Ein Leben für die Heimat und Freiheit: Im Mailänder Prozess wurde Sepp Mitterhofer zu zwölf Jahren verurteilt, von denen er acht Jahre im Kerker verbüßen musste. Weder Folter noch Haft konnten ihn brechen.

Von REYNKE DE VOS | Man nennt sie, die der Volksmund „Bumser“ hieß, gemeinhin Aktivisten des BAS (Befreiungsauschuss Südtirol), mitunter auch Widerstandskämpfer. In den Augen von Italienern und leider auch von Antifa-Zeitgenossen sowie Italophilen, wie sie nicht selten auch in ihrer Heimat zu finden sind, waren/sind es – milde ausgedrückt – Attentäter, im politisch-korrekten italo-römischen Jargon indes Terroristen. Ich hingegen scheue mich nicht, sie so zu nennen, wie sie sich selbst sahen und von heimatbewussten deutsch-österreichischen Patrioten als solche erachtet werden – Freiheitskämpfer.

Sepp Mitterhofer, der unlängst im 90. Lebensjahr verstorbene Obstbauer vom Unterhasler-Hof in Meran-Obermais, war deren einer der letzten, die sich einst mit dem legendären BAS-Gründer Sepp Kerschbaumer, einem Greißler und Kleinbauern aus Frangart, zusammengetan hatten, um in konspirativen Klein- und Kleinstgruppen daran mitzuwirken, die Welt(öffentlichkeit) auf die vom „demokratischen“ Nachkriegsitalien in nach wie vor totalitärer Gebärde sowie partiell fortgeltender faschistischer  (Un-)Gesetzlichkeit betriebene Entnationalisierung  ihrer Heimat aufmerksam zu machen. Rom hatte trotz der zwischen seinem Regierungschef Alcide DeGasperi und dem österreichischen Außenminister Karl Gruber 1946 in Paris vereinbarten Autonomie-Übereinkunft für das seit  dem (Unrechts-)Vertrag von Saint-Germain-en-Laye 1919 Italien zugesprochene südliche Tirol, dem die Siegermächte sowohl nach dem unglückseligen Ersten Weltkrieg, als auch nach dem verhängnisvollen zweiten Weltenbrand die Selbstbestimmung verweigert hatten, die unter Mussolini ins Werk gesetzte systematische Italianisierung des Landes zwischen Brenner und Salurn unablässig fortgeführt. Erbarmungslos ließen die Bozner Statthalter der italienischen Staatsmacht die angestammte Bevölkerung partiell unterjochen.

Die Aktivisten des BAS verlangten, worauf kein Geringerer als Sepp Mitterhofer in vielen seiner späteren öffentlichen Mahnrufe stets hinwies, nämlich die Ausübung des Selbstbestimmungsrechts durch den in einen wesensfremden Staat gezwungenen Tiroler Volksteil. Sie wandten sich in Wort und ersichtlicher wie vernehmbarer Tat – woran es den meisten seiner Volksvertreter  aufgrund realpolitischer, von Rom bestimmter Fakten und Maßnahmen zwangsläufig, zum Teil aber auch aus einer gewissen Selbstfesselung mangelte – gegen die römische Verfälschung jenes Gruber-DeGasperi-Abkommens, worin den Südtirolern die Selbstverwaltung ihrer Angelegenheiten in Form einer statuarisch festgelegten Landesautonomie zugestanden worden war.

