt ohne ein Foto des weißen Zottels aus. Mit einem Pfotenstreich hat er Politiker und Schauspielerinnen von den Titeln gewischt. Spitzenreiter war das Motiv „trauriger Eisbär auf Scholle“, gefolgt von „Eisbär steht das Wasser bis zum Hals.“

Völlig zu Recht ist der Ursus maritimus zum Wappentier der Klimawarner aufgestiegen. Schon Tiervater Brehm schrieb, dass ihm „Feuer und Rauch ein Gräuel“ seien. Im „Tierleben“ berichtet Brehm, wie ein Eisbär die US-Flagge fraß (Kyoto!).

All die Meldungen über nasse Tatzen im Schmelzwasser steigerten unser Staunen über die arktischen Naturwunder. Mal wird der Eisbär aus Angst vor der globalen Erwärmung in den Kannibalismus getrieben, mal in den Selbstmord. Besonders beunruhigend war folgende Schlagzeile: „Verzweifelte Eisbären paaren sich aus Panik mit Braunbären.“ Kein Wunder, dass die Nachfrage nach Eisbären-Fotos noch schneller steigt als der Meeresspiegel. Erste Paparazzi erwägen, von Paris Hilton auf die prominenten Polarpetze umzuschulen.

Um den Gefährdungsgrad der weißen Riesen ermessen zu können, empfiehlt sich der Vergleich mit anderen Bärenpopulationen. Bayerns Braunbärenbestand betrug 2006 für einige Tage ein Exemplar (Ursus Bruno), kurz darauf null. Ein Zusammenhang mit der globalen Erwärmung kann nicht ausgeschlossen werden, schließlich war es ein heißer Sommer, in dem Bruno zum Abschuss frei gegeben wurde. Jedenfalls haben wir es mit einem Abwärtstrend von 100 Prozent zu tun. Der Bestand der Polarbären lag nach dem Zweiten Weltkrieg bei 5000 Exemplaren. Heute leben etwa 20 000 in den arktischen Regionen. Wenn der Eisbär weiterhin in diesem Tempo ausstirbt, ist 2050 mit 80 000 Tieren zu rechnen. Es sind also immer mehr Eisbären gefährdet, die Situation verschärft sich dramatisch.

Sollte ein Eisbär dann bis nach Süddeutschland wandern, bestünde weniger Gefahr, mit Landwirten in Konflikt zu geraten, als bei Bruno. Denn, so Brehm: „An die Haustiere wagt er sich nur selten. Man hat mehr als einmal bemerkt, dass er zwischen weidenden Kühen durchgegangen ist.“ Auch die Bevölkerung muss sich nicht ängstigen: „Den Menschen greift er ungereizt nur bei dem größten Hunger an und geht ihm gewöhnlich aus dem Wege.“

Natürliche Feinde hat der Eisbär nicht, wenn man vom Eskimo absieht. Beide Minderheiten sind weder Vegetarier noch Peta-Mitglieder. Es hat sich eine gewisse Konkurrenz entwickelt, denn beide lieben zarte Jungrobben. Und wie die Eskimos beharren die Eisbären auf ihrer kulturellen Identität. Ab und zu wollen sie mal in der Stadt einen drauf machen, etwa im kanadischen Churchill. Dort kommt es mitunter zu Missverständnissen, weil sie einen Bewohner mit einer Robbe verwechseln. Außerdem ignorieren sie die Verkehrsregeln, weshalb man ein Bären-Guantánamo errichtet hat. Von dort werden sie dann per Hubschrauber in eine Gegend ohne Parkuhren ausgeflogen. Die Arktis wimmelt von entlassenen Straftätern mit Flugerfahrung, die dringend unsere Hilfe benötigen.

Der Eisbär ist nicht nur ein besonders großes, sondern auch ein besonders geheimnisvolles Tier, weil seine Herkunft durch neuste Forschungen immer unklarer wird. Wie konnte er bloß die mittelalterliche Warmzeit überleben, als das Nordmeer zu einem guten Teil eisfrei war und die Wikinger auf Grönland Ackerbau betrieben? Ob die Eisbären erst nach 1450 vom Himmel gefallen sind? Woher kommen sie? Wohin gehen sie?

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