Niko Colmer, Journalist und Libanon- und Syrienexperte, setzt sich mit seinem Werk „Terrorismus. Reale und fiktive Bedrohungen im Nahen Osten“ ausführlich mit den theoretischen und zeithistorischen Hintergründen des nahöstlichen Terrorismus auseinander. Doch leider steht sein Buch argumentativ auf ausgesprochen schwachen Füßen. So bemerkt der Autor zwar einen fundamentalen politischen und ideologischen Umbruch des Westens im Umgang mit islamischen Terrororganisationen, wie dieser konkret aussehen soll, erfährt der Leser jedoch nicht.

(Rezension von Werner Olles)

Sowohl in den USA und noch weitaus stärker in Europa herrscht gegenüber der terroristischen und imperialistischen Ideologie des Islam bis heute eine fast selbstmörderische Appeasement-Mentalität. Stattdessen müßte Colmer eigentlich detailliert aufzeigen, daß der islamische Terror theoriegeschichtlich und machtpolitisch eine Verlängerung des „Kampfes der Kulturen“ darstellt. Genau dies versäumt er jedoch, und das macht sein Buch neben anderen Merkwürdigkeiten so angreifbar.

Tatsächlich erwies sich die imaginierte Verabschiedung der westlichen Gesellschaften aus der Geschichte durch das Wiederaufleben ethnischer und vor allem religiöser Identitätsbildungen und deren nicht erwartete Geschichtsmächtigkeit, wie bereits Samuel Huntington und vor diesem Bernard Lewis richtig erkannten, als große Illusion. Anstatt pragmatischer Krisenbewältigung und der Übertragung eines politikwissenschaftlichen Realismus von der zwischenstaatlichen auf die interkulturelle Ebene, setzt der Westen bis heute auf Dialog. Die Erkenntnis, daß beispielsweise die nahöstlichen muslimischen „Zivilisationen“ – von Israel abgesehen, das jedoch gegen eine Übermacht von Feinden allein auf weiter Flur steht und als solches einen Sonderfall darstellt -, allesamt martialische Überlebensgemeinschaften und Kampfverbände sind und als solche eine natürliche Quelle der Gewalt innerhalb des Islam wie gegen Nichtmuslime, dringt daher nicht durch. Doch wird sich dieses Wegducken noch einmal als große Selbsttäuschung erweisen.

Colmer sieht dagegen in Europa und den USA ein Klima der Paranoia und Apokalytik, er kritisiert angeblich verblasene Verallgemeinerungen und hält die Terrorangst weitgehend für irrational. Dabei kann man ihm vielleicht noch folgen, wenn er konstatiert, daß wohl bei einigen Attentaten und Anschlägen dubiose Geheimdienste ihre Hände im Spiel hatten oder zumindest, wie beim 11.9., eine Ansammlung von Geheimdienstpannen waren. Und sicher sind auch die sogenannten – und im übrigen für den Ernstfall viel zu laschen – Überwachungs- und Antiterrormaßnahmen manchen Politikern gerade recht gekommen, dennoch ist dies für sich allein eine ziemlich dürftige Botschaft am Ende eines 184seitigen Buches.

Erschwerend hinzu kommen allerdings weitere gravierende Fehler. So gehörten die palästinensischen Attentäter, die 1972 während der Olympiade in München unter den israelischen Sportlern ein Blutbad anrichteten, nicht zur linksnationalistischen „Volksfront zur Befreiung Palästinas“ PFLP, sondern zum „Schwarzen September“ unter Führung von Jassir Arafats Stellvertreter und Sicherheitschef Abu Iyad in der El-Fatah. Die gesamte Planung der mörderischen Aktion lag in den Händen von hohen Fatah-Funktionären wie Abu Daoud. Mit der PFLP hatte keiner von ihnen etwas zu tun. Auch die Entführung der „Landshut“ im „heißen Herbst“ 1977 war keineswegs das Werk der PFLP, sondern der PFLP-SO (Sonder-Organisation), die sich unter Wadi Haddad zuvor abgespalten hatte. Doch Haddad, der wohl wichtigste und gefährlichste palästinensische Terrorchef der siebziger Jahre, der zugleich KGB-Agent war, kommt bei Colmer überhaupt nicht vor.

