Zypernfrage: Erdogan hofft auf Lösung Merkels

Straßenschild in Larnaca (Südzypern)Am kommenden Dienstag besucht Angela Merkel die Republik Zypern. Der Nordteil der Insel ist seit 1974 unter türkischer Besatzung. Anfang November 2010 hatte die Kanzlerin mit Ministerpäsident Erdogan in Ankara an einem Abendmahl zum muslimischen Fastenbrechen teilgenommen. Tayyip Erdogan machte dabei deutlich, dass er sich von Merkel klare Unterstützung für einen EU-Beitritt der Türkei erhofft. Zu den Problemen, die einer türkischen EU-Mitgliedschaft noch im Wege stehen, gehört die Zypernfrage.

(Von Erol Klinger)

Die sogenannte „Türkische Republik Nordzypern“ wird von der EU bisher boykottiert. Erdogan verlangte von Merkel und der EU die Beendigung dieser Isolation, sprich: er will seinen Vasallenstaat im Norden Zyperns aufwerten und international handlungsfähig machen. Die Kanzlerin wollte in Bezug auf EU-Mitgliedschaft nichts versprechen, aber: „Wir sind dabei, die Brücken zueinander, die fest verankert sind, noch breiter zu machen“. Als enger Partner der Türkei habe Deutschland ein besonderes Interesse an der Annäherung des Landes an die EU.

Auf was für eine Problematik stößt Merkel bei ihrem Besuch? Zypern war einstmals von einer überwältigenden griechischen Bevölkerungsmehrheit besiedelt, wenn es auch zeitweise durch Franzosen und Venezianer (Lateiner) beherrscht war. 1571 eroberten und kolonisierten die Osmanen die Insel; bei der Festigung ihrer Herrschaft konnten sie Widersprüche zwischen griechisch-orthodoxen Christen und katholischen Lateinern ausnützen. (Was lernen wir daraus?) Zeugen dieser Zeit sind bis heute ein türkischer Bevölkerungsanteil von ca. 25% und etliche in Moscheen umgewandelte Kirchen der Lateiner. 1878 ging Zypern von den Osmanen auf die Engländer über; ab 1931 setzten die neuen Kolonialherren bevorzugt Menschen aus der türkischen Minderheit als Ordnungkräfte ein. 1960 entließ Großbritannien Zypern in die Unabhängigkeit, zwang dabei der Insel aber eine Verfassung auf, in der die Türken durch Quotenregelungen begünstigt wurden – am deutlichsten in der Armee, da standen ihnen 40% der Stellen zu. Der Unfriede war vorprogrammiert, es gab ständig Konflikte.

Gefangennahmen seitens der türkischen Invasoren 1974

Im Juli 1974 gab es einen griechischen Putsch und den Versuch, die Insel an Griechenland anzuschließen. Das war für die Türkei (unter der Regierung des Sozialdemokraten Ecevit) der Startschuss zur Eroberung von ca. 40% der Insel und zum „Schutz“ der Zyperntürken. In den folgenden Wochen machten die Türken ganze Arbeit: aus dem Norden wurden die meisten Griechen in den Süden deportiert, wenn sie nicht schon geflohen waren – 200.000 Menschen. Die meisten der im Süden wohnenden Zyperntürken siedelten in den Norden um.

Die Türken riefen 1983 die „Türkische Republik Nordzypern“ aus und schafften Verhältnisse, wie wir sie aus türkisch Kurdistan kennen. Die Zyperntürken sind als Moslems wenig fundamentalistisch und westlicher Lebensart zugeneigt. Sie haben ein gesteigertes Interesse an einer Einigung mit den Zyperngriechen. Durch die systematische Ansiedlung von Zehntausenden von Festlandstürken wurden sie jedoch majorisiert; die anatolischen Bauern wurden in die Häuser der griechischen Deportierten gesetzt. (Die Besatzungstruppen umfassen 40.000 Mann.) Die Festlandstürken geben nun bei jeder Wahl den Ausschlag und bestimmen jede politische Entscheidung. Es gibt nun in Nordzypern keine größere Straßenkreuzung ohne Atatürkdenkmal oder ähnlichen türkischen Herrschaftszeichen; durch die Türkifizierung der Orts- und Straßennamen wird die Erinnerung an den früheren griechischen Bevölkerungsteil ausgelöscht. Zahlreiche christliche Kirchen wurden durch Kunstraub und Vandalismus entweiht oder gar zerstört. Es gibt noch ein paar Reste christlicher Gemeinden, die größte davon mit ca. 350 meist alten Leuten in Rizokarpasso (Dipkarpaz). Sie sind unsäglichen Schikanen ausgesetzt. Erst am 25. Dezember 2010 wurde der Weihnachtsgottesdienst in Rizokarpasso von der Polizei aufgelöst, vom Priester verlangten die Eindringlinge, das Messgewand auszuziehen (PI berichtete).

Katholische St.-Nikolaus-Kirche Famagusta (Nordzypern), von den Osmanen in Lala-Mustafa-Moschee umgewandelt.

Im griechischen Teil der Insel wird die Option einer Wiedervereinigung offengehalten. Die leerstehenden Moscheen im Süden werden restauriert und geschützt, einige Moscheen sind ständig geöffnet und werden von ein paar Duzend ausländischen Studenten zum Gebet genutzt. In ehemals türkischen Vierteln und Dörfern werden die türkischen Straßennamen erhalten.

