Warum laufen den sogenannten Volksparteien scharenweise die Mitglieder davon? Was unterscheidet einen Jürgen Rüttgers von einem Sigmar Gabriel? Nichts, finden Dirk Maxeiner und Michael Miersch. Politiker von heute sind wie geklont, in allen Parteien gleich und vollständig resistent gegenüber Ideen und Gestaltungswillen.

Die vorderen Teile der Wochenmagazine lesen wir immer seltener. Auch die ersten Seiten der großen Tageszeitungen überspringen wir häufig. Wenn wir irgendwo auf ein Politikerinterview stoßen, blättern wir um – mit dem Gefühl, nichts Wichtiges zu versäumen. Sonntags meiden wir Nachrichtensendungen, weil sie größtenteils aus Sprechblasen bestehen, die Politiker von sich gegeben haben, um am Wochenende ins Radio oder ins Fernsehen zu kommen. Größere Bildungslücken sind dadurch bisher nicht entstanden. Immer weniger Menschen in unserem Freundeskreis fühlen sich einer Partei zugehörig. Die meisten wählen mal diese, mal jene und begründen es mit dem jeweils „kleineren Übel“.

Die Erosion der Volksparteien ist im vollen Gange. Jahr für Jahr treten Zehtausende aus. Das Durchschnittsalter der verbleibenden Mitglieder steigt rapide. In der CDU liegt es mittlerweile bei 55,3 Jahren. Da könnten wir beide noch als knackige Nachwuchspolitiker durchgehen. Dennoch bleiben wir lieber Senior-Kolumnisten, denn unsere Erfahrungen mit der Parteienkultur sind nicht gerade inspirierend.

Der Journalistenberuf bringt es mit sich, dass wir von Zeit zu Zeit auf Parteitage oder ähnliche Veranstaltungen geraten. Dort merkt der Außenstehende schnell: Er betritt ein Biotop, das besondere Lebensformen hervorbringt. Als Erstes fällt auf, dass die meisten Anwesenden sehr ähnlich wirken. Egal ob Aktionäre, Zahnärzte oder Angler: Jede andere Gruppe wirkt bunter und vielfältiger. Offenbar sind in Parteien Kräfte am Werk, die einen bestimmten Typus hervorbringen. Leute, die einen unwillkürlich an jene Mitschüler erinnern, die sich freiwillig zum Tafeldienst meldeten.

Dieses Klonhafte wurde in den letzten Jahren immer augenfälliger. Schon in den Jugendorganisationen begegnen einem die typischen Parteiwesen in so großer Zahl, dass man manchmal glaubt, es gäbe einen geheimen Ort, wo man sie züchtet. Wahrscheinlich ist es aber wie mit den Zeitschriften am Kiosk. Die sehen auch immer ähnlicher aus, seit sie nicht mehr aus einer Idee geboren, sondern von Marketingexperten als Werbeumfeld konzipiert werden. Genauso ist es wohl bei der Herstellung jenes Menschentyps. Wenn man Überzeugungen entfernt und die Leerstelle mit Umfrageergebnissen füllt, kommen eben Sigmar Gabriel oder Jürgen Rüttgers dabei heraus. Wenn trotzdem mal einer durchflutscht, der nicht umfragesüchtig und medienhörig ist, wird er glatt geschliffen. Fraktionspeitsche und Karrierezuckerbrot machen aus fast jedem Individuum auf Dauer einen Replikanten.

Es gab mal eine Zeit, da gaben Parteien Orientierung bei der Suche nach einer besseren Zukunft. Das haben sie lange aufgegeben. Ihre Betriebsamkeit erschöpft sich darin, zunächst gesellschaftliche Trends zu ignorieren, ihnen dann hilflos zuzusehen und schließlich mit viel Getöse anzuerkennen, dass es ist, wie es ist. Nichts, was die Welt in jüngerer Vergangenheit bewegte, hatte irgendetwas mit Parteiprogrammen zu tun. Auch soziale Umwälzungen fanden ohne Parteien statt. Die deutsche Revolution von 1989 war ein völlig ungeplanter Bürgeraufstand. Als die Sache erledigt war, gingen die Bürger wieder nach Hause und ließen keine Organisation zurück.

Die Volksparteien werden ihr weiteres Schrumpfen nicht durch PR-Kampagnen verhindern können. Sie irren fundamental: Nicht die Menschen, die ihnen weglaufen, werden unpolitisch. Sie selbst sind es geworden. Sie haben jeden Anspruch auf Gestaltung aufgegeben. Mut- und ideenlos kann jedoch jeder für sich allein sein, dazu braucht niemand eine Partei.