Hatten die BAS-Akteure zunächst noch die Hoffnung, dass sich nach der machtvollen Demonstration von 30.000 Südtirolern auf Schloss Sigmundskron 1957 und mehrmaligen Vorstößen Wiens – so der Intervention des damaligen Außenministers Bruno Kreisky vor den Vereinten Nationen zugunsten der Südtiroler 1960/61 – die starre Haltung Roms ändern könnte, so sahen sie sich alsbald getäuscht. Die Geduld wich daher zugunsten der Tat der idealistischen Kämpfer des BAS. Ihr „großer Schlag“, das Sprengen von annähernd 40 Strommasten in der sogenannten „Feuernacht“ (11. auf 12. Juni 1961) – allein Sepp Mitterhofer und seine Kleingruppe hatten deren zehn mit Zündern und Sprengstoff „geladen“ – wurde nicht nur im weiten Rund um Bozen sowie an Eisack und Etsch, sondern weit darüber hinaus gehört. Nicht zuletzt dieses Fanal der Verzweiflung gab – wider anderslautende Auffassungen, Deutungen und geschichtspolitische Interpretationen – den Anstoß für Verhandlungen der beteiligten Konfliktparteien, woraus schließlich das zwischen 1969 und 1972 staatsrechtlich inkraft gesetzte neue Autonomie-Statut hervorging, auf dessen Grundlage die heutige (gesellschafts)politische Verfasstheit Südtirols ruht.

Bis es soweit war, begleiteten zahlreiche Rückschläge den Verhandlungsprozess zwischen Wien sowie Bozen und Rom. Und die BAS-Aktivisten durchlitten ein von der italienischen Staatsgewalt legitimiertes Purgatorium, das wider die Menschenrechte verstieß und eines demokratischen Rechtsstaates gänzlich unwürdig war. Südtirol wurde in Belagerungszustand versetzt und von Sicherheitskräften förmlich überzogen, sodass mehr als 20.000 Soldaten, Carabinieri sowie Spezialisten der Geheimdienste den verhängten Ausnahmezustand zu gewährleisten und jede „feindliche Regung“ zu unterdrücken hatten. 150 Freiheitskämpfer des BAS wurden als „bombardieri“ beziehungsweise „terroristi“ inhaftiert, die meisten von Angehörigen einer Spezialeinheit gefoltert, denen Italiens Innenminister Mario Scelba die „Carta bianca“ für ihr barbarisches Tun erteilte.

Sepp Mitterhofer, der Obstbauer und Vater von vier Kindern aus Meran-Obermais, war unter den Gefolterten. In einem aus dem Gefängnis geschmuggelten, an Landeshauptmann Silvius Magnago gerichteten Brief hat er das Unfassbare geschildert, das er erleben musste. Einige Auszüge: „Im Ganzen musste ich zwei Tage und drei Nächte strammstehen ohne etwas zu Essen, Trinken und zu Schlafen. […] Mit Fußtritten wurde ich an den Füßen und am Hintern bearbeitet und auf den Zehen herumgetreten. [….] Am meisten geschlagen wurde mir ins Gesicht, dass ich so verschwollen wurde, dass ich später nicht mehr den Mund aufbrachte zum Essen. Die Arme wurden mir am Rücken hochgerissen, dass ich laut aufschrie vor Schmerz. Einmal musste ich mich halbnackt ausziehen, dann wurde ich so lange mit Fausthieben bearbeitet bis ich bewusstlos zusammenbrach. […. ] Öfters musste ich stundenlang vor brennende Scheinwerfer stehen und hineinschauen bis mir der Schweiß herunter rann und die Augen furchtbar schmerzten. Man zog mich an den Ohren und riss mir Haare büschelweiße vom Kopf. [… ] Der Rücken musste glatt an der Mauer angehen, kaum, dass ich mich rührte oder mit den Zehenspitzen etwas herausrutschte, so schlug mich ein Carabiniere der vor mir stand, mit dem Gewehrkolben auf die Zehen oder auf den Körper.“

Eine Reaktion von Seiten des Adressaten blieb aus.

Wie anderen BAS-Aktivisten wurde auch Mitterhofer in Mailand der Prozess gemacht. Das Urteil lautete auf zwölf Jahre Gefängnis. Die Verurteilten wurden auf verschiedene Haftanstalten verteilt.  BAS-Gründer Kerschbaumer verstarb während des Strafvollzugs in Verona. Seine und Mitterhofers Mitstreiter Franz Höfler (aus Lana) und Anton Gostner (aus St. Andrä bei Brixen), Vater von fünf Kindern, ließen ihr Leben in unmittelbarer Folge von Folter-Torturen in Kasernen von Meran beziehungsweise Brixen und Bozen.  Es erscheint mir eine denkwürdige Koinzidenz – wenn nicht eine metaphysisch-überirdische Fügung – zu sein, dass Sepp Mitterhofer just in den Stunden verstarb, da man Höflers vor 60 Jahren erlittenen Foltertods in Südtirol gedachte.