Jeder vierte Zyperngrieche ist Heimatvertriebener. Nicht nur die Deportierten, auch die anderen Zyperngriechen leiden bis heute unter dem Verlust der nördlichen Gebiete und unter der Vorstellung, dass dort Gotteshäuser mitunter als Ställe und Friedhöfe als Viehweide dienen. Sie waren 1974 der türkischen Armee gnadenlos unterlegen; der einzige Trumpf der Zyperngriechen war, dass sie die internationale Isolierung des türkischen Vasallenstaates erreichen konnten. Die „Türkische Republik Nordzypern“ ist diplomatisch nur von Ankara anerkannt; ein direkter Handel mit der EU findet nicht statt. Völkerrechtlich wird der Vasallenstaat als zum Gebiet der Republik Zypern angesehen, die Mitglied der EU ist. Die Türkei kann als Besatzungsmacht auf dem Territorium eines der zur EU gehörigen Staaten schlecht in die EU aufgenommen werden. Die Lösung aus der Sicht der Türken wäre, die internationale Isolierung Nordzyperns aufzuheben und den Separatstaat damit allein lebensfähig zu machen, was der Türkei einen formalen Rückzug ermöglichen, aber die Teilung der Insel verewigen würde.

Das Ziel des Merkel-Besuchs in Nikosia scheint nun zu sein, den griechisch-zypriotischen Widerstand gegen die endgültige Teilung der Insel weichzuklopfen und eine Situation herbeizuführen, in der die EU die Türkei ohne Gesichtsverlust aufnehmen kann. Darauf deutet die Äußerung des Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages, Ruprecht Polenz (CDU), im Tagesspiegel hin, bei der er Zugeständnisse der Regierung in Nikosia verlangte. Das EU-Mitglied Zypern könnte „sehr wohl einwilligen, dass der Nordteil Zyperns auch mit aller Welt Handel treiben darf – und zwar direkt. Schließlich besteht auch China auf einer Ein-China-Politik, lässt aber den direkten Handel mit Taiwan zu“, sagte Polenz.

Wenn dann die Türkei einmal Mitglied der EU ist, wird Deutschland vieles von dem kennen lernen, was die Zyperngriechen seit 1571 erlebt haben. Aber im Zeitraffer und potenziert. Denn Millionen von Türken stehen ja jetzt schon im Land und die Deutschen glänzen durch Geburtenstreik und Harmoniesucht.




Feuerwehr und DRK zu monokulturell

Prof. Bernd Jürgen WarnekenEine Studie des Tübinger Ludwig-Uhland-Instituts für Empirische Kulturwissenschaft unter der Leitung von Prof. Bernd Jürgen Warneken (Foto) bringt es an den Tag: Migranten sind nur unterdurchschnittlich in deutschen Hilfsorganisationen wie der Feuerwehr oder dem DRK vertreten. Die Gründe hat die Studie auch gleich parat: DRK und Feuerwehr haben ein „monokulturelles Flair“.

Die stärksten Hindernisse für ein Engagement der Migranten seien „kulturelle Vorbehalte“. Das schreibt heute die Südwestpresse. Statt einer „Empfangskultur“ für die Migranten werde eine „Abschreckungskultur“ gepflegt. Die Feuerwehr gelte als sehr deutsch, das Rote Kreuz werde wegen seines Symbols dem christlichen Spektrum zugeordnet. Wer Muslime mit Roter Wurst beglücken wolle und sich durch Korpsgeist abgrenze, könne kaum neue „Kameraden“ gewinnen.

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe empfiehlt die Studie unter ihrer Rubrik „Neue interessante Bücher“.

» bernd-juergen.warneken@uni-tuebingen.de

(Schalk Golodkowski)




Händeschütteln unter Todesstrafe

Somalische FrauenIn Somalia wird die Scharia durch die fundamental-islamische Al-Shabaab-Miliz konsequent umgesetzt, wodurch Frauen nicht mehr mit Vertretern des anderen Geschlechts, die nicht mit ihnen verwandt sind, reden oder sogar „Zärtlichkeiten“ wie einen Händedruck austauschen dürfen.

Wer das Händeschütteln und die Konversation oder gemeinsame Spaziergänge nicht lassen kann, riskiert Haft, Peitschenhiebe und die Todesstrafe.
Die Welt berichtet:

„Das ist eine furchtbare Regelung“, sagte Hussein Ali aus der Stadt Jowhar. „Ich fühle mich wie unter Arrest. Ich habe angefangen, die Begrüßungen weiblicher Bekannter zu ignorieren, um einer Bestrafung zu entgehen.“

Das Edikt der al-Shabaab wird auch in der Stadt Elasha durchgesetzt. Die Studentin Hamdi Osman sagte, Bewaffnete durchsuchten Busse nach alleinreisenden oder nicht angemessen gekleideten Frauen. Sie sei einmal verprügelt worden, weil sie ein traditionelles somalisches Kleid trug statt der langen, schwarzen und konturlosen Robe, die von den Kämpfern der Miliz bevorzugt wird.

Die neuen islamischen Gesetze betreffen insbesondere Frauen: Sie dürfen keine normalen Kleider mehr tragen nur noch schwarze konturlose Säcke Roben. Auch was darunter ist muss islamisch-korrekt sein: Büstenhalter sind verboten. Frauen dürfen außerhalb des eigenen Hauses nicht mehr arbeiten und riskieren ihr Leben, wenn sie ihre Kinder nicht verhungern lassen wollen. Als ebenfalls verboten gelten Kinofilme und Musik. Beliebte Maßnahmen zur Züchtigung der der Missetäterinnen sind „öffentliche Amputationen, Auspeitschungen und Steinigungen.“

Anm.: Das Thema „Scharia und Frauen“ ist „überraschenderweise“ weder Thema auf der Amnesty-Homepage, noch unter „Urgent Actions“ noch unter „Länderbericht Somalia“ zu finden. Das ist Amnesty wohl wie immer zufällig entgangen…

» info@amnesty.de




Arizona: Mann schießt auf US-Abgeordnete

In den USA ist die demokratische Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords (Foto) bei einem Anschlag angeschossen worden. Mehrere amerikanische Medien meldeten bereits ihren Tod, während andere ihren Zustand als kritisch bezeichneten. Ein 21-jähriger Mann sei bei einer Veranstaltung in der Stadt Tucson (Arizona) auf die Demokratin zugelaufen und habe das Feuer eröffnet.