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16 KOMMENTARE

  1. Wer keine Wahl zwischen den Inhalten hat, warum soll der wählen? Inzwischen sind alle grossen Parteien für Umweltschutz, soziale Gerechtigkeit, Freiheit, Abbau des Sozialstaates(Reformen), jede Menge Einwanderung(Weiss der Kuckuck warum?) und die Verteidigung der Interessen internationaler Unternehmen mit deutscher(?) Beteiligung mit militärischen Mitteln. Die sogenannten Volksparteien jedenfalls. Sie unterscheiden sich nur noch in Nunancen. Und die Herauszufinden, bedarf eines geschulten Gaumens und sehr viel Zeit. Darf es zur Migration mehr Oregano oder Zimt sein? Leider reicht das Parteitagstrara „Wir sind die bessere SPD!“, „Wir sind die christlichere CDU!“ nie bis in den Bundestag. Zwar isst das Auge bei den Wahlen stets mit aber wenn die Suppe, die jede Partei ihrem Wähler einbrockt, doch immer aus denselben Zustaten besteht, die auch der Konkurrent verwendet, wozu dann noch wählen, wenn die Wahl nur zwischen essen oder nicht essen besteht. Ich glaub, dahinten gibt es echte Thüringer Röstbratwürste. Immer dieselbe Suppe bin ich leid. Mahlzeit.

  2. Die SPD wollte ja noch nie etwas verändern, das ist ja seit Menschengedenken so… enttäuscht bin ich auch eher von der CDU/CSU. Bei Stoibers Reden vor Heimpublikum habe ich mir schon manchmal gedacht: „Wow, gar nicht schlecht was der da sagt.“ Aber die Resignation folgt schleichend, nämlich dadurch, dass trotz geflügelter Worte nichts geschieht…

  3. Als ich das Bild sahe, da dachte ich sofort auf d. Politiker bezogen dass es noch gut dass sie Windeln an haben, da das was sie tun wohl stinkt, doch zu mindest noch nicht so flüssig…..

    Aber da kann man eben nicht nur auf die deutsche Politiker beziehen, sondern auf die ganze Weltgemeinschaft, was nicht heißen soll, dass diese auch nur eine entlastet nur weil die anderen auch so tun….

    Tiqvah Bat Shalom

  4. Ich glaube nicht, dass es sinnvoll ist die „schuld“ allein auf die Politiker abzuwälzen.
    In meinen Augen sind unsere heutigen gewählten Abgeorndeten lediglich ein Spiegelbild der Gesellschaft.
    Die Mehrheit der Bürger erwartet, dass sich die Politiker aller Parteien einigen um die Probleme des Landes zu lösen. Ähnlich wie dies in einer Familie ist.
    Die Folge ist die Suche nach Konsens und kleinsten gemeinsamen Nennern.
    Die Parteien werden sich dadurch zwangsläufig ähnlicher.
    Streit und unterschiedliche Meinungen werden in der Regel als Krise wahrgenommen.
    „Schuld“ hat in meinen Augen unser überholtes Grundgesetz, dass 1990 zu einer Verfassung geändert hätte werden müssen.
    Dieser historische Zeitpunkt wurde verschlagen.
    Deutschland rennt seit dem Entwicklungen, egal ob politischer oder wirtschaftlicher Natur, immer nur noch hinterher.
    Die Medien versagen völlig. Sie sind entweder Knechte des Mainstreams oder des Trashs.
    Politischer Diskurs ist auf das mediengerechte Sprechblasenniveau von Christiansen und Illner geschrumpft.
    Aussichten? Düster.

  5. Demokratie funktioniert nur, wenn möglichst viele sich daran beteiligen. Alle paar Jahre wählen zu gehen reicht eben nicht aus.

    Wen die Politik so über alle Maßen aufregt, der sollte sich mehr engagieren. Sprich in einer Partei aktiv mitarbeiten, ggfs.dort aufsteigen und somit gestalten. Oder eine neue Partei gründen.

    Da sich aber die meisten Menschen völlig in ihr Privatleben zurückgezogen haben, wird die Demokratie immer schwächer. Das ist nur eine logische Konsequenz und nicht Schuld der Politiker. Ich hatte schon mal an anderer Stelle erwähnt, daß in einem demokratischem System jedes Land die Politiker hat, die seine Bürger verdienen.