Nach sieben Jahren und elf Monaten Gefängnisaufenthalts war Mitterhofer entlassen worden. Folter und Haft hatten ihn ebensowenig brechen können wie ihn die davongetragenen gesundheitlichen Schäden und lebenslangen Beeinträchtigungen nicht verbitterten. Im Gegenteil: Er setzte sich erfolgreich für die ehemaligen politischen Häftlinge ein. Mit Beistand namhafter Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens konnte dank unermüdlichen Einsatzes die Löschung der Hypotheken des italienischen Staates, welche auf dem Besitz ehemaliger politischer Häftlinge lasteten, und deren Wiedererlangung der bürgerlichen Rechte erreicht werden. Sepp Mitterhofer führte auch unerschütterlich den Kampf für Freiheit und Einheit Tirols mit politischen Mitteln weiter und übernahm den Vorsitz im Südtiroler Heimatbund (SHB), an dessen Gründung er zusammen mit anderen ehemaligen politischen Häftlingen beteiligt gewesen war.

Ziel des SHB ist „die Durchsetzung des seit 1919 verwehrten Selbstbestimmungsrechts, das die Entscheidung über die Wiedervereinigung des geteilten Tirol bis zur Salurner Klause zum Gegenstand hat. Die angestrebte Wiedervereinigung soll entweder durch einen einzigen Volksentscheid oder durch schrittweisen Vollzug verwirklicht werden.“ Der „politische Arm“ des SHB, die oppositionelle Bewegung SÜD-TIROLER FREIHEIT, deren Mitgründer er war, vertritt dieses Ziel im Südtiroler Landtag und in allen öffentlichen Auftritten gemäß Sepp Mitterhofers Credo, wonach „Süd-Tirol nicht Italien“ ist und dass allein das ursprüngliche Ziel „Los von Rom“ das 1919 gesetzte historische Unrecht auslöschen könne.

Diesem großen Sohn Tirols ist weder von den Institutionen der beiden Landesteile in Bozen und Innsbruck, noch von denen Österreichs, dessen politische Repräsentanten in Sonntagsreden Südtirol stets „eine Herzensangelegenheit“ nennen, jemals eine formelle Würdigung für seinen heimattreuen Lebenseinsatz zuteil  geworden. Auch blieb ihm – aus politischer Rückgratlosigkeit und weil das meist „ausgezeichnet“ genannte österreichisch-italienische Verhältnis nicht getrübt werden sollte – ein offizieller Ehrerweis versagt. Dies nenne ich eine erbärmliche Schande.

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14 KOMMENTARE

  1. Tut mir leid, aber das mußte einfach raus. Ansonsten betrachte ich den Freihatskampf der tapferen Südtiroler mit Respekt und Bewunderung. Wir sollten ihn uns zum Vorbild nehmen!

  2. Danke für diesen Beitrag! Um das alles zu verstehen, muss man sich das Denken vieler Italiener vorstellen, die von 1919 bis ca. 1970 Südtirol als eine Art Kolonie sahen, in der rückständige Bergler lebten, die einfach im Weg waren. Sie verstanden nichts, respektierten die deutsche Kultur der Südtiroler nicht. Man drangsalierte die Südtiroler, verbot die Sprache, erzwang sogar die Änderung deutscher Nachnamen. Tolomei, der fanatische Vorkämpfer für die Italianisierung Südtirols, unter Mussolini hochgeachtet und auch nach 1945 noch aktiv, ließ sich mit dem Gesicht Richtung Norden begraben, um „zu sehen, wie der letzte Südtiroler über den Brenner fortgejagt wird“, wie er in seinem Testament erklärte. Es klappte nicht: Sein Grab wurde gesprengt.
    Es gab einzelne Italiener mit Sympathie für Südtirol, z. B. der Präsident Cossiga, ein Sarde und Anhänger der sardischen Autonomie. Er schlug eine Volksabstimmung vor, vergebens.