Dabei seien außer Giffords noch 12 weitere Personen verletzt worden, eine davon tödlich. Der Attentäter konnte den Berichten zufolge festgenommen werden.

Die WELT berichtet:

Die 40-Jährige war im November 2010 wiedergewählt worden. Der Amokläufer rannte laut einem Zeugen zu Giffords und schoss der Politikerin aus einer Entfernung von 1,20 Metern in den Kopf. Außerdem schoss er auf umstehende Personen. Giffords wurde sofort in das nächste Krankenhaus gebraucht und operiert.

Laut der Sprecherin des Krankenhauses wurden noch neun weitere Personen dort behandelt, darunter ein Kind. Ihr Gesundheitszustand sei kritisch.

Im Anschluss an sein Verbrechen rannte der Täter weg, wurde aber von einem Besucher der Veranstaltung zu Boden gebracht. Die Polizei nahm ihn kurz darauf fest.

Der Schütze soll laut Zeugen etwa Anfang 20 sein. Die Augenzeugin Andrea Goodenan sagte dem US-Sender Fox News, es seien 15 Schüsse hintereinander abgefeuert worden.

„Unbeschreibliche Tragödie“

US-Präsident Barack Obama bezeichnete den Vorfall als „unbeschreibliche Tragödie“.

Der Präsident des US-Repräsentantenhauses, John Boehner, sagte: „Ich bin erschüttert von dieser sinnlosen Attacke auf die Abgeordnete Gabrielle Giffords und ihre Mitarbeiter.“ Weiter sagte Boehner: „Ein Angriff auf jemanden, der seinem Land dient, ist ein Angriff auf uns alle, die wir unserem Land dienen.“

Die 40-jährige Giffords ist mit dem US-Astronauten Mark Kelly verheiratet. Politische Themenschwerpunkte der Demokratin sind die Reform der Einwanderungspolitik, die Forschung an embryonalen Stammzellen, alternative Energien und ein höheres Mindesteinkommen.

» Quotenqueen: Attentäter ermordet Kind




Antisemitismus und Islamophobie – vergleichbar?

Joachim GüntnerEs wird immer wieder der Versuch unternommen, den Antisemitismus vergangener Jahrhunderte mit der seit einigen Jahren „grassierenden“ „Islamophobie“ zu vergleichen oder gar gleichzusetzen. Dabei wird einerseits übersehen, dass es sich beim „Antisemitismus“ um Antijudaismus handelt, denn er richtet sich ausschließlich gegen Juden, nicht jedoch gegen andere semitische Völker wie Malteser oder Araber. Andererseits wird unterstellt, Islamkritik sei eine Phobie, also eine „krankhafte, das heißt unbegründete und anhaltende Angst“.

(Von Eckhardt Kiwitt, Freising, PI München)

Es gibt sogar Leute, die Islamkritik, die mit dem Begriff „Islamophobie“ diffamiert und womöglich unterbunden werden soll, mit Moslemfeindlichkeit gleichsetzen, obwohl beides wahrlich nichts miteinander zu tun hat.

In der Neuen Zürcher Zeitung schreibt Joachim Güntner (Foto oben) dazu am 7. Januar 2011 unter der Überschrift „Die Herrschaft des Vorurteils“:

Als rechtsextremistische Brandanschläge 1992 in Mölln und 1993 in Solingen acht Mitglieder türkischer Familien töteten und weitere verletzten, sah man in ihnen Opfer ausländerfeindlicher Gewalt. Die Tat galt als rassistisch motiviert, religiöse Aspekte spielten keine Rolle. So hätten, wären sie danach gefragt worden, es wohl auch die Mörder gesehen: Ihre Brandsätze richteten sich gegen die ausgewählten Häuser, nicht weil darin Muslime, sondern weil darin Türken wohnten.

Ausländerfeindliche Gewalt ist klar und deutlich zu verurteilen, denn es kann nicht angehen, dass man jemanden wegen seiner Herkunft ermordet, wie Mord ohnehin und in jedem Fall – hoffentlich weltweit – unter Strafe steht.

Als jemand, dessen Verwandte von 1933 bis zur Befreiung 1945 in einem Lager im Osten von Dachau unter unsäglichen Umständen „mietfrei wohnen durften“ – obwohl sie sich keiner Tat schuldig gemacht hatten – und diese Zeit nur mit viel Glück überstanden haben, kann ich kein Verständnis für Ausländerfeindlichkeit oder für sonstige Menschenfeindlichkeit und somit Menschenverachtung aufbringen.

Interessant in Güntners Artikel in der NZZ vom 7. Januar ist die Aussage „religiöse Aspekte spielten keine Rolle“. Das war damals so und das muss auch heute gelten – auch nach 9/11, nach den Terroranschlägen von Bali, Madrid und London sowie den versuchten, aber misslungenen Terroranschlägen in Deutschland. Denn Mord ist, um es noch einmal deutlich zu sagen, niemals und durch nichts zu rechtfertigen! Zumindest nicht nach meinem Verständnis.

Aber Kritik am Islam?

Die hat spätestens seit den von Muslimen begangenen und religiös motivierten, oben erwähnten Massenmorden sowie seit dem Mord an Theo van Gogh deutlich zugenommen, haben sich die Attentäter doch jeweils auf ihre „Religion“ und ihre daraus resultierende Ablehnung unseres westlichen Lebensstils, unserer Freiheiten und der daran geknüpften Verantwortung des Individuums berufen.

Unter der Herrschaft des Islams kann es diese Freiheiten und diese individuelle Verantwortung nicht geben, wofür wir allerdings nicht „die Muslime“ verantwortlich machen können, denn sie sind Geiseln ihrer „Religion“, denen das dialektische Denken und das Geradeaus-Denken vielfach abtrainiert wurde.

Wie übrigens auch so manchem, der zwischen dem Islam als Ideologie einerseits und den Muslimen als Menschen andererseits nicht zu unterscheiden vermag, stellt dies doch möglicherweise eine intellektuelle Herausforderung dar, der vielleicht nicht jeder gewachsen ist.