    Kurz zusammengefasst, entweder sollte man sich aktiv betätigen oder mit der beliebten Politikerschelte ein wenig zurückhalten. Es ist sehr bequem ständige über die Politiker zu jammern. Wer in einer Partei aktiv ist wird lernen, daß sich manche Sachverhalte bei näherem Hinsehen nicht so einfach darstellen, wie man sie gerne hätte.

  6. „Egal ob Aktionäre, Zahnärzte oder Angler: Jede andere Gruppe wirkt bunter und vielfältiger.“

    hier irren m&m und johann friedrich hat recht. die politiker sind ein spiegelbild der gesellschaft, und auch zahnärzte und angler sind sich immer ähnlicher. das gilt besonders auch für journalisten, kindergärtnerinnen und lehrer. besonders letztere waren zu meiner schulzeit noch ein sammelsurium schrulliger seltsamkeiten, aber jeder anders, und damit ein ideales versuchsfeld für kinder und jugendliche, um einen eigenen standpunkt und einen persönlichen weg durch die untiefen der realität zu erkunden. wer meinem physiklehrer vorwarf, ungerecht behandelt worden zu sein, erhielt als antwort: “ die schule soll euch auf das leben vorbereiten, und das leben ist nunmal ungerecht“. natürlich gab s auch andere, die sich besonders um gerechtigkeit,oder was die sich darunter vorstellten, bemühten. da war eine bunte und widersprüchliche welt, wie individuen sie brauchen, um zu reifen.
    heute gibt es nur noch gerechte langeweiler. schlimmer noch: bevor kinder überhaupt einen eigenen standpunkt entwickeln können, werden sie angehalten, alle möglichen anderen standpunkte einzunehmen, abzuwägen und argumentativ zu verteidigen. polemik, als natürliche haltung der überzeugung vom eigenen standpunkt, die selbstverständlich beinhaltet, den standpunkt des anderen für falsch, ja selbst für dumm zu halten, ist verpönt. die folgen der erziehug im einheitsbrei des untergehakten mittelmasses, die nach der schule von den medien weitergeführt wird, sind erheiternd:
    zuschauer, die in livesendungen anrufen, um ihre meinung zu äussern, verunfallen bei den ungelenken versuchen, ein allen standpunkten gerecht werdendes nach politikergeschwätz klingendes statement abzugeben, statt einfach ihre meist vernünftige meinung zu sagen, wie ihnen der schnabel gewachsen ist.
    sogar mein frisör bemüht sich in den 20 minuten, die ihm gegeben sind, um mir die welt zu erklären um ein ausgewogenes urteil. in der kultur der stuhlkreise ist jeder zur kindertante seines nachbarn geworden. herbert wehner oder franz josef strauss wären heutzutage fälle für sozialpädagogische sondermassnahmen. in einer partei kämen die nicht mehr über die gemeindevesammlung hinaus.

  7. @Johann-Friedrich. Du bist schon auf dem richtigen Weg. Die Politiker sind tatsächlich „schuldlos“, aber nicht in dem genannten Sinne. Das Volk selbst bringt nämlich die Politiker hervor, dh. es sind nur sehr wenige Menschen, die sich aktiv in die Politik einmischen. Vom Spiegelbild der Gesellschaft kann demzufolge lediglich insofern gesprochen werden, als der traurige Zustand des politischen Systems direkte Folge des weitverbreiteten Desintersses, sich aktiv einzumischen, ist.

    Ansonsten spiegelt sich die Gesellschaft in keinster Weise in den heutigen gewählten Abgeorndeten. So auch nicht in der Sozialstruktur des Parlaments, dessen grösste Berufsgruppe die Gruppe der Berufspolitiker ist. Auch die Ansichten der Bürger spiegeln sich nicht in den Parlamenten. Im Gegenteil wird in zentralen Fragen, man denke dabei an den Türkeibeitritt, entgegen dem Willen der Bürger gehandelt.

    Das Selbstverständnis der Politiker ist zweifellos das einer Elite, die einer für dumm gehaltene Masse belehrend gegenüber tritt.

    Selbstverständlich ist dies skandalös. Nur nutzt die Klage nichts. Denn solange ihr nichts tut, bleibt es bei dem Bundestag so wie er leider ist. Sagt was. Macht was. Mischt euch ein!

  8. @ Johann-Friedrich

    Natürlich hast du recht, daß viele Politiker nur das darstellen, was die Wähler (scheinbar?) wollen. Allerdings schreibe ich den Medien gerade einen großen Teil der Verantwortung dafür zu, daß die Leute oft Dinge „wollen“, die eigentlich gar nicht in ihrem eigenen Interesse liegen. Den Medien nur „Versagen“ zu unterstellen, ist meiner Meinung nach zu kurz gegriffen.