  3. Chapeau! und meine vollste Verachtung an diese widerlichen Folter-Sadisten!

    Ihr Ziel haben Sie zumindest bei ihm nicht erreicht.

  4. Ich kann mich gut an unsere Urlaube in Südtirol zurückerinnern! Die Einheimischen waren mir schon immer sympathisch! Sie wollten dort früher (in der Vor-Merkelzeit) nicht zu Italien gehören!
    Da gab es doch früher diese blauen “ FREIHEITS-SCHUERZEN“!
    Ich habe mir auch eine gekauft!“
    „Südtiroler Freiheit Schürze der Bauern“
    https://www.suedtirol-tirol.com/geschichte-brauchtum/blaue-schurz/

    Dort steht:“ Nach der Teilung Tirols und besonders nach dem Ende des Faschismus wurde der blaue Schurz auch zum politischen Symbol.Mit ihm zeigte man die Zugehörigkeit zur deutschen Sprachgruppe.“………..

  5. Sehr interessant. Was für ein Leben! Aber nein, Helden sind nur Leute wie Nelson Mandela – wo bitte ist der Unterschied?

  6. Jeder, der sich gegen ungeliebte, aufgezwungene Regime zur Wehr setzt, ist ein Freiheitskämpfer und bleibt ein Freiheitskämpfer.

  7. In frueheren Jahren standen stets bei Unrechtstaten von aussen oder innen, wie es heute in D der Fall ist,
    Patrioten des Landes auf und sammelten sich um dem entgegenzutreten.
    Heute in Zeitalter der Medien – Fernsehen – Radio wird einfach die Stimme der Freiheit ausgeschlossen, todgeschwiegen, grundlos infam angefeindet, wie es mit der demokratischen Partei AfD seit Jahren geschehen ist.
    Das sind Methoden, fuer die Merkel ihre Stasispezialisten das Konzept schreiben lies, undemokratisch, schandbar und nur durch das grundgesetzwidrige Medienmonopol des Staates d.h. der auf links/gruen/globale Linie gebrachten zwangsfinanzierten ARD, ZDF und saemtliche kleineren Sender, teils privat, die sich allesamt der vorgegebenen Meinung verschreiben mussten, ansonsten Stillegung.

    Nur wenn es gelingt, dieses Monopol aufzubrechen, einen Sender der Freiheit die wahre Meinung verkuenden kann, steigen die Chancen, auf parlamentarischen WEge diesen DDR Clon die Luft zu nehmen, ansonsten sollte man m.E. auf ausserparlamentarische Aktionen-Massnahmen greifen, die diesem Treiben der Altparteien momentan der Ampel ein jaehes Ende setzen.

    So kann es nicht weitergehen, dass ungesetzliche Anwendung von nicht gerechtfertigter Brutalitaet und Gewalt der Staatsorgane, bes. in Berlin, Leipzig inzwischen auch in Soedolfs Bayern quasi. flaechendeckend, die Deutsche Bevoelkerung auch noch auf diese Art mundtod und fertig gemacht wird,

    waehrend zunehmend Freizeitvergnuegen nach Art der Moslems toleriert wird, kleingeredet, mit Zuckerguss serviert und Layen und Richter schnell mit der Ausrede „Im Zeitpunkt der Tat nicht zurechnungsfaehig“ ihre Kumpanen in der Zerstoerung der D Gesellschaft Kultur aus der Schusslinie ziehen, nach einigen Wochen in der Psychatrie Klinik die Verbrechen sich wieder in Freiheit tummeln, bereit zum naechsten Streich.

  8. Südtirol annektieren für die NATO-Nutten ok. Kosovo annektieren OK. Krimm zurück zu Russland? Oh, oh…

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