Güntner zitiert den Zeithistoriker Wolfgang Benz, Leiter des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung:

«Die Wut der neuen Muslimfeinde gleicht dem alten Zorn der Antisemiten gegen die Juden.»

Den Gipfel des Absurden lieferte allerdings ein Kommentator hier auf PI vor einigen Tagen, als er zu einem meiner Gastbeiträge äußerte:

„Der Islam ist eine religiöse Gruppe.“

Folgt man dieser „Logik“, dann wären z.B. der Nationalsozialismus oder der Kommunismus jeweils polit-ideologische Gruppen – aber keine politischen Ideologien bzw. polit-ideologische Idiotien.

Fazit

Die Ursachen für die Islamkritik sind im Islam begründet und in seinen grundlegenden Schriften zu finden. Und ganz nebenbei bemerkt: Keine andere Religion steht so massiv in der Kritik wie der Islam.




Zaubern mit Zahlen: Sarrazin widerlegt?

Naika ForoutanMit dubiosen Methoden versucht die Berliner Politologin Naika Foroutan die Daten im Sarrazin-Buch als falsch und manipuliert zu entlarven. Sie selbst hat dabei keinerlei Skrupel, Zitate zu verdrehen und Statistiken manipulativ zu verwenden. Das Schlimmste dabei: der Berliner Tagesspiegel publiziert ihre »Studie« sogar noch unkritisch und die Humboldt-Uni bezahlt das Ganze indirekt mit.

(Von hgrberlin)

Eigentlich ist der Trick ziemlich alt. Wenn man jemanden widerlegen will, der aber einfach nur recht hat, dann greift man zu möglichst kompliziertem statistischen Material. Damit spielt man so lange herum, bis irgendwie das Gegenteil bewiesen erscheint. Der Trick dabei: Man hofft, dass niemand allzu genau hinsieht oder gar nachrechnet. In der Regel klappt das sogar. Das ist zwar wissenschaftlich gesehen unseriös, aber mittlerweile im sozialwissenschaftlichen Milieu eher der Standard. Hauptsache die ideologische Ausrichtung stimmt.

Und genau so ist auch diese Widerlegungsstudie gestrickt. Um klarzumachen, wie da manipuliert wird, hier ein exemplarisches Beispiel: Die Berliner Zahlenkünstlerin behauptet, dass mittlerweile 22,4 Prozent der Türken Abitur machen. Das wäre eine wirkliche Erfolgsbilanz. Denn in den siebziger Jahren waren es nur drei Prozent. Eine Steigerung um 800 Prozent meint die Dame hier errechnet zu haben. In Wirklichkeit sind es etwa zehn Prozent wie PI vor kurzem gezeigt hat. Sarrazin dagegen behauptet in seinem Buch angeblich, dass nur acht Prozent der Türken Abitur machen. Diese vermeintlich falsche Zahl widerlegt sie in ihrer »Studie“ mit statistischem Material. Wie unseriös sie dabei vorgeht, wird schnell klar. Es fängt schon damit an, wie aus dem Buch zitiert wird. Hier das angebliche Originalzitat aus dem Buch (Seite 286 unten 1. Auflage), so wie es in der Publikation von Frau Foroutan wörtlich übernommen wurde:

»Von den in Deutschland lebenden Menschen mit muslimischem Migrationshintergrund haben 30 Prozent überhaupt keinen Schulabschluss und 14 Prozent Abitur. Darunter haben bei denen mit türkischem Migrationshintergrund 27 Prozent keinen Schulabschluss und 8 Prozent Abitur.«

Interessant ist das Satzende. Da steht eindeutig ein Punkt. Siehe auch Original als Foto – Pfeil Ende:

Die Aussage Sarrazins erscheint klar so und unzweideutig und angreifbar. Und jetzt das Originalzitat aus dem Buch:

»Von den in Deutschland lebenden Menschen mit muslimischem Migrationshintergrund haben 30 Prozent überhaupt keinen Schulabschluss und 14 Prozent Abitur. Darunter haben bei denen mit türkischem Migrationshintergrund 27 Prozent keinen Schulabschluss und acht Prozent Abitur, wenn sie keine eigene Migrationserfahrung haben, erreichen neun Prozent keinen Abschluss und 12 Prozent schaffen das Abitur.«

Fällt Ihnen etwas auf? Genau! Der Original-Satz endet nämlich gar nicht mit „Abitur.“. Es geht noch weiter. Hier wurde nicht einfach nur das Zitat aus dem Zusammenhang gerissen, sondern sogar noch aktiv verstümmelt. Mit wissenschaftlicher Argumentation hat das natürlich überhaupt nichts zu tun. Entscheidend ist dabei, wie so inhaltlich manipuliert wurde. Sarrazin behauptet tatsächlich, dass acht Prozent aller Türken (Jung + Alt) in ihrem Leben das Abitur geschafft haben und das von den jüngeren Türken nur 12 Prozent bis zum Abitur kommen (Deutsche 34 Prozent).

Aber es geht noch weiter. Interessant ist, wie die angebliche Wissenschaftlerin, die 22,4 Prozent türkisches Abitur herbeigezaubert hat. Dazu wendet Foroutan gleich zwei Tricks an. Sie nimmt zum einen nicht nur das Abitur, sondern zählt einfach auch noch die Fachhochschulreife dazu. Und dann übersieht sie einfach kommentarlos, dass sich diese 22,4 Prozent nicht auf alle Schüler beziehen, sondern nur auf die, die die Schule nicht abgebrochen haben (siehe Pfeil Abbildung).

Bei den Türken brechen aber 20-30 Prozent die Schulausbildung ab. Als Sozialwissenschaftlerin weiß Foroutan natürlich, dass sie hier die falsche Zahlenbasis benutzt. Aber egal, wenn es der guten Sache dient, darf man die Wahrheit schon mal ein bisschen verbiegen.