    Kein Wunder, die Linkslastigkeit und politische Korrektheit der meisten Medien ist ebenso wie ihre nicht zu leugende Macht auf den Willen der Menschen längst gut belegt. Es kommt dazu, daß nicht nur viele Journalisten selbst politisch anstatt objektiv sind. Auch die Politik nimmt ja gehörigen Einfluß auf (nicht nur) die öffentlich-rechtlichen Programme und Inhalte. So würde ich denn behaupten, daß man daran arbeitet, den Willen der Bürger zu modifzieren, daß sie dann all diese schönen Dinge tatsächlich „wollen“. (Natürlich gibt es da keine gemeinsame „Verschwörung“, aber jeder für sich, und einige gemeinsam arbeiten in die selbe Richtung.)

    Als Beispiele seien nur die Wiederwahl Schröders oder die einseitige Berichterstattung über die EU-„Verfassung“ genannt. Und wer berichtet schon von der Ideologie der „Jugendlichen“ in Frankreich? Nicht zuletzt der Irak-Krieg, bei dem den Deutschen die Argumente der Befürworter praktisch nie genannt wurden. Diese Art der Massenbeeinflussung, bei der erwiesenermaßen auch längst mit Lügen und der Verdrehung von Tatsachen gearbeitet wird, stellt unsere Demokratie natürlich vor erhebliche Probleme.

  9. Ich denke, die niedrige Wahlbeteiligung, der Rückzug ins Private ist auch vom deutschen Wahlrecht verursacht. Die Leute wählen, aber sie wählen Menschen, die in erster Linie ihrer Partei verantwortlich sind. Nicht den Wählern, auch wenn das wie ein Matra immer wieder kolportiert wird. Und da die Leute nicht dumm sind haben sie das Spiel durchschaut – und kümmern sich immer weniger um das Geschwätz. Und die Parteiendemokratur.
    Klar, man kann die Leute verstehen die da sagen, man soll sich halt engagieren. Aber ich bitte euch, das ist doch inzwischen zu einer Luftblase geworden.
    Die, die sich engagieren wollen haben entweder keine Zeit dazu (nicht jeder ist schließlich Beamter, der sich locker freistellen lassen kann – ohne Arbeitsplatzrisiko) oder werden von den Parteien zermürbt. Prominentes Beispiel ist Professor Kirchhoff, und ich bin sicher es gibt aberhunderte mehr. Man muss Intrigant wie SchröFischer sein, um nach oben zu kommen. Wer will das schon?
    Wie heisst es so schön: Scheisse schwimmt immer oben.

    In D fehlen die wirklich demokratischen Mitbestimmungsrechte wie z.B. in der Schweiz die plebiszitären Elemente. Die CH ist zwar ein bekanntes Beispiel, aber ein anderes kann ich auch empfehlen: Das der USA.
    Oh Gott, werden die Antiamerikanisten schreien – da ist doch Diktatur. 🙂

    Nun, á la „Konrad“ möchte ich einen sog. Lesebefehl erteilen:

    http://usaerklaert.wordpress.com/2006/10/11/der-bund-teil-9-drei-bemerkungen-zum-gesamtsystem/

    und

    http://usaerklaert.wordpress.com/2006/10/23/warum-abgeordnete-und-viele-beamte-in-den-usa-direkt-gewahlt-werden/

    Schaut Euch mal an, was dort alles gewählt wird – da gehen einem die Augen auf! DAS ist Demokratie, wie ich sie will.

    Und überhaupt: Dieses Blog kann ich jedem wärmstens ans Herz legen. Witzig, kompetent und sehr interessant. Und nicht nur Politik, sondern auch Kultur (der Betreiber hat allerdings eine seltsame Affinität zu Buffy…) Abseits allen Politgeschreis. Eine Wohltat!

  10. und weiter:

    Später räumte er ein, bei einer Burschenschaftsveranstaltung gesagt zu haben, es sei offensichtlich, dass „in unsere auf Pump finanzierten Sozialsysteme der letzte Ali aus der letzten Moschee Zuflucht nehmen kann“.

    Also wenn das was jeder eigentlich denkt schon als volksverhetzend gilt na dann, gute Nacht.

  11. Jeder bekommt die Regierung die er verdient…

    Deshalb hat der dumme, faule und verfressene,
    verlogene, bequeme und realitätsfremde Deutsche Blödel die Nasenbären des Bundestages erhalten!
    Und wird nun die Scharia erhalten.

    Nur die deutschesten aller Kälber wählen Ihre Schlächter selber

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