Über den von 1975 bis 1990 im Libanon tobenden Bürgerkrieg, der mehr als 110.000 Todesopfer forderte, schreibt der Autor beispielsweise, dieser habe „mit dem Ausbruch offener Feuergefechte zwischen der christlich-maronitischen Phalange-Miliz und palästinensischen und libanesisch-muslimischen Milizen“ begonnen. Realiter begann er jedoch am 13. April 1975, als im Beiruter Christenviertel Ain Rummaneh von einem palästinensischen Kommando eine Kirche beschossen wurde, in der Pierre Gemayel, der Führer der christlichen Kataib-Miliz, gerade einen Gottesdienst besuchte. Am Nachmittag übte die Kataib dann Vergeltung, in dem sie einen Bus mit PFLP-Leuten attackierte, die den Jahrestag des blutigen Anschlags von Kyriat Shmone gefeiert hatten, bei dem von den palästinensischen Terroristen in einem Mietshaus 18 israelische Zivilisten, darunter acht Kinder brutal ermordet wurden. Dies war der wahre Auslöser für den Bürgerkrieg, der in den folgenden 15 Jahren große Teile des Landes weitgehend zerstörte, vor allem die Innenstadt Beiruts. 80 Milizen, die entweder die konfessionell-politischen Lager repräsentierten oder die Interessen der Terrorstaaten Syrien und Iran in der Region wahrnahmen, schossen hier aufeinander.

Dieser Bürgerkrieg war auch die Geburtstunde der Hizbollah, der „Partei Gottes“, die eine rein iranische Gründung war. Geld, Waffen, Logistik und sogar Ausbilder wurden von den Mullahs gestellt, doch auch darüber liest man bei Colmer nichts. Stattdessen tadelt er die „Mainstream-Medien“, die im Libanon eine „Brutstätte des Terrors“ sehen und den Westen, weil dieser den Dialog mit der „Hizbollah“ verweigert. Denn die wolle ja längst nicht mehr Israel vernichten, sondern eine „Ein-Staaten-Lösung“, bei der Juden, Christen und Muslime gleichberechtigt in einem Staat zusammenleben. Ähnlich positiv und unglaublich naiv fällt auch sein Urteil über die Hamas aus. Doch ist es eine Sache die diversen Terror-Gruppen im Nahen Osten samt ihrer politischen Programmatik wissenschaftlich zu analysieren. Eine andere Sache ist es jedoch sich von ihren Propagandamythen überwältigen zu lassen und die Schuld für die islamische Kultur des Terrors und der Gewalt einmal mehr Israel und dem Westen anzulasten. Ganz so einfach sollte man es sich dann doch nicht machen, wenn man als Nahost-Experte ernst genommen werden will.

» Niko Colmer: Terrorismus. Reale und fiktive Bedrohungen im Nahen Osten. Ares Verlag, Graz 2010. 184 s., 19,90 Euro

image_pdfimage_print

 

9 KOMMENTARE

  1. Islam oder Freiheit…eine andere Revolution kann es weder hier noch südlich des Mittelmeer geben…alles andere führt in die Sackgasse

  2. Dieser gute Artikel hat mir die Tragik des Libanon mal wieder ins Gedächtnis gerufen.

  3. und in Baden-Württemberg hat die Grün-Rote-Regierung nichts besseres zu tun als erst mal ein neues Ministerium für Integration aus dem Boden zu stampfen!

  4. Guter Artikel – aber dafür haben wir ja jetzt den „arabischen Frühling“.

    Fatah, also die ehemalige PLO verbrüdert sich mit Hamas, die Türkei und der Iran gratulieren dazu, Syrien darf ungehindert weiter seine eigenen Leute morden, während in Libyen fast schon bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen und Ägypten begräbt den Frieden mit Israel. Was wollen wir mehr.

    http://aro1.com/camp-david-ist-vorbei-der-in-umfragen-fuehrende-aegyptische-praesidentschaftskandidat-amer-mussa/

Comments are closed.