Wenn man die gleiche offizielle Statistik dagegen korrekt liest, dann findet man, dass nur etwa 12 Prozent (15,5 Prozent abzüglich der Schulabbrecher) aller jungen Türken bis zum Abitur kommen. Und das ist genau das, was Sarrazin auch in seinem Buch beschrieben hat. Das Pamphlet der Berliner Zahlenkünstlerin ist übrigens im Internet auf der Homepage des Tagesspiegels immer noch abrufbar. Es ist eine Fundgrube für jeden, der noch Übungsbeispiele für den manipulativen Umgang mit Statistik und wissenschaftlichen Aussagen sucht.

» leserbriefe@tagesspiegel.de




Entlarvende TV-Serie über die Kennedys gestoppt

The KennedysTV-Serien über „Idealherrscher“ scheinen gegenwärtig weltweit die Gemüter zu erhitzen. Nach der Demontage von Sultan Süleyman (PI berichtete) sollte auch der ideale US-Präsident und Vorbild aller US-Demokraten John F. Kennedy Mittelpunkt einer nicht besonders schmeichelhaften Fernsehproduktion des History Channels über seine Familie werden. Doch dies haben die amerikanischen Linken noch vor der Ausstrahlung verhindert.

20 Minuten berichtet:

Historiker und demokratische Politiker wehrten sich gegen die achtteilige Familien-Saga. Der TV-Sender lenkt ein und legt die Serie nun auf Eis. Ein Sprecher teilte überraschend mit: „Nach Fertigstellung des Projekts entschied sich der „History Channel“, die acht Folgen nicht zu zeigen. Die schauspielerische und produktionstechnische Qualität ist zwar hoch. Nachdem wir aber das fertige Produkt gesehen hatten, entschieden wir uns, dass das Endresultat nicht zu unserer Marke passt.“

Das Drehbuch zu „The Kennedys“ stieß auf heftige Kritik. Liberalen Politikern und Kennedy-Historikern passte die Darstellung der Familie nicht. Der US-Filmemacher Robert Greenwald rief sogar eine Protest-Website ins Leben. Auf „stopkennedysmears.com“ warf er den Machern Rufmord vor.

Dennoch verschwindet die Serie nicht ganz ungesehen in der Versenkung: Die Firma Muse Entertainment sicherte sich die Film-Rechte außerhalb der USA und zeigt die Saga ab dem 6. März in Kanada.

Trailer zum Film:




Die Sauereien des Sultans Süleyman

SüleymanSüleyman, genannt „der Prächtige“ (Foto), war der 10. und berühmteste Sultan der in den letzten Jahren vom türkischen Regime so verherrlichten Osmanen, nach deren einstigem Großreich auch Erdogan strebt. Genauso berühmt wie Süleyman selbst sind jetzt jedoch seine „Sauereien“ geworden, die in einer TV-Serie über ihn aufgedeckt werden: Szenen mit Vielweiberei und Sklaven empören Muslime, türkische Nationalisten und Feministinnen.

Die Welt berichtet überraschend inkorrekt über die Abgründe des osmanischen „Idealherrschers“:

Die TV-Serie aber hat eine Welle der Empörung ausgelöst. Statt den Mythos zu verherrlichen, versucht sie zu zeigen, dass die Realität auch voller Ungerechtigkeiten war. Da werden Sklaven behandelt wie, nun ja, Sklaven; Haremsfrauen wie, nun ja, Haremsfrauen, also für fleischliche Liebe, und überdies fließt wahrhaftig Blut in einer Welt, in der das Schwert regierte.

Das alles sei aber ganz falsch, empörten sich darauf mehr als 5000 TV-Zuschauer, die gleich nach der ersten Episode am Mittwochabend Beschwerden bei der Aufsichtsbehörde RTÜK vorbrachten. Es blieb nicht bei Zuschauerprotesten: Selma Aliye Kavaf, Staatsministerin für Frauen und Familie, wies zwar darauf hin, dass sie die Trailer und die Serie selbst nicht gesehen habe, sie aber trotzdem schlecht finde: „Wir reden hier über ein Imperium, das 600 Jahre lang über drei Kontinente regierte. Es ist nicht richtig, Osmanen so zu schildern.“

Insbesondere beklagt die Staatsministerin für Frauen die erniedrigende Darstellung der Gespielinnen im Harem: Es sei falsch, in der Darstellung der Epoche so viel Gewicht auf den Harem zu legen (dessen 150 Frauen in der Regel zum Islam zwangsbekehrte christliche Sklavinnen waren). Denn das Osmanische Reich, so sagt sie, „war eine viel größere Struktur“.

Größter aller Sultane

Die islamisch orientierte Presse feuert aus allen Rohren und führt ganze Kompanien von Historikern ins Feld, die das Serienspektakel zerpflücken, und fordert ein Verbot der Süleyman-Soap. Die regierungsnahe Nachrichtenagentur Cihan zitiert etwa einen Historiker namens Beyazit Akman mit den Worten: „Eine Episode beginnt mit einem Schwert, dann geht es weiter mit Sklaven, die wie Tiere behandelt werden, und endet mit nackten Konkubinen.“

Das, so Akman, sei verwerflich, da die türkische Öffentlichkeit „gerade erst begonnen hat, sich mit der osmanischen Vergangenheit auszusöhnen“. Denn von der Gründung der säkularen Republik durch Staatsgründer Atatürk 1923 bis vor etwa zehn Jahren galt das osmanische Erbe eher als Fortschrittsbremse und war alles in allem verpönt.

Dieser Reality-Check gefällt all den Kreisen, die sich eine osmanische Renaissance wünschen natürlich überhaupt nicht. Wäre die TV-Serie eine westliche Produktion hätte man sie als imperialistisch-rassistisches Machtwerk abtun können, aber so viel Realitätssinn aus den Reihen der eigenen Nation, das tut wirklich weh.

Film „Das Prächtige Jahrhundert“, Teil 1:




Spionagelegenden: Tiere im Dienst des Mossad

In arabischen Zeitungen geistern in letzter Zeit immer öfter Legenden über Tiere im Dienst des israelischen Geheimdienstes umher. Obwohl diese Behauptungen nüchtern betrachtet absurd sind, erscheinen sie dem anti-israelischen Leser arabisch-muslimischer Herkunft offenbar als glaubhaft. Dennoch ließe sich an den Legenden einiges verbessern.

Die arabische Leserschaft glaubt, nach den Veröffentlichungen in den Zeitungen der Region zu urteilen, an den Mossad Hai und giftige Mossad-Quallen in Ägypten – die Quallen sind auch in Syrien im Einsatz. Er glaubt an giftige Schlangen, die angeblich von jüdischen Siedlern ausgesetzt werden, und wilde Siedler-Eber in den Palästinensergebieten. Er glaubt an Mossad-Eichhörnchen und Mossad-Kaninchen, die in den Iran eindringen, um für die Israelis zu spionieren (was angesichts der Nüsse in der iranischen Regierung kein schlechter Plan wäre). Er glaubt an den Mossad-Geier in Saudi-Arabien (PI berichtete).

In Ostjerusalem werden angeblich Ratten gegen Araber eingesetzt, ähnlich ihren mittelalterlich-europäischen Vorbildern. Daneben gibt es Geschichten über alle möglichen Säugetiere vom Mossad-Lama bis zur Mossad Antilope. Am den angeblich menschenfressenden Dachsen im Irak sind die Israelis ausnahmsweise nicht Schuld, für die werden die Briten verantwortlich gemacht.

Um die haarsträubenden Propagandalügen auch für den westlichen Antisemiten „Israelkritiker“ wenigstens etwas plausibler zu verpacken, rät Rubin Reports in einem satirisch-bissigen Bericht zu einigen Verbesserungen:

Lektion 1: Verwende aktuelle wissenschaftlich-erscheinende Lügen

Falsch: Behaupte, die Israelis verbreiten vergifteten Kaugummi.

Möglich: Behaupte, die Israelis vergiften Brunnen. Hat im Mittelalter funktioniert, aber nicht so richtig, als Suha Arafat es gegenüber Hilary Clinton behauptet hat.

Richtig: Behaupte, die Israelis feuern Phosphorbomben, um Leute in Gaza zu verbrennen und versetzen Tränengas mit Phosphor und Gift, so dass eine weit entfernte Frau getötet wird, während Demonstranten direkt neben dem Tränengas unverletzt bleiben. Immer noch Blödsinn, aber klingt wissenschaftlich.

Richtig: So wie’s die London Sunday Times gemacht hat: Sie berichtete, Israel hätte eine Bombe entwickelt, die nur Araber tötet. (Der Reporter, der das geschrieben hat, ist bei der Zeitung immer noch eingestellt.)

Lektion 2: Vermeide veraltete, offensichtlich antisemitische Bezüge und verwende stattdessen Sympathie erzeugende.

Falsch: Behaupte, Juden töten kleine Kinder, um ihre Mazzen zu machen. (Funktioniert in Saudi-Arabien noch, aber sonst nicht mehr.)

Möglich: Behaupte, die Israelis töten kleine Kinder, um ihre Organe zu verwenden. (Funktioniert in Schweden, im Iran, in Syrien und in der Türkei, aber nicht so richtig für den Großteil des Westens.)

Richtig: Behaupte, die Israelis würden kleine Kinder töten, auch wenn das Kind sich auf dem Video noch bewegt, wenn es angeblich schon tot ist, nirgendwo Blut zu sehen ist und es Dutzende von weiteren Widersprüchen gibt. (Ausgezeichnet! Die meisten Leute glauben immer noch, Mohammed al Dura wäre von Israelis ermordet worden, sogar nachdem ein französisches Gericht geurteilt hat, die Geschichte sei lächerlich.)

Lektion 3: Kenne dein Publikum und passe die Botschaft entsprechend an.

Arabisches/muslimisches Publikum: Die Israelis haben die Angriffe am 11. September durchgeführt. Gleichzeitig geht auch: Heldenhafte Muslime haben die Angriffe am 11. September als Teil des Krieges gegen Israel durchgeführt. Israel ist der imperialistische Staat der bösen Juden. Israel blockiert entweder a) den Erfolg des arabischen Nationalismus, eine radikale, anti-westliche Region aufzubauen oder b) den Erfolg des revolutionären Islam, eine radikale, anti-westliche, anti-christliche Region aufzubauen. Israel sollte von der Landkarte gefegt werden.

Europäisches Publikum: Israel ist ein amerikanischer Handlanger; Israel verletzt die Menschenrechte.

Westliches Mainstrream-Publikum: Israel verletzt die Menschenrechte.

Westliches liberales/sozial-demokratisches Publikum: Israel ist rechtsextrem.

Amerikanisches neofaschistisches, antisemitisches Publikum: Amerika ist ein israelischer Handlanger.

Westlich-jüdisches Publikum: Israel ist nicht perfekt. (Funktioniert unglaublich gut in vielen Kreisen.)

All dies könnte dazu beitragen, dass den arabischen Lügen über Israel, wenigstens eine minimale Glaubwürdigkeit zugestanden werden kann, auch wenn natürlich keinerlei Beweise vorliegen. Der Fantasie sind schließlich keine Grenzen gesetzt.

(Spürnase: Daniel Katz)




Stadtkewitz: Buschkowksy hat nicht immer Recht

Wollten gemeinsam DIE FREIHEIT aufbauen: René Stadtkewitz und Kirsten Heisig.Viel ist in den letzten Tagen über die Äußerung von René Stadtkewitz gegenüber dem Spiegel diskutiert worden, dass die verstorbene Jugendrichterin Kirsten Heisig das Zugpferd seiner neuen Partei DIE FREIHEIT hätte werden sollen. „Mir gegenüber hat sie über solche Pläne nie gesprochen“, so der Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky im Tagesspiegel und nannte die Darstellung von Stadtkewitz – dessen Partei er mit einer Sekte verglich – eine „Farce“, „absurd“ und „an den Haaren herbeigezogen“. Jetzt kontert Stadtkewitz: „Ich schätze Heinz Buschkowsky für sein offenes Wort. Dennoch hat auch er nicht immer Recht.“

In einem Interview mit dem Kopp-Verlag spricht der Ex-CDU-Politiker ausführlich über seine Gespräche mit Kirsten Heisig.

Auszug:

Redaktion: In einem aktuellen Spiegel-Artikel werden Sie damit zitiert, dass die Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig das Gesicht der von Ihnen gegründeten Partei »Die Freiheit« werden sollte. Wie kam es dazu?

René Stadtkewitz: Kirsten Heisig war nicht nur Jugendrichterin. Ihre Arbeit bezeichnete sie oft als Reparaturbetrieb. Sie meinte damit die Reparatur von Fehlern, die auf politische Entscheidungen – auch nicht getroffene Entscheidungen, das Wegsehen der Politik – zurückzuführen sind. Die Fälle, die sie beschäftigten, gingen ihr persönlich oft sehr nahe. So betätigte sie sich zusätzlich zu ihrem Richteramt als Sozialarbeiterin, hielt Vorträge und führte Interviews.

Vor einigen Jahren erlebte ich sie das erste Mal bei einem Vortrag im CDU-Ortsverband Alt-Pankow. Sie überzeugte mit ihrer Energie und ihrem festen Willen, die Dinge nicht einfach weiterlaufen zu lassen. Schon damals warb sie für ihr Modell, das später als »Neuköllner Modell« deutschlandweit bekannt wurde. Im Herbst 2009 lernte ich Heisig dann persönlich kennen, als ich sie gemeinsam mit Serap Cileli, Hartmut Krauss und Oda Dridi-Dörfel als Referentin zu einer geplanten Veranstaltung in das Berliner Abgeordnetenhaus einlud. Die Veranstaltung trug den Titel »Der Islam ein Integrationshindernis?«, wobei es darum ging, im Laufe der Veranstaltung das Fragezeichen zu lüften.

Ohne zu zögern sagte sie sofort zu. Leider scheiterte diese Veranstaltung an der fehlenden Unterstützung der CDU-Führung, als plötzlich teils ehemalige CDU-Funktionäre gegen diese Veranstaltung sturmliefen. Und dies, obwohl eine Woche zuvor bereits mehr als 340 Anmeldungen vorlagen. Nach dem Scheitern der Veranstaltung zog ich die Konsequenzen und trat aus der CDU aus.

Kirsten Heisig hatte von den Ereignissen, die zur Absage führten, nicht viel mitbekommen, da sie kurz zuvor ein paar Tage Urlaub nahm. Als sie nach ihrem Urlaub von meinem Austritt erfuhr, rief sie mich an und erklärte ihren Ärger über die CDU. Wir verabredeten uns zu einem persönlichen Gespräch. Zu diesem Zeitpunkt glaubte ich mit der Politik abgeschlossen zu haben und brauchte einige Zeit für mich.

Erst im Februar 2010 kam es dann zu einem ersten Gespräch. Anfang März trafen wir uns erneut, diesmal zum Mittagessen in Moabit. Wir unterhielten uns bis zum späten Nachmittag. Sie erzählte mir von ihrem Buch, das sie gerade in die juristische Prüfung gegeben hatte, um ganz sicher zu gehen. Sie sagte mir, es solle im August erscheinen. Später sollte sich die Veröffentlichung noch in den September verschieben. Sie berichtete auch von der Situation in ihrer Dienststelle, vom Mobbing und den Steinen, die ihr seitens ihrer Dienstherrin in den Weg gelegt wurden. Wir sprachen über den ehemaligen Berliner Oberstaatsanwalt Roman Reusch, der aufgrund seiner kritischen Äußerungen über Migration und Kriminalität die Leitung der Intensivtäter-Abteilung verlor. Heisig äußerte Befürchtungen, dass es ihr eines Tages genauso ergehen könnte.

Die mediale Öffentlichkeit betrachtete sie als Schutz und als Gefahr zugleich. Als Richterin agierte sie in einem großen Spannungsfeld. Auf der einen Seite ging sie selbst auf Medien zu, sagte bei einer Anfrage selten nein, auf der anderen Seite befürchtete sie, dass eines Tages Befangenheitsanträge erfolgreich sein könnten und sie dadurch in weitere Schwierigkeiten käme. Und dennoch wirkte sie nie verzweifelt, sondern strahlte eine Energie aus, die ansteckte. Mit dieser starken Frau am Tisch sitzend wurde mir schnell klar, dass es das Falscheste wäre, die »Flinte einfach ins Korn zu werfen«.

So erzählte ich ihr von den vielen Zuschriften, die ich nach meinem Austritt erhalten habe und von meiner Teilnahme als Erstunterzeichner der Aktion »Linkstrend stoppen«. Dann unterbrach sie mich mitten im Satz und sagte, dass sie sich auch über mich informiert habe. Sie sprach mich auf die damalige Bedrohungssituation und auf den Brandanschlag an, sie wollte nicht glauben, dass ich mich nach alledem nun einfach so zurückziehe. Deshalb fragte sie mich, was ich nun vorhätte. Ein wenig überrascht erklärte ich ihr, dass ich mir noch nicht sicher sei, aber nach zahlreichen Gesprächen nun darüber nachdenke, etwas Neues zu gründen. Längst zum »Du« übergegangen unterhielten wir uns nun über die politische Lage in unserem Land. Wir sprachen über die Notwendigkeit von Veränderungen, über die Trägheit der etablierten Politik und ihre Diskrepanz zum Volk, die den stetig ansteigenden Problemen gegenübersteht.

Und wir sprachen auch über den Islam, über türkisch-arabische Familienclans. Irgendwann fragte ich, ob sie denn nie darüber nachdachte, die Politik selbst in die Hand zu nehmen. Mich überraschte, dass sie anfangs zweifelte, dass sie für die Politik geeignet sein könnte. Aber ich konnte ihr erklären, dass sie längst in die Politik eingestiegen sei, ob sie es wollte oder nicht. Denn das, was sie machte, war Politik. Ihr Neuköllner Modell, das nach drei Jahren intensiver Arbeit gegen den Widerstand des Senates nun kurz vor der berlinweiten Umsetzung stand, ihre Auftritte im Fernsehen, ihre Interviews, ihr sozialer Einsatz, das alles war längst Politik. Das Wichtigste aber war, dass sie bei allem, was sie tat, eine enorme Glaubwürdigkeit verkörperte, die sie auch deshalb bei den Menschen so beliebt machte.

Sie erzählte mir, dass sie bereits Angebote erhalten hatte, eines davon, glaube ich mich zu erinnern, kam aus Hessen. Diese Angebote kamen sowohl von der CDU als auch von der SPD. Beide Angebote habe sie ausgeschlagen. Dann sagte sie: »Diesmal aber sage ich nicht nein.« Sie verspüre sowieso nicht viel Lust darauf, noch 19 Jahre als Jugendrichterin zu kämpfen, und sie sei sicher, dass ihr Buch eine Lawine, eine Welle der Empörung auslösen würde. An dieser Stelle wirkte sie fast unsicher. Einerseits freute sie sich spürbar und konnte die Veröffentlichung kaum erwarten, auf der anderen Seite war sie nicht sicher, welche Folgen die Veröffentlichung haben würde und ob sie der dann folgenden Auseinandersetzung gewachsen sei. Plötzlich fragte sie mich, ob sie dann noch für eine Kandidatur interessant sei, wenn sie anschließend medial und beruflich niedergemacht worden sei. Ich antwortete ihr: doch, und dann erst recht!

Redaktion: Wie hatten Frau Heisig sich die konkrete Zusammenarbeit vorgestellt und was wünschte sie sich?

René Stadtkewitz: Natürlich nicht so, wie in manchen Zeitungen zu lesen war. Kirsten Heisig wollte ganz sicher nicht eine Partei aufbauen. Jeder hätte das getan, was er am besten kann. Um einen Parteiaufbau hätte sie sich nicht kümmern müssen, sie wäre dann irgendwann als Spitzenkandidatin dazugekommen. Sie hätte die repräsentativen Termine wahrgenommen und ich mich in erster Linie um die Organisation gesorgt und durch meine Arbeit im Parlament ihre Auftritte ergänzt. Sie hätte nicht einmal Mitglied werden müssen.
Wenn man lange in Parteien tätig war, lernt man viele Menschen kennen. Man lernt auch solche kennen, die man besser nie kennengelernt hätte. Kirsten Heisig aber war so unwahrscheinlich natürlich, offen und meist humorvoll. Ihre Art machte es jedem leicht, sie zu mögen. Nach den Gesprächen, Telefonaten und zahlreichen SMS war ich mir sicher, dass wir gut zusammengearbeitet hätten. Ich bin davon überzeugt, dass sie sich Anerkennung wünschte. Sie hat viel Zeit, Kraft und Ausdauer in ihrer gesamten Arbeit investiert und – auch das haben die Gespräche gezeigt – sie war sich gar nicht bewusst, wie viele Menschen ihren Einsatz respektvoll bewunderten.

Redaktion: Und warum behaupten der Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky und andere nun, das könne nicht stimmen?

René Stadtkewitz: Ich schätze Heinz Buschkowsky für sein offenes Wort. Dennoch hat auch er nicht immer Recht. Kirsten Heisig berichtete mir, dass Heinz Buschkowsky einer der wenigen war, der sie stets unterstützte, auf den sie sich verlassen konnte. Ich bin sicher, sie mochte ihn. Dies bedeutet doch aber nicht, dass sie ihm alle Gedanken offenbart hat und schon gar nicht zu einem Zeitpunkt, wo das Projekt noch weit von einem Start entfernt war, sondern sich alles noch einer gedanklichen Phase befand. Ich weiß natürlich nicht, was sie ihm alles anvertraut hat und was nicht. Denn wenn sie ihm, wie er glaubt, alles erzählt hätte, warum hat dann Heinz Buschkowsky zum Beispiel die Mobbingsituation nie öffentlich gemacht, der sie ausgesetzt war? Ich denke, spätestens nach ihrem tragischen Tod müssen wir uns alle, die sie kannten, eingestehen, dass sie viele Geheimnisse offenbar niemanden oder nur ganz wenigen anvertraut hat und wir alle nicht in der Lage waren, die schwierige Situation, in der sie sich befand, zu erkennen und ihr zu helfen, wo sie Hilfe dringend gebraucht hätte. Die Gespräche mit ihr werde ich lange in Erinnerung halten, den Schmerz, ihr nicht geholfen zu haben, jedoch ebenso.

Im Interview äußert sich Stadtkewitz auch zu den wilden Spekulationen des umstrittenen Kopp-Autors Gerhard Wisnewski, der in einem Artikel Kirsten Heisigs Politik-Ambitionen als „Motiv für einen Mord“ ins Spiel brachte:

Wenn nun aber, wie auch auf dieser Website publiziert, über einen Zusammenhang zwischen ihrem Tod und ihren Überlegungen politisch aktiv zu werden spekuliert wird, dann schmerzt dies nicht nur sehr, sondern überschreitet eine moralische Grenze der Meinungsfreiheit. Wenn dann auch noch von einem Journalisten, der den Anschein erweckt, sich in einer Theorie verrannt zu haben, das Pentagon oder meine Reise nach Israel ins Spiel gebracht werden, dann graut es mir, wie das Ansehen dieser mutigen Frau mit den Füßen getreten wird.

Video vom September 